Militärspionage im Uni-Kurs: Studenten erforschen Pekings Atomarsenal

Von Heike Sonnberger

Wie viele Atomraketen hat China unter der Erde versteckt? Diese Frage stellte ein ehemaliger Pentagon-Stratege seinen Studenten an einer Washingtoner Uni. Drei Jahre lang wühlten sich die "Hilfsspione" durch Dokumente, Satellitenfotos und das Web. Jetzt legen sie ein umstrittenes Ergebnis vor.

Studenten als Hilfsspione: Waffensuche mit Google und Fernsehen Fotos
CCTV

Es begann in einer gewöhnlichen Vorlesung: Philip Karber, Dozent für internationale Politik an der Georgetown University in Washington, referierte über Atomwaffen und Abrüstung, über internationale Sperrverträge und nationale Militärstrategien. Und wie jedes Semester zeigte er seinen Politikstudenten Videos und Dokumente zu einem Thema, das den ehemaligen Verteidigungsstrategen wohl schon länger beschäftigte: ein ausgedehntes unterirdisches Tunnelnetz, in dem das chinesische Militär Waffen horten soll.

Einige von Karbers Studenten aus dem Kurs "Multipolarität und Waffenkontrolle" im Institut für Internationales Recht und Politik begeisterten sich für dieses Thema. Vor drei Jahren begannen sie eine Großrecherche, berichtet die "Washington Post". Sie filzten Internetseiten, Dokumente, Videos, Karten, Satellitenbilder und Blogs - immer mit dem Fokus: Enthalten diese Hinweise auf chinesische Militärgeheimnisse und Tunnel? Nun sind die Studenten fertig, demnächst soll ihre rund 350 Seiten lange Studie veröffentlicht werden.

Hobby-Rechercheure, die Militärgeheimnisse einer Großmacht enthüllen - das klingt zunächst einmal spektakulär. Doch ganz so brisant ist der Fall nicht, denn es gibt Zweifel an den Quellen der eifrigen Akademiker. So werteten sie auch zwei halb-fiktionale chinesische Fernsehserien aus. Deren Episoden handeln von Soldaten einer Sondereinheit der chinesischen Armee - und es tauchen darin neben kitschigen Liebesgeschichten auch Raketen und Tunnel auf.

Ein weiteres Problem: Die meisten Quellen waren natürlich auf Chinesisch. Und weil sich pro Semester nur ein bis zwei Kommilitonen rekrutieren ließen, die der Landessprache mächtig waren, übersetzten die Studenten die meisten Dokumente mit Hilfe einer Software.

"Ich bin fett geworden wegen dieser Sache"

"Es fing wie jeder andere Kurs an, mit Tests an diesem oder jenem Tag", erzählte der ehemalige Student Dustin Walker, 22, der Zeitung. "Aber die Leute kamen immer wieder zurück, sogar nach ihrem Uni-Abschluss." Stunden hätten sie außerhalb des Unterrichts mit ihren Recherchen verbracht.

Sie hatten einen Mentor mit beachtlicher Erfahrung: Philip Karber, 65, diente in den achtziger Jahren als Strategieberater des Verteidigungsministeriums unter der Regierung des US-Präsidenten Ronald Reagan. An der Georgetown University unterrichtet Karber seit 1978 als außerordentlicher Professor.

Seinen Studenten erzählt er gern die Geschichte, wie er kurz nach dem Ende des Kalten Kriegs im Auftrag des Pentagon nach Russland reiste. "Wir trafen uns mit russischen Generälen", zitiert ihn das "Wall Street Journal". Einer davon habe der amerikanischen Delegation offenbart, dass sich das sowjetische Arsenal auf 40.000 Sprengköpfe belaufe - "nicht auf 20.000, wie wir dachten."

Karber behielt seinen Draht ins Pentagon. Er engagierte sich in der Sondereinheit Defense Threat Reduction Agency (DTRA), als 2008 ein Erdbeben die chinesische Provinz Sichuan erschütterte. Chinesische Medienberichte, dass Tausende Nuklearexperten in die Gegend geeilt seien, sorgten in der DTRA damals für Irritation. Außerdem machten Bilder von merkwürdig zusammengesackten Hügeln die Runde. Hatte China dort nukleare Sprengköpfe in unterirdischen Tunneln gelagert?

Die Existenz der Tunnel ist schon lange bekannt

Die DTRA setzte Karber auf die Frage an. Der rekrutierte seine Hilfsanalysten diesmal an der Uni. Erst war es nur eine Handvoll Begeisterter, doch ihre Zahl wuchs mit der Zeit auf rund zwei Dutzend an. "Ich bin fett geworden wegen dieser Sache, weil ich nicht mehr ins Fitnesscenter ging. So intensiv war es", sagte Politikstudent Nick Yarosh der "Washington Post".

