Motivationsguru Jürgen Höller: Das Ende der Windmaschine

Von Bärbel Schwertfeger

Er ließ Manager, Fußballstars und Justizbeamte über Scherben laufen, nun steht er selbst vor einem Scherbenhaufen. Jürgen Höller, einst Europas gefragtester Erfolgstrainer, wurde zum Opfer seines Größenwahns: Der windige Motivationsguru sitzt wegen Untreue hinter Gittern.

Höller mit Siegertypen im Gefängnis Hameln: JVA-Beamte liefen über Scherben
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Höller mit Siegertypen im Gefängnis Hameln: JVA-Beamte liefen über Scherben

"Höller im Knast. Wer hätte gedacht, dass Deutschlands Motivationstrainer Nr. 1 seine Erfolgsrezepte einmal hinter Schloss und Riegeln vermittelt", hieß es noch 2000 in der hauseigenen Inline-Postille. Damals trainierte Jürgen Höller Justizvollzugsbeamte aus Niedersachen im positiven Denken und ließ sie barfuß über Scherben laufen. Ganz begeistert sei er von den Beamten gewesen, schwärmte der Motivationsguru. Und kurz darauf waren Häftlinge bei einem Auftritt im Frauengefängnis Vechta wie gefesselt von den schlichten Botschaften des großen Motivators.

Die Kraft des positiven Denkens, die Höller so oft und gern beschwor, muss nun bei ihm selbst ihre wundersame Wirkung entfalten. Seit Donnerstag sitzt er hinter Gittern. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft in Würzburg soll er mindestens 900.000 Euro zur persönlichen Bereicherung aus seiner Firma gezogen haben.

Sag ja zum Gefängnis

Auf seinen Massenhappenings hopste Jürgen Höller auf der Bühne herum, warf bunte Bälle in die Luft und hämmerte den Teilnehmern unermüdlich seine Botschaft ein: Alles ist möglich. Jetzt ist der gelernte Speditionskaufmann offenbar endgültig Opfer seines Größenwahns geworden.

"Jeder Mensch kann alles erreichen, was immer er sich vorstellt. Egal, ob finanzieller Reichtum, berufliche Karriere, vitale und kraftvolle Gesundheit. Alles, was Du glaubst und was Du wirklich willst, wird sich in Deinem Leben manifestieren", predigte der 39-Jährige stets.

Kein Wunder, dass Höller auch bei seiner Firma Inline AG abhob. Eine Milliarde Euro "Weltumsatz" sollte sie im Jahr 2014 mit Seminaren, Weiterbildungskonzepten und E-Learning erreichen. "Ich weiß, wie man Erfolg produziert", behauptete er. Bereits Anfang 2000 plante er daher den Gang an die Börse und holte sich vorab rund 4,6 Millionen Mark von seinen Anhängern.

Doch dann kam alles anders. Ende Oktober 2001 setzte Höller seine vorbörslichen Zeichner unter Druck. Entweder verzichten sie alle "auf ihre Möglichkeit zur Kündigung ihres Darlehens bis zu einem möglichen Börsengang", oder die Inline AG müsse "sofort Insolvenz anmelden", drohte er den Anlegern in einem Brief, der SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Das machte die Staatsanwaltschaft hellhörig, die zu ermitteln begann. Denn wie die "Financial Times Deutschland" berichtete, hatte Höller die Anlegergelder in seine Vermögensverwaltungs GmbH gesteckt, bei der er nur mit maximal 50.000 Mark haftete. Die Firma sei nur zum Zweck gegründet worden, "Höller aus der Haftung zu bringen", erklärte Insolvenzverwalter Michael Jaffé laut "FTD" bei der Gläubigerversammlung im Juni.

Aufwändiger Lebensstil

Inzwischen, so die Staatsanwaltschaft, habe sich der Verdacht erhärtet, dass Höller bereits im Frühjahr 2001 rund 750.000 Euro in Form eines Darlehens vom Konto der Vermögensverwaltungs GmbH auf ein Privatkonto überwiesen habe, um seinen erheblichen persönlichen Zahlungsschwierigkeiten zu begegnen. Der Leitende Oberstaatsanwalt Clemens Lückemann wirft Höller Untreue in zwei Fällen vor; außerdem werde wegen Betrugs und Insolvenzverschleppung ermittelt.

