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Militärforschung: Britische Elite-Unis bekommen Rüstungs-Millionen

Militärforschung in Großbritannien: 18 der besten britischen Unis räumen ein, mehr als hundert Millionen Euro von Rüstungsfirmen und vom Verteidigungsministerium bekommen zu haben. Ein moralisches Problem sehen die meisten darin nicht.

Atom-U-Boot von BAE Systems: Dürfen Unis Geld von Rüstungsfirmen nehmen? Zur Großansicht
Getty Images/ BAE Systems

Atom-U-Boot von BAE Systems: Dürfen Unis Geld von Rüstungsfirmen nehmen?

An deutschen Universitäten tobt der Streit darüber, ob die Hochschulen Geld von Rüstungsfirmen und vom Militär für Forschungsprojekte annehmen dürfen. Großbritanniens renommierteste Hochschulen haben da offenbar weniger Skrupel: 18 Mitglieder der Russell Group, in der sich die führenden britischen Unis zusammengeschlossen haben, bekamen zwischen 2008 und 2011 mindestens hundert Millionen Euro (83 Millionen Pfund) von Waffenfirmen und dem Verteidigungsministerium. Das haben Recherchen der britischen Ausgabe der "Huffington Post" und der Lobbygruppe Campaign Against The Arms Trade (CAAT) ergeben.

Demnach floss die größte Summe aus der Rüstungsindustrie und von der britischen Regierung an das Imperial College in London, nämlich umgerechnet rund 19 Millionen Euro. Dichtauf folgen die Universitäten in Sheffield und Cambridge mit 17 Millionen, sowie die Oxford University mit mehr als 11 Millionen Euro. Die Russel Group, die zusammen weit über die Hälfte aller Forschungsmittel einwirbt, besteht aus 24 Hochschulen. Doch sechs wollten sich zu dem Thema nicht äußern. Nur die London School of Economics gab an, keine Aufträge aus der Wehrindustrie bekommen zu haben.

Der eifrigste Geldgeber sei mit rund 47 Millionen Euro der Triebwerkshersteller Rolls-Royce plc, der sich auf seiner Webseite als "ein Weltführer auf dem Militärtransportmarkt" beschreibt, berichtete CAAT. Auch die britischen Rüstungsunternehmen BAE Systems und QinetiQ hätten Projekte an mehreren Universitäten mit zusammen mehr als 17 Millionen Euro finanziell unterstützt. Beth Smith von CAAT sagte, die Universitäten bedeckten Rüstungsfirmen mit einem "Schleier der Ehrbarkeit", wenn sie mit ihnen zusammenarbeiteten. Das Thema solle wenigstens mal diskutiert werden, hieß es aus der Lobbygruppe.

Jede Partnerschaft sei angemessen, sagt die Russell Group

Ein Sprecher der Russell Group sagte der "Huffington Post", wie alle Hochschulen auf Weltklasseniveau kooperierten die Universitäten der Gruppe mit privaten und öffentlichen Geldgebern, auch aus dem Verteidigungssektor. "Alle unsere Universitäten haben robuste Systeme eingerichtet, um sicherzustellen, dass jegliche Partnerschaft angemessen ist." Das Imperial College erklärte, das Geld von Firmen und Organisationen aus dem militärischen Bereich mache nur eineinhalb Prozent der jährlichen Forschungseinnahmen aus.

Der Widerstand gegen Militärforschung mag in Großbritannien zwar weniger ausgeprägt sein als in Deutschland, aber er ist nicht neu. So musste sich zum Beispiel die Universität von York dafür rechtfertigen, mehrere Millionen Euro von Rüstungsfirmen entgegengenommen zu haben, wie die Studentenzeitung "Nouse" im Mai 2011 schrieb. Vor fünf Jahren hatte CAAT bereits einen Bericht veröffentlicht, wonach an 26 ausgewählten britischen Unis zwischen 2001 und 2006 mehr als 1900 militärische Forschungsprojekte liefen. Es ist allerdings oft nicht leicht zu entscheiden, wo militärische Forschung anfängt. Gilt eine Technik zum Beispiel schon als militärisch, weil sie in Kampfflugzeugen genutzt werden könnte?

In Deutschland investiert allein das Verteidigungsministerium jährlich etwa eine Milliarde Euro in Wehrforschung, militärische Entwicklung und Erprobung. Etwa acht Millionen davon fließen direkt an Hochschulen. In vielen Städten haben sich Aktionsgruppen und Arbeitskreise zusammengefunden, die eine Zivilklausel an ihrer Uni durchsetzen wollen, etwa in Augsburg, Braunschweig und Köln. Andere Unis haben sich bereits eine solche Selbstverpflichtung auferlegt, sich fernzuhalten von allem, was für Rüstung und Krieg verwertbar sein könnte. Dazu gehören Bremen, Konstanz, Tübingen und Kassel, wobei sich nicht alle konsequent an die Zivilklausel halten.

