Mini-Studiengang: Besuch bei den Meistern der Logik

Von Petra Sorge

Die Studenten in Deutschlands kleinstem Studiengang kennen weder Wartelisten noch Fußbodenplätze im Hörsaal. Beim Master-Studium Logik an der Uni Leipzig sind die Bedingungen himmlisch: Fünf Studenten lernen von drei Professoren. Und oft kommt es ihnen vor, als würden sie nur spielen.

Ist doch logisch: Deutschlands kleinster Studiengang Fotos
Petra Sorge

Professor Ingolf Max malt ein "B" an die Tafel. Darunter zieht er zwei Linien und ergänzt die Worte "das Wahre" sowie "das Falsche". Das Schaubild soll erklären, wie Gottlob Frege die Wahrheit definiert. Kein leichter Stoff.

Das Quietschen der Kreide hallt in dem großen Seminarraum wider. Der Raum ist für rund sechzig Studenten ausgelegt. Die Stühle stehen eng an eng, Tische gibt es aus Platzgründen nicht, stattdessen ein ausklappbares Brett neben der Sitzfläche.

In Max' Seminar "Nicht-klassische Logiken" sitzen aber nur sechs Teilnehmer. Zwei Gasthörer und in der ersten Reihe vier Studenten - Wiebke Nadler, Jana Thesing , Rainer Benz und Daniel Skurt. Die vier sind im Fach Logik eingeschrieben. Der Master-Studiengang gehört nicht nur zu den kleinsten an einer öffentlichen Hochschule. Die Universität Leipzig ist auch die einzige in Deutschland, die das Fach als eingenständiges Masterstudium anbietet.

Wenn Studenten einmal krank sind, wird es noch familiärer, erzählt Rainer Benz, 27: "Letzte Woche etwa waren wir mit dem Dozenten zu dritt." Die Studenten wollten nicht im Seminarraum bleiben. "Da sind wir dann in den kleineren Beratungsraum gegangen." Im Vorzimmer des Professors. Ab und zu gibt ein Dozent auch mal einen Kaffee für seine Studenten aus. Zu Weihnachten brachte eine Kommilitonin Plätzchen mit. Und im Juni lud einer der Professoren seine Studenten zur Grillfeier ein.

"Hat man einen Beweis, ist man auch irgendwie fertig"

Die Logik ist ein Mikrokosmos, in dem sich nur Denker bewegen. Es geht um Definitionen, Beweise und Ableitungen. Die Logik hinterfragt das Gesetzte - und schafft Grundlagen für andere Fächer. Freges Definition des Faches fasst Rainer Benz so zusammen: "Logik gilt als Gesetz des Wahrseins." Ihn interessieren die Angebote der Logik - intelligente Systeme, Wahrscheinlichkeiten, Induktion - so sehr, dass er sich nach seinem Bachelorstudium Wirtschaftsinformatik noch einmal neu orientierte.

Wiebke Nadler hatte bereits ein ganzes Diplomstudium in der Tasche, als sie sich für den zweijährigen Logikmaster einschrieb. "In der Biochemie kann man ein halbes Jahr im Labor stehen und es kommt nichts dabei heraus", sagt sie. In der Logik sei das ganz anders: "Wenn man einen Beweis hat, hat man sofort ein Erfolgserlebnis - und ist auch irgendwie fertig."

Von dem Zahlenverhältnis im Master Logik können die meisten der 30.000 Studenten an der Uni Leipzig nur träumen: Drei Professoren und fünf Lehrbeauftragte stehen insgesamt fünf Studenten gegenüber.

Kelvin Autenrieth studiert Logik als einziger bereits im zweiten Jahr. Anfangs war er sogar oft mit dem Professor allein. "Da hat man einen gesunden Druck, zu kommen, anders als bei Seminaren mit 40 und mehr Studenten, wo es nicht auffällt, wenn man mal wegbleibt." Er konnte alles fragen, auch Persönliches und Dinge tun, bei denen Dozenten für gewöhnlich die Nase rümpfen - zum Beispiel "die Wurststulle rausholen".

Sprechen nach Zahlen

Die Leipziger Logik wurde in den fünfziger und sechziger Jahren von Philosophen wie Ernst Bloch oder Lothar Kreiser aufgebaut. Nach der Wende erhielten Logik und Wissenschaftstheorie ein eigenes Institut in der Fakultät, an dem bis zu 250 Studenten eingeschrieben waren. Doch 2005 wurde der Logik als Magisterstudiengang abgeschafft, weil die Uni sparen musste.

Erst die Bologna-Reform bot Studiendekan Ingolf Max und den anderen Professoren eine neue Chance: Die Logik wurde nun als nicht-konsekutiver, also mit allen Bachelor-Abschlüssen kombinierbarer, Master eingerichtet.

Für Kelvin Autenrieth war das ein Glücksfall. Er hatte sich nach seinem Abitur zunächst an einem technischen Studiengang versucht. Doch der junge Mann ist ein Denker, kein Praktiker und wechselte zur Philosophie, wo er erstmals mit der Logik in Kontakt kam. Das war zunächst etwas "gezwungen", erinnert er sich, aber "als ich begriffen habe, wie das Ganze funktioniert, hat es ziemlich viel Spaß gemacht".