Motivationskünstler Höller: "Sag ja zum Erfolg"
DDP

Motivationskünstler Höller: "Sag ja zum Erfolg"

Bei der Eröffnung des Haftbefehls, so Lückemann am Montag gegenüber SPIEGEL ONLINE, hätten Höller und sein Anwalt Angaben zur Sache verweigert und auch keinen Antrag gestellt, den Haftbefehl gegen Kaution außer Vollzug zu setzen. "Das wäre auch zwecklos gewesen", sagte Lückemann. Sven-Thorsten Oberhof, der Anwalt des Motivationstrainers, behält sich allerdings eine Haftprüfung oder -beschwerde vor - seiner Ansicht nach besteht "keine Fluchtgefahr, weil keine Auslandsbeziehungen vorliegen, und Höller will sich dem Verfahren stellen".

Zu den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft will Oberhof vorläufig keine Stellung nehmen und zunächst die Einsicht in die Akten abwarten. Der Nürnberger Anwalt meint, Höller - weder Kaufmann noch juristisch vorgebildet - sei mit dem Börsengang "möglicherweise überfordert" gewesen: "Heerscharen von Beratern haben versucht, aus Höllers Talent mit einer Aktiengesellschaft am Neuen Markt Kapital zu schlagen. Dabei hat Jürgen Höller offenbar auch unglückliche Ratschläge erhalten", sagte Sven-Thorsten Oberhof am Dienstagnachmittag auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE.

Der "teuerste Trainer Deutschlands", gelernter Speditionskaufmann, lebte auf großem Fuß. Sein Auto wechsele er alle drei Jahre, im Moment fahre er einen Ferrari F 355, erzählte Höller 2000 dem Blatt "Life & Style". Sein Lieblingswein sei ein Pétrus, die Flasche für rund 500 Euro. Und nach dem Börsengang wolle er sich als Flugzeug eine Gulfstream zulegen. Kosten gebraucht: 7,5 Millionen Euro.

Pleitewelle der Erfolgsverkünder

Seinen Aufstieg hat der Motivationsprediger dabei auch den Medien zu verdanken. Die "Bunte" kürte ihn 1999 zu einem der "500 wichtigsten Deutschen" (auf Platz 404, kurz vor Otto Waalkes). "Focus" berichtete immer wieder von seinen großen Plänen und Erfolgen. Aber auch zahlreiche Sportler und Prominente setzten auf den Dampfplauderer. Zu seinen "Schülern" gehörte der Fußballtrainer Christoph Daum ebenso wie Skispringer Andreas Goldberger und Läuferin Grit Breuer.

Bei seinen Veranstaltungen traten neben vielen anderen Prominenten Jenoptik-Chef Lothar Späth und "n-tv"-Moderatorin Carola Ferstl auf. Im Aufsichtsrat seiner Inline AG saß Hans-Jörg Bullinger, Leiter des Fraunhofer Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart. Und beim Zukunftskongress der CSU in Niederbayern durfte Höller verkünden, dass Deutschland unbedingt einen Motivationsminister brauche.

Auch nach seiner Pleite war sich Höller keiner Schuld bewusst. "Ich glaube nicht, dass ich etwas falsch gemacht habe", erklärte er noch im Februar. Bald werde er noch erfolgreicher sein, da könnten ihn seine Kritiker ruhig belächelten.

Geldguru Schäfer: Ebenfalls in Schwierigkeiten
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Geldguru Schäfer: Ebenfalls in Schwierigkeiten

Höller ist nicht der erste Erfolgsverkünder, der pleite macht. Bereits im Juni 2000 musste Bodo Schäfers Firma, die Schäfer Finanz Coaching GmbH, Insolvenz anmelden. Auf rund 1,79 Millionen Mark hatten sich die Schulden angehäuft. Der Grund war offenbar eklatantes Missmanagement.

Der Geldguru, der unermüdlich predigte, dass jeder in sieben Jahren zum Millionär werden könne, war jedoch cleverer und hatte seine marode Firma noch kurz zuvor an einen seiner Mitarbeiter verkauft. Doch inzwischen hat "Europas Money Coach Nummer eins" neuen Ärger. Denn in einem Kapitel seines vor kurzem erschienenen Buches "Endlich mehr verdienen" soll er kräftig aus dem Bestseller "Durchstarten zum Traumjob" von Richard Nelson Bolles abgekupfert haben. Derzeit beschäftigt der Plagiatsvorwurf die Rechtsabteilungen der beiden Verlage.

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