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Modellprojekt am Ende: Manager-Uni wegen Management-Fehlern verramscht

Von Alexander Ross

Das Stuttgarter SIMT sollte zur Vorzeige-Managerschmiede werden. Es zerbrach an Managementfehlern und wurde zum Grab für viele Millionen, die Landesregierung, Industrie und Stadt hineinpumpten. Jetzt fand das schwäbische Heißluft-Harvardle einen Käufer: Haste mal 'nen Euro?

Die Betriebswirtschaftslehre sei eine "Schönwetter-Wissenschaft", bemerkte einst der renommierte Münchner BWL-Professor Eberhard Witte, denn es gebe keine schlüssige Theorie der Unternehmenskrise. Hier hatte das "Stuttgart Institute of Management and Technology" (SIMT) den Business-Schools in aller Welt viel voraus: Die Pleite wurde nicht theoretisch gelehrt - ganz praktisch fand sie am SIMT schon zweimal beinahe statt.

SIMT-Gebäude: Schmuck und günstig zu haben

SIMT-Gebäude: Schmuck und günstig zu haben

Dabei trat das SIMT als schwäbische Antwort auf internationale MBA-Schmieden an. Gegründet wurde es 1998 als Public-Private-Partnership von namhaften Unternehmen wie Trumpf und Bosch sowie den Universitäten Stuttgart, Hohenheim und Tübingen. Doch peinlich für alle beteiligten Manager und Professoren: Sie versagten offenkundig in genau jener Praxis, die sie anderen beibringen wollten - für Studiengebühren von rund 25.000 Euro.

Jahrelang sah man zu, wie sich Professoren als Manager ausprobierten. Zweiter SIMT-Präsident wurde im September 2000 Hans J. Tümmers, zuvor BWL-Professor in Reutlingen und Professor für Politikwissenschaft in Straßburg. Tümmers schien den Markt zu kennen, denn er war zuvor Direktor der Management School IECS Strasbourg. Doch Fortüne als Manager hatte er offenbar nicht, was nach drei Jahren zur ersten Fast-Pleite des SIMT führte. Tümmers beendete sein Wirken dann Ende Oktober 2003, nachdem ein weiterer Geschäftsführer bestellt worden war.

Bereits 1999 hatte man eine so folgenschwere wie obskure Entscheidung getroffen: auf Biegen und Brechen Studenten aus aller Welt nach Stuttgart zu holen. Dazu übernahm das SIMT für nahezu alle Studenten die hohen Studiengebühren - und per Bankbürgschaft auch das Risiko ausfallender Rückzahlungen. Ein hochriskantes akademisches Geschäftsmodell, das prompt zur Schieflage führte. Denn kaum in ihre Heimatländer zurückgekehrt, vergaßen zahlreiche Studenten, ihre Rechnung aus Stuttgart zu begleichen. Noch heute muss das SIMT dafür den Banken rund 1,3 Millionen Euro zahlen.

Auf dem Leitungskarussell durfte jeder mal eine Runde drehen

Hinzu kamen Mietkosten von jährlich über einer dreiviertel Million Euro für das repräsentative Gebäude in bester Lage. Auch die Industriepartner kamen ihren Zahlungsverpflichtungen nur schleppend nach. Alles lief anders, als es in Hochglanzbroschüren und Pressemitteilungen dargestellt wurde. Noch im Januar 2007 verkündete man für das SIMT den Platz 32 in einem Ranking der besten europäischen Business-Schools.

Dabei war das SIMT längst keine Hochschule mehr - schon im Mai 2003 entzog ihr Baden-Württembergs Ministerrat diesen Status. Doch man machte munter weiter, jetzt unter alleiniger Führung der Universität Stuttgart, die auch die Abschlüsse vergab. Nach Tümmers trat Ulli Arnold an, damals zugleich BWL-Dekan der Uni - schon nach wenigen Wochen schmiss er entnervt die Brocken hin. Nächster Geschäftsführer wurde Bernhard Seitz, vorher Assistenzprofessor am SIMT und Experte für das trendige Modethema "Corporate Social Responsibility" (CSR). Von dringend benötigter Erfahrung als Geschäftsführer war auch bei Seitz nichts bekannt, auch sein Vertrag wurde nach zwei Jahren Ende 2005 nicht verlängert.

Den letzten Akt bis zum Verkauf bestritt ein BWL-Professor vor der Pensionierung: Karl-Friedrich Ackermann, 67, der seit 1975 an der Uni Stuttgart lehrte. Ackermann, zugleich Inhaber der international tätigen Unternehmensberatung ISPA Consult, senkte als Sanierer die Kosten und die Mitarbeiterzahl. Doch es war nicht mehr viel zu retten: Am Ende waren noch 11,85 Vollzeitstellen und 1,8 Millionen Euro im Kapitalstock - akademisches Spielgeld, das selbst mit fünf Prozent Verzinsung gerade 90.000 Euro im Jahr erbringt. SPIEGEL ONLINE sagte Ackermann: "Ich sehe nicht, was ich hätte anders machen können."