son

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1. Skandal!
jObserver 24.08.2012
Da ist auch kein Problem dran. Forschung bleibt Forschung, unabhängig von den Geldgebern und dem Ergebnis. Die Verwendung der Erkenntnisse ist dann etwas völlig anderes! Wer an U-Booten forscht, um das Bild herzunehmen, der forscht gleichzeitig für sparsamere Schiffsformen. Für Effizienz. Für Umweltschutz. Ganz besonders auch für Lärmschutz unter Wasser. Alles heere Ziele! Und wenn man auf das Geld der Rüstung verzichtet? Nun, wenn man dann überhaupt noch daran forschen kann, dann erforscht man genau die gleichen Dinge. Statt dass es sich die Schiffsbauer aber bei den U-Booten abschauen, schauen es sich die U-Boote bei den Schiffsbauern ab. Bravo! Dann lieber 100 Millionen mehr für GUTE Forschung! Endlich bitte auch hier, ganz offen und ehrlich!
2. Wann lernen es unsere lieben Journalisten endlich...
fuhbar 24.08.2012
Rolls-Royce Motor Cars hat seit mehr als 10 Jahren nichts mit der hier gemeinten Rolls-Royce plc zu tun. Letztere ist in der Luft- & Schifffahrt (auch militärisch) und Energietechnik aktiv.
3.
peter_30201 24.08.2012
Zitat von jObserverDa ist auch kein Problem dran. Forschung bleibt Forschung, unabhängig von den Geldgebern und dem Ergebnis. Die Verwendung der Erkenntnisse ist dann etwas völlig anderes! Wer an U-Booten forscht, um das Bild herzunehmen, der forscht gleichzeitig für sparsamere Schiffsformen. Für Effizienz. Für Umweltschutz. Ganz besonders auch für Lärmschutz unter Wasser. Alles heere Ziele! Und wenn man auf das Geld der Rüstung verzichtet? Nun, wenn man dann überhaupt noch daran forschen kann, dann erforscht man genau die gleichen Dinge. Statt dass es sich die Schiffsbauer aber bei den U-Booten abschauen, schauen es sich die U-Boote bei den Schiffsbauern ab. Bravo! Dann lieber 100 Millionen mehr für GUTE Forschung! Endlich bitte auch hier, ganz offen und ehrlich!
Na ja, man kann die Forschung jetzt nicht pauschal von ihrer Verantwortung entbinden; nach dem Motto: Ich habe doch Pestizide entwickelt, keine Chemiewaffen. Ich finde ein anderen Punkt zu kurz gedacht; in einigen Branchen gibt es überhaupt keine bzw. kaum Hersteller in Deutschland, die keine Rüstungssparte haben bzw. für die Rüstung produzieren. Seien es jetzt Airbus sprich EADS oder Mercedes Benz, eine strikte Einhaltung solcher Auflagen ist kaum durchführbar. Wenn man jetzt anfängt, Einzelfälle zu prüfen, ist man schnell an dem Punkt: wenn ich dieses Rohr jetzt aber umdrehe, erhalte ich nicht dingens sondern bummens, sprich: das ganze wird zu Orakel, ob denn eine nicht-zivile Nutzung denkbar ist.
4. Heuchelei!
auswertung 24.08.2012
Es ist ja schön und gut, an den Universitäten und Forschungseinrichtungen sich frei halten zu wollen von ethisch verwerflichen Themen und Unterstützungen. Forschungsarbeiten für Sicherheit und Verteidigung gehören aber schlichtweg NICHT zu solchen verwerflichen Themen! Es sind die Grundlagen unseres Lebens in Ruhe und Sicherheit, wofür ein Mindestmaß eigener Sicherheitsvorsorge und damit auch eigene Sicherheitskräfte und Streitkräfte garantieren. Will jetzt also langsam akademischen Elfenbeinturm sitzt, und mein, damit habe er nichts zu tun, ist absolut naiv und weltfremd. Sicherheit ist ein Gut, welches man erst zu schätzen weiß, wenn sie nicht mehr gegeben ist. Angst ist ein enormer Faktor, um Menschen zu bewegen. Aber wenn angst kommt, ist es eh zu spät. Und dann haben all diejenigen, die mit ihren Zivil Klauseln sich fein rausgehalten haben, versagt. Viele Aktivisten sollten auch mal ihre Professoren fragen, für welche Themen sie so Drittmittel einnehmen, die absolut gesellschaftsschädlich sind. Autofahren, rauchen, Atomkraft, häusliche Gewalt - eine Menge ist möglich. Ich halte diese Heuchler nicht mehr aus. Genauso wenig aber auch Redakteure beim Spiegel, die bei jeder kleinsten Meldung über Panzer Exporte auf der Palme zu sein scheinen. Jeder Staat hat eine Armee. Entweder die eigene, oder eine fremde. Und das wollen wir wirklich nicht.
5.
bertburk 24.08.2012
Zitat von peter_30201Na ja, man kann die Forschung jetzt nicht pauschal von ihrer Verantwortung entbinden; nach dem Motto: Ich habe doch Pestizide entwickelt, keine Chemiewaffen. Ich finde ein anderen Punkt zu kurz gedacht; in einigen Branchen gibt es überhaupt keine bzw. kaum Hersteller in Deutschland, die keine Rüstungssparte haben bzw. für die Rüstung produzieren. Seien es jetzt Airbus sprich EADS oder Mercedes Benz, eine strikte Einhaltung solcher Auflagen ist kaum durchführbar. Wenn man jetzt anfängt, Einzelfälle zu prüfen, ist man schnell an dem Punkt: wenn ich dieses Rohr jetzt aber umdrehe, erhalte ich nicht dingens sondern bummens, sprich: das ganze wird zu Orakel, ob denn eine nicht-zivile Nutzung denkbar ist.
Wieso sollte man einem Forscher vorwerfen wenn seine zivil gedachte Erfindung militärisch zweckentfremdet wird ? Das ist doch genauso unsinnig wie einem Messerhersteller in Haftung nehmen zu wollen weil jemand mit dem Küchengerät seine Frau erstochen hat.
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