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TU Dresden: Kollegen distanzieren sich von "Pegida-Versteher" Patzelt

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Professor Werner Patzelt: Pegida-Erklärer in der Kritik Fotos
Getty Images

Werner Patzelt, Politikprofessor aus Dresden, erklärt seit Wochen in den Medien die Pegida-Bewegung - und dass man die Ängste der Demonstranten ernst nehmen muss. Jetzt distanzieren sich einige Kollegen öffentlich von ihm.

Es stand hundertfach schwarz auf weiß. Leise flatterten die Flugblätter vom obersten Stock in den untersten des Hörsaalzentrums der TU Dresden. "Herr Patzelt ist in der gesamten Pegida-Debatte mehr politischer Akteur denn Wissenschaftler", stand darauf. So berichtet es eine Studentin, die dabei war.

Hinter der Aktion steckten Studenten des Instituts für Politikwissenschaft. Sie wollten ihrem Unmut über ihren Professor für politische Systeme und Systemvergleiche, Werner Patzelt, Luft machen. Die Studentin sagt, sie könne sich mit der Botschaft ihrer Kommilitonen identifizieren: Patzelt analysiere Pegida nicht nur. Er sympathisiere mit der Anti-Islam-Bewegung.

Die Blätter gegen den 61-jährigen Wissenschaftler mit CDU-Parteibuch flogen am Mittwochmorgen. Am Donnerstag folgte ein offener Brief, in dem sich auch Kollegen von Patzelt distanzierten. Zwölf Mitarbeiter des Dresdner Politik-Instituts stellten ihr Schreiben am Donnerstagvormittag ins Netz und schickten es Patzelt zu. "Uns liegt sehr daran, den von Werner Patzelt gegen Pegida-kritische Demonstrationen in Dresden erhobenen Vorwürfen entgegenzutreten", heißt es in dem Schreiben.

"Wir sind keine Pegida-Versteher"

Es sind Proteste gegen einen Professor, der in den vergangenen Wochen auf beinahe allen Kanälen dafür geworben hat, die Sorgen von Pegida-Demonstranten ernst zu nehmen. Patzelt erklärte die Bewegung in Zeitungen, auf SPIEGEL ONLINE, in Talkshows von ARD und ZDF und im "Deutschlandfunk". Er kennt offenbar wenig Berührungsängste: Er sprach auch mit der umstrittenen rechtskonservativen Wochenzeitung "Junge Freiheit" und war "natürlich" bei mehreren Pegida-Umzügen dabei - aus Forscherinteresse, wie er betont.

Nach der Absage einer Pegida-Demo Mitte Januar hatte Patzelt die bundesweiten Anti-Pegida-Demonstrationen kritisiert: Die "Feindbildpflege" der Gegendemonstranten sei mit schuld daran, dass die freie Meinungsäußerung der Pegida-Anhänger eingeschränkt werde. Das generelle Demonstrationsverbot hatte die Dresdner Polizei allerdings verhängt, weil es Drohungen aus der Islamistenszene gegen Pegida-Organisatoren gegeben hatte, wie der SPIEGEL berichtete.

Für die Autoren des Kollegenbriefs fasst Oliviero Angeli, Dozent für politische Theorie am Institut, das Unbehagen seiner Kollegen zusammen: "Wer öffentlich fast ausschließlich über die Belange von Pegida-Anhängern redet, droht, zu deren Sprachrohr zu werden. Politikwissenschaftler sind keine hauptberuflichen Pegida-Versteher, sie müssen die Gesellschaft als Ganze in den Blick nehmen", sagt Angeli. Patzelt schenke der Situation von Flüchtlingen und Asylsuchenden öffentlich zu wenig Bedeutung. Deutlich werde das in Aussagen Patzelts, die er bei einem Dresdner Lokalsender machte. Dort hatte er die These vertreten, die Absage des Pegida-Marsches sei "eine Folgerung dessen, was der allgemeine Kampf gegen Pegida ausgelöst hat", so Patzelt in dem auf YouTube geposteten Video.

Dass Pegida-Demonstranten ausgegrenzt würden, sei "blanker Hohn", schreiben Angeli und Kollegen. Es sei nicht richtig, "dass Gegendemos für eine Zuspitzung der politischen Atmosphäre in Dresden verantwortlich sind", zu denen auch die Universität alle ihre Mitglieder aufgerufen habe. Viele Wissenschaftler, die an Gegendemos teilgenommen hätten, fühlten sich von Patzelt zu Unrecht kritisiert, sagt Angeli.

Offen für eine Diskussion

Patzelt selbst gibt auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE an, die Meinung seiner Kollegen zu akzeptieren. In einer pluralistischen Forschungslandschaft seien "unterschiedliche Einschätzungen das Natürlichste der Welt". Er freue sich auf eine Diskussion mit den Unterzeichnern des Briefs. Patzelt bestätigt, bei Pegida-Demos dabei gewesen zu sein. Er sei aber "nicht mitgelaufen, sondern habe bei Steh-Demonstrationen die Stimmung der Teilnehmer beobachtet". Den Marsch habe er an sich vorbeiziehen lassen.

Das Flugblatt der Studenten habe er sofort auf seine Facebook-Seite gestellt, um den Inhalt bekannt zu machen, so der Professor. Er wolle mit den Studenten sprechen, weil ihm beim Durchlesen des Flugblatts "große Missverständnisse" bezüglich seiner Haltung aufgefallen seien. "Andererseits wird mir auch manches vorgehalten, worüber man tatsächlich verschiedener Ansicht sein kann."

Die Studentin, welche die Flugblattverteilung beobachtet hat, kennt Patzelt aus seinen Vorlesungen. Ihr geht es wie dem Wissenschaftler Angeli: "Wünschenswert wäre, dass Herr Patzelt mit seiner wissenschaftlichen Autorität darauf hinweist, dass nicht etwa Pegida-Anhänger ausgegrenzt werden, sondern vor allem Migranten oder Flüchtlinge." Patzelt solle versuchen, "unsere Position zu verstehen".

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