Andere hätten wohl mehr sehen können - etwa Péter Horváth, der "Vice Chairman" des SIMT und ebenfalls langjähriger BWL-Professor in Stuttgart. Horváth gilt als einer der Controlling-Päpste in Deutschland. Zudem berät seine erfolgreiche Horváth AG für hohe Tagessätze viele Konzerne, um dort genau zu verhindern, was beim SIMT passierte: eines Tages ohne Geld dazustehen.

20 Millionen Euro für 281 Absolventen versenkt

Dennoch wurde es Mitte 2006 wieder ernst am SIMT, vor wenigen Wochen drohte abermals die Insolvenz. Doch dann wurde das sieche Vorzeigeprojekt Ende Februar schnell und still beerdigt: Für einen symbolischen Euro übernahm die Steinbeis-Gruppe des akademischen Multi-Unternehmers Professor Johann Löhn aus Stuttgart die Führung.

Wissenschaftsminister Frankenberg legte noch 1,5 Millionen Euro drauf, in zweiter Lesung mit Regierungsmehrheit beschlossen. Offiziell für die Weiterführung des Lehrbetriebs für derzeit 85 Studenten. Beobachter in Stuttgart sagen: für die vorhandenen Schulden. Vor allem erwarb Steinbeis die schmucke SIMT-Immobilie von einer Tochter der Landesbank Baden-Württemberg. Der Kaufpreis ist vertraulich, doch ein aktuelles Wertgutachten nennt 5,8 Millionen Euro; Löhn soll sechs Millionen gezahlt haben. Gekostet hatte das Gebäude vor zehn Jahren noch 8,6 Millionen - und alle folgenden Investitionen dürften es nicht wertloser gemacht haben.

Was das SIMT bis heute insgesamt gekostet hat, scheint auch Minister Frankenberg nicht bekannt zu sein. Folgende Beträge lassen sich ermitteln: Neun Millionen flossen von der Industrie, 4,7 Millionen vom Land und zwei Millionen von der Stadt Stuttgart. Hinzu kommen Mietbeihilfen und weitere Subventionen sowie Kosten bei den beteiligten Universitäten. Kenner schätzen die Gesamtsumme auf über 20 Millionen Euro - viel Geld für eine private Universität, die nach neun Jahren lediglich 281 Absolventen vorzeigen kann.

Wie es trotz so großer Nebenerwerbs-Expertise der Professoren gleich zweimal beinahe zur Pleite der Manager-Schule kommen konnte, mag in Stuttgart derzeit keiner offen beantworten. Ebenso die Frage, warum das SIMT überhaupt so lange durchgeschleppt wurde. Dabei gab es interessierte Käufer wie die Klett-Gruppe, AKAD sowie die SRH-Gruppe, die gerade bei der Uni Witten/Herdecke einsteigen will.

Bei der Privatuni-Posse im Musterländle schließt sich durch die Steinbeis-Gruppe der Kreis alter Bekannter. Denn der frühere SIMT-Chef Tümmers ist auch Leiter des Steinbeis-Beratungszentrums "International Management Education" mit Sitz im Bodenseeörtchen Leustetten. Man erreicht es unter der privaten Stuttgarter Telefonnummer von Tümmers. Dort berät er unter anderem Firmen und Hochschulen bei der Konzeption und Durchführung internationaler Management-Programme.

Zumindest hier kann Tümmers machen, was er will: Er ist Direktor des Beratungszentrums - und der einzige Mitarbeiter.

Anmerkung der Redaktion:

Ursprünglich hatten wir geschrieben, dass Hans J. Tümmers "erster SIMT-Präsident" gewesen sei. Tatsächlich war dies seit Anfang 1999 jedoch Keith Maunders, Hans J. Tümmers war vielmehr der zweite SIMT-Präsident. Die Entscheidung der SIMT, die Studiengebühren für nahezu alle Studenten zu übernehmen und auch für die Rückzahlung zu bürgen, ist deshalb auch nicht in Tümmers Zeit als Chef getroffen worden. Schließlich hatten wir geschrieben, dass Tümmers Vertrag ausgelaufen sei. Zwar trifft dies für den ursprünglichen Vertrag zu, einen neuen Vertrag zu deutlich anderen Konditionen hat Tümmers dann aber von sich aus am 29. Oktober 2003 gekündigt.

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