Die Logik ist für ihn wie ein Spiel und so sind auch manche Seminare angelegt. Zum Beispiel, wenn sich der Professor mit Hendrik Stelling, dem ersten Doktoranden des Logikstudiengangs, duelliert. Da wird Sprache in Zahlen ausgedrückt, werden Wikipedia-Artikel zerpflückt. Master-Student Autenrieth beschäftigt sich auch in seiner Abschlussarbeit mit Spielen und deren Regeln. Er könnte sich vorstellen, später in der Spielindustrie zu arbeiten.

Die Absolventen des auslaufenden Magisterstudiengangs sind in verschiedenen Branchen untergekommen, etwa bei Banken, Verlagen, Versicherungen oder Softwareunternehmen. In Leipzig haben sie das Argumentieren gelernt, oder, wie Autenrieth sagt, "die Kunst des präzisen Denkens". Mit ihm hatten sich drei Studenten eingeschrieben, doch alle gaben nach und nach auf. Dann fragte der Professor seine letzten verbleibenden Studenten aus dem ersten Jahrgang, ob er nicht sein Assistent werden wolle. "Es gab ja sonst keinen anderen Kandidaten", sagt Autenrieth.

Das Massenstudium kennen die Logiker nur als Tutoren

Heute ist er als studentische Hilfskraft angestellt und arbeitet als Tutor. Autenrieth und seine vier Master-Kommilitonen leiten Übungen, insgesamt organisieren sie 18 Veranstaltungen und so ein ganzes Modul für die rund 450 Bachelorstudenten an der philosophischen Fakultät.

Dann sitzen den jungen Logikern bis zu 40 Teilnehmer gegenüber und sie erfahren, was Massenstudium wohl bedeutet. Die Räume sind oft überfüllt und die Stimmung ist mies. "Achtzig Prozent der Leute sitzen lethargisch in der Ecke und würden am liebsten schreiend wieder rausrennen", sagt Autenrieth.

Dass Studiendekan Ingolf Max sein kleines Master-Grüppchen breit streut, hilft dem Fach. Die Studenten geben Tutorien in Philosophie, Linguistik, Informatik, und sogar Angebote in systematischer Musikwissenschaft und Indologie sind geplant. Die gute Vernetzung stärkt die Position der Logik an der Massenuni Leipzig.

Ob es auch in Zukunft genügend im Master-Studium Logik gestählte Nachwuchsdenker geben wird, entscheidet sich bis Mitte August. Bis dahin können sich Interessenten für den Masterstudiengang im kommenden Semester anmelden. Die Leipziger Logik hofft auch auf Zuwachs, schließlich sind sieben Plätze zu besetzen.

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insgesamt 12 Beiträge
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1. ...
neuroheaven 11.08.2010
logik: wenn strecke "a" genauso lang ist, wie strecke "b" und wenn strecke "a" genauso lang ist, wie strecke "c" dann ist strecke "b" genauso lang, wie strecke "c"
2. Master-Studium Logik
vhf 11.08.2010
Zitat von sysopMaster-Studium Logik an der Uni Leipzig
Schoen, dass es sowas gibt. Waehrend meines Informatikstudiums hab ich mal ein bischen in diese Welt reingucken duerfen und war fasziniert. Weiss irgendwer, ob's das auch als Fernstudium gibt?
3. Ach ja..
rewerb 11.08.2010
der Master. Fur jeden Pups ein neuer Studiengang. Ich habe das Gefühl, manche Fakultäten möchten ins Guiness-Buch der Rekorde mit den am meisten angebotenen Studiengängen.
4. Gegoogelter Schenkelklopfer
Rubeanus 11.08.2010
Stelle ein paar Personen die Frage: "Was ist 2*2" und du wirst folgende Antworten erhalten: Der Ingenieur zückt seinen Taschenrechner, rechnet ein bisschen und meint schließlich: "3,999999999" Der Physiker: "In der Größenordnung von 1*10^1" Der Logiker: "Bitte definiere 2*2 präziser." Der Hacker bricht in den NASA-Supercomputer ein und lässt den rechnen. Der Psychiater: "Weiß ich nicht, aber gut, dass wir darüber geredet haben..." Der Buchhalter wird zunächst alle Türen und Fenster schließen, sich vorsichtig umsehen und fragen: "Was für eine Antwort wollen Sie hören?" Der Jurist: "4, aber ich ich weiß nicht, ob wir vor Gericht damit durchkommen." Der Politiker: "Ich verstehe ihre Frage nicht..." Der Mathematiker wird sich einen Tag in seine Stube verziehen und dann freudestrahlend mit einen dicken Bündel Papier ankommen und behaupten: "Das Problem ist lösbar, und die Lösung ist eindeutig!"
5. Da sieht man wieder wie weit die deutsche Bildung
blob123y 11.08.2010
fern der Realitaet ist. Den jeder Computer etc. basiert auf Logic, in dem Fall Boolean Logic usw. Wer das nicht beherrscht wird auch Computerprogrammierung eigentlich wirklich nie beherrschen. Ist wirklich erstaunlich wenn man so etwas wie das hier liesst aber es zeigt eindeutig warum Deutschland in bezug auf Computer nie eine Rolle gespielt hat obwohl der Computer eigentlich auf Deutschland kommt, siehe ZUSE. Der Zuse wuerde sich im Grab umdrehen wenn er das mitbekommen wuerde, na ja studiert halt Yoga !
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