Die Studenten übersetzten militärische Dokumente sogar in ihren Wohnheimen. Um ihre Arbeit zu erleichtern, richtete Karber bei sich zu Hause einen Rechercheraum mit Computern ein und trieb Fördergeld auf für die Studenten, die während der Sommerferien weiterarbeiten wollten. In drei Jahren bauten sie eine beachtliche Datenbank zu den chinesischen Tunneln auf.

Ob diese auch bahnbrechende Daten enthält, ist umstritten. Denn dass die chinesische Armee ein kilometerlanges Tunnelnetz gegraben hat, ist nicht neu. Die chinesischen Medien hatten Ende 2009 selbst berichtet, dass dieses Tunnelnetz insgesamt mehr als 5000 Kilometer lang sei, schreibt das US-Verteidigungsministerium in seinem aktuellen Bericht zu militärischen Entwicklungen Chinas.

Militärgeheimnisse aus Blogs?

Karber und seine Studenten kommen gleichwohl zu einem provokanten Schluss: Chinas Atomwaffenarsenal könnte weitaus größer sein als bisher angenommen - wohlgemerkt: könnte. Westliche Experten gehen üblicherweise von 240 bis 400 Sprengköpfen aus - Karber vermutet, dass es bis zu 3000 sein könnten und begründet das vor allem mit den angeblich gigantischen Ausmaßen der Tunnel.

Kritiker zweifeln diese These an. Der Politikwissenschaftler und China-Experte Gregory Kulacki kritisierte die Studie unlängst auf einem Vortrag in Washington: "Aus der Tatsache, dass sie Tunnel gebaut haben, könnte man auch den genau umgekehrten Schluss ziehen." Nämlich dass China weniger Sprengköpfe nötig habe, wenn es sie in ausgedehnten Tunneln gut geschützt lagern könne.

Auch für ihre Methodik haben sich die Studenten Schelte eingefangen. Dass Einträge chinesischer Blogger in die Studie eingeflossen sind, hält Kulacki zum Beispiel für verwerflich. Er beschimpfte die Methodik als "inkompetent und faul".

Karber selbst räumt ein, dass die Thesen seines Teams zumindest spekulativ sind: "Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wie viele Atomwaffen China tatsächlich hat." Das sei eben das Problem mit den Chinesen. "Keiner weiß es wirklich - außer ihnen selbst."

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insgesamt 34 Beiträge
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1. Was bringt dieser Artikel?
AsienPhD 30.11.2011
Ich muss mich ja schon wundern. Da schreiben ein paar Studenten eine schlechte Datensammlung zusammen, von denen selbst die Autoren sagen, das sie unwissenschaftlich ist und dann kriegen sie hier einen ganzen Artikel gewidmet? Ich glaube Sie sollten Ihre Energien lieber Themen mit mehr Substanz widmen. Lesen Sie doch mal den zitierten Bericht an den US Congress zu China und diskutieren Sie den. Oder wollen Sie hier unkritische Panikmache gegenueber China verbreiten?
2. Ergibt keinen Sinn
Chinainteressierter 30.11.2011
Atomwaffen sind im Unterhalt sehr teuer. Militärisch hat eine große Zahl dieser Waffen für China überhaupt keinen Nutzen - zur Abschreckung reichen wenige hundert. Es ist daher absolut unwahrscheinlich, dass China Geld für solche Projekte verschwenden würde.
3. Atomwaffen
WederGutNochBöse 30.11.2011
Das China Atomwaffen hat ist ja nichts neues, das wusste man schon bevor ich geboren wurde, das es sich nicht von jedem in die Karten schauen lässt, hat China mit den USA gemein, also was soll jetzt die große Neuigkeit sein?
4.
hubelwutz 30.11.2011
Ich kann mich dem ersten Posting nur anschließen, die Studie/Ergebnisse der Wissenschaftler erscheinen mehr als spekulativ und evtl. sollten eher Themen aufgegriffen werden, die mehr Substanz haben. mfg
5. Ach was
Websingularität 30.11.2011
Zitat von sysopWie viele Atomraketen hat China unter der Erde versteckt? Diese Frage stellte ein ehemaliger Pentagon-Stratege seinen Studenten an einer Washingtoner Uni. Drei Jahre lang wühlten sich die "Hilfsspione" durch Dokumente, Satellitenfotos und das Web. Jetzt legen sie ein umstrittenes Ergebnis vor.
Und im SPON-Artikel nebenan wurde behauptet, die USA produzieren Killerviren aus Vogelgrippe. Wenn das nächstes Jahr irgendwo in China ausbricht, sieht es wie ein Unfall aus. Und bis die Chinesen merken, dass sie angegriffen werden, gibt's keine Chinesen mehr. Ich sag euch, die Schweinegrippe war nur ein "Probedurchlauf". Soviel zum Konfrontationskurs USA-China.
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