Von Anna Gielas, Cambridge
Sandel steht auf der Bühne, hält einen Moment inne. Die Studentin Nora meldet sich zu Wort: "Kant hätte die PR missfallen - er war dagegen, die Vernunft den Leidenschaften unterzuordnen." Sandel nickt.
"Gerechtigkeit" lautet das Thema seiner Vorlesung, keine andere in Harvard ist so gut besucht wie diese. Michael Sandel unterrichtet politische Philosophie - und er ist ein Star an der noblen Universität. Seit 30 Jahren strömen Studentenscharen zu seinen Veranstaltungen. Bis zu 1200 Teilnehmer quetschen sich regelmäßig in die Bänke der Sanders Theater Memorial Hall, des feinsten Saals der Hochschule, holzvertäfelt, herrschaftlich.
Sie alle wollen ihn sehen und hören. Dabei ist Sandel, dem man eine gewisse Ähnlichkeit mit Mr. Burns, dem Griesgram aus der TV-Serie "Simpsons" nachsagt ( siehe Fotostrecke), kein begnadeter Redner, seine Stimme eher ruhig als kraftvoll. Und die Themen, mit denen er sich beschäftigt, füllen bereits Bibliotheken, sie sind alles andere als neu. Was also treibt so viele Studenten zu ihm? Was bewegt sie, Kant und Aristoteles zu lesen und sich auf eine Debatte einzulassen? Wieso wird die Website zu seiner Vorlesung so häufig angeklickt?
Fragen über Fragen: Ist es okay, wenn Eiswürfel 15 Dollar kosten?
Wenn Sandel wissen will, was Gerechtigkeit ist, wird die Jahrtausende alte philosophische Frage zur Herausforderung. Die Studenten müssen hier mehr tun als Klassiker wälzen. Sandel will, dass sie nachdenken, grübeln, ein Problem aus verschiedenen Perspektiven betrachten. Er will in der gemeinsamen Diskussion neue Antworten auf die alte Frage finden.
Deshalb verlagert er die ewigen Fragen der Philosophie in die Moderne. Wie ein Regisseur, der Bühnenbilder für die Neuinszenierung eines Klassikers entwirft, bastelt Sandel für seine Fragen ein modernes Setting. Kompliziertes und Komplexes schiebt er den Studenten unter, indem er es an Schlagzeilen koppelt, an Werbesprüche und die politischen Kontroversen in den USA - von Homo-Ehe bis zu Naturkatastrophen. Das versuchen auch andere Professoren an, doch nur wenigen gelingt es so wie Michael Sandel. Er hat seine Vorlesungen zu intellektuellen Live-Shows ausgebaut.
"Einige Monate vor Hurrikan Katrina tobte Hurrikan Charley über Florida hinweg", sagt Sandel, auf dem Weg zu einer großen Frage. Dem Wirbelsturm folgte damals, 2004, ein landesweiter Sturm der Entrüstung: Geschäftsbesitzer schlugen Profit aus der Katastrophe, sie erhöhten die Preise um bis zu tausend Prozent. Eiswürfel kosteten auf einmal bis zu 15 Dollar, weil der Strom ausfiel und Kühlschränke tauten. Für Dachreparaturen, die sonst 5000 Dollar kosten, verlangten manche Firmen 23.000 Dollar.
Hat der Käufer im Ausnahmezustand noch die freie Wahl?
Die Harvard-Studis sind gerade aus dem Bett gefallen, erst vor wenigen Minuten schlurften sie in Flip Flops und mit Pappbechern herein. Sie könnten jetzt, wie in vielen anderen Vorlesungen, in den geistigen Stand-by-Modus umschalten. Doch es gibt erste zaghafte Wortmeldungen. Natasha sagt: "Meiner Meinung nach kann man den Firmen das nicht ankreiden. Preise unterliegen nicht dem Prinzip der Gerechtigkeit - außerdem haben die Käufer immer eine freie Wahl."
Mehr Arme schnellen in die Luft, schon sind es 40. "Die freie Wahl ist in Ausnahmezuständen wie dem Hurrikan eine Mär", kontert Peter. Kaum merklich reibt Sandel sich die Hände: Er wittert die Anfänge einer Debatte.
"Ich konnte anfangs nicht glauben, dass Debatten mit über tausend Leuten klappen könnten", sagt Selma Malkevits, 21, aus Manchester im Bundesstaat New Hampshire. "Aber sie funktionieren top." Und lassen, so friedlich und strukturiert sie ablaufen, kaum einen Studenten kalt. "Wenn wir in einen wortgewandten Schlagabtausch geraten, kommt es früher oder später zum Adrenalinrausch", so Vivek Viswanathan, 22.
Entlastet der Raucher-Tod die Staatskassen?
Sein Kommilitone Rahul Prabhakar staunt nicht nur über die Atmosphäre, sondern auch über seinen Philosophieprofessor: "Ich war geschockt, als Michael Sandel mich im großen Theatersaal beim Namen ansprach." Dass er seinen Studenten viele Ernsthaftigkeit und Respekt entgegen bringt, macht Sandels Kurs so beliebt - und dass er die Kunst der Provokation beherrscht.
"Dem Zigarettenhersteller Philip Morris drohten in Tschechien höhere Steuern: Die Regierung wollte damit die Behandlungskosten von Patienten decken, die infolge des Rauchens erkrankt waren", erzählt er. Also habe das Unternehmen eigene Berechnungen angestellt. Fazit: Rauchen ist förderlich für Tschechien. "Ja, Tschechen erkranken, und der Staat trägt die Kosten - aber sie sterben früher und verursachen damit langfristig weniger finanzielle Bürden für den Staat", fasst Sandel den Report zusammen. Ein Raunen geht wie eine Laola-Welle durch die Sitzreihen. "Laut Philip Morris spart die tschechische Regierung jedes Mal 1227 Dollar, wenn ein Raucher seiner Krankheit erliegt."
Gezieltes Erzeugen von Entrüstung als didaktische Maßnahme: Die Studenten merken, dass das menschliche Leben in ihren Augen einen unveräußerlichen Wert hat. "Wieso? Woraus schöpft es ihn? Und wie schützen wir ihn?", fragt Sandel und schaut in tausend grübelnde Gesichter.
Mein Bruder, ein Mörder - wo endet die Familienloyalität?
Nicht allen macht das immer Spaß. Viele Studenten erwarten eindeutige Antworten, bekommen aber nur neue Fragen präsentiert, sagt Student Rahul Prabhakar. Etwa: Soll man gegen seinen eigenen Bruder aussagen, wenn er jemanden getötet hat? Sandel schildert zwei Fälle: Der Politiker Willam Bulger verweigerte die Aussage gegen seinen wegen Mordes gesuchten Bruder James - und wurde für seine Loyalität gefeiert. Im Falle des Bombenlegers Theodore Kaczynski erkannte dessen jüngerer Bruder David ihn hinter den ungelösten Verbrechen und schaltete die Polizei ein. Der "Unabomber" wurde zu lebenslänglicher Haft verurteilt und der Sieg der Gerechtigkeit bejubelt.
"Loyalität und Gerechtigkeit - wie verhalten sich die beiden hier zueinander?", fragt Sandel. Die Studentengehirne rattern, es gibt keine klare Antwort. Doch die Art, wie der Professor ein Thema angeht und ausleuchtet, findet auch Rahul gut: "Ich merke dabei, dass mein Frust vollkommen gerechtfertigt ist", sagt er.
Einige nutzen die Vorlesung auch, um das öffentliche Reden zu üben. "In dem proppevollen Theater mitzumachen und seine Argumente gegen die anderen zu verteidigen, ist nicht jedermanns Sache", sagt Student Vivek. Schweißausbrüche und zittrige Hände plagen schüchterne Kursteilnehmer, die mitreden möchten.
Der Erfolg der Gerechtigkeits-Vorlesungen ihres Professors wird sie künftig noch mehr schwitzen lassen. Denn seit September ist sie auch im Fernsehen zu sehen, landesweit.
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