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Heavy Metal an der Uni: Studium mit Ach und Krach

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Studium in den Niederlanden: Das Heavy-Metal-Diplom Fotos
Harald Fronzeck

Kein Witz: In den Niederlanden kann man jetzt Heavy Metal studieren. Auf dem Lehrplan stehen Hexengesang und die Geschichte des Teufelszeichens. Das kostet aber auch 1090 Euro pro Jahr.

Folgendes kann man tun, um ein akzeptabler Heavy-Metal-Musiker zu werden: Lange Haare wachsen lassen, Arme tätowieren, ganz viel Bier trinken. Dann Gitarre mit Mörder-Verzerrer kaufen, ein bisschen üben und vorm Spiegel Headbanging trainieren. Anschließend Band mit satanisch klingendem Namen gründen und auf Tour gehen. Müsste reichen, um nicht unangenehm aufzufallen unter all den Metal-Combos, die mit rostigen Tourbullis und Durchschnittskrach in die Provinz einfallen.

Um ein exzellenter Heavy-Metal-Musiker zu werden, könnte man allerdings auch so verfahren: Ebenfalls lange Haare wachsen lassen, Arme tätowieren und Gitarre mit Mörder-Verzerrer kaufen. Dann aber nicht nur ein bisschen, sondern richtig viel üben. So ist man gut gerüstet, um technisch versiert zu einem Aufnahmetest in die Niederlande zu fahren, genauer gesagt nach Eindhoven. In der traditionsreichen Metal-Metropole, wo dereinst die legendären "Dynamo"-Festivals mit Szenegrößen wie Suicidal Tendencies, Anthrax oder Pantera stattfanden, gibt es nun die sogenannte Metal Factory. Dort kann man seit September dieses Jahres Heavy Metal studieren.

Die Factory ist eine Abteilung des Summa College und residiert in einem Gemeinschafts- und Konzerthaus, das "Dynamo" heißt. An einem Freitagmorgen Ende Oktober steht eine der ersten Zwischenprüfungen an. In einem Kellerraum ohne Fenster lassen sich Ruud Jolie und vier andere Dozenten auf ihre Stühle fallen. Auf der Bühne vor ihnen umgreift ein Student im schwarzen T-Shirt das Mikrofon, hinter ihm zwei Gitarristen, ein Bassist, ein Schlagzeuger. Alle warten auf Jolies Nicken, dann geht's los, und zwar voll in die Fresse: Die Studi-Band präsentiert heftigen Speed-Metal.

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Drei Jahre Metal, 32 Stunden die Woche

Ruud Jolie, der Einzige im Raum mit geschorenem Haupthaar, ist nicht irgendwer: Er ist Lead-Gitarrist der düsteren Band Within Temptation, einer der erfolgreichsten niederländischen Metal-Formationen. Nach und nach hakt Jolie während des Vorspiels auf einer Liste die Bewertungskriterien ab: Zusammenspiel, Artikulation, Sauberkeit, Dynamik, Technik, Timing. Am Ende einigen sich die Dozenten auf eine 7,5, was der Note Zwei entspricht. Bass und Gesang seien nicht richtig aufeinander abgestimmt gewesen, findet Jolie, der Anfang nächsten Jahres mit Within Temptation wieder auf Europa-Tournee gehen wird.

Während unten die Prüfungen abgenommen werden, hocken oben, im gläsernen Foyer, Studenten mit langen Haaren, Tattoos und Band-T-Shirts; alles Metal-Jünger, wie man sie auch beim Headbanging vor der Konzertbühne des Wacken-Open-Airs beobachten kann. Gerade zupfen sie allerdings zu Trainingszwecken eher vorsichtig an ihren Gitarrensaiten herum oder beschäftigen sich mit ihren Laptops.

23 Studenten sind zum ersten Metal-Semester aller Zeiten eingeschrieben: 20 junge Männer, 3 Frauen. Jeder von ihnen muss sich spezialisieren auf Drums, Bass, Gitarre, Gesang oder Keyboard. Was ihnen bevorsteht, sind drei Jahre Metal, und zwar 32 Stunden die Woche.

Knallharte Klänge als Exporterfolg

1090 Euro Studiengebühren pro Jahr müssen die Metal-Studenten jeweils abdrücken, dazu kommen noch 850 Euro für Unterrichtsmaterial, Ohrstöpsel inklusive. Am Ende erhalten sie einen anerkannten Abschluss, eine Art Heavy-Metal-Diplom. Student Jaap Didden, 21, hat nach der Schule kurz überlegt, ein ganz normales Musikstudium an einem Konservatorium zu machen: "Aber wilder als beim Jazz wird es da ja leider nicht", sagt er.

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Typologie der Festivalbesucher: Flirter, Jünger, Vandale, Kinnbart
Johan van Stratum, der Koordinator der Metal Factory, glaubt daher, dass das Angebot überfällig war. "Es gibt schließlich auch einen großen Markt", sagt er. Knallharte Klänge sind neben Käse, Tulpen und Star-Geiger André Rieu einer der Exporterfolge der Niederlande: Allein Within Temptation hat über drei Millionen Platten verkauft.

Auch Marcela Bovio, eine schwarzgekleidete Frau mit leicht dunkel geschminkten Augen, ist bei Metal-Freunden nicht unbekannt: Sie arbeitet als Sängerin der Band Stream of Passion und sieht auf der Bühne immer so aus, als wäre sie per Zeitmaschine aus dem Mittelalter angereist. Gerade steht sie in einem der Proberäume und simuliert das Lachen einer Hexe. "Der Gesang", sagt sie, "ist das leitende Element." Nach und nach wird sie jetzt mit jedem Studenten ein Lied einstudieren, auch mit den Gitarristen und anderen Instrumentalisten: Schließlich müssen auch die Background-Vocals sitzen.

Metal rules, forever

In Eindhoven wird den Studenten sowieso maximale Metal-Flexibilität abverlangt. "Alle müssen ihr Instrument so beherrschen, dass es keinen Unterschied macht, mit wem sie spielen", erklärt van Stratum. Guter Heavy Metal sei "ähnlich anspruchsvoll wie Orchestermusik". Das findet auch der langhaarige Student Casper Severijnen: "Was wir machen, ist eine ernsthafte Ausbildung, das ist kein Spaß-Studium." Der 19-Jährige will Profimusiker werden und freut sich daher, dass nicht nur die Praxis, sondern auch Musikmanagement auf dem Stundenplan steht. Dabei lernen die Studenten, wie man eine Platte produziert, eine Band vermarktet und ein Konzert organisiert.

Englisch, Mathematik und Geschichte komplettieren den Lehrplan. Einer der Dozenten hat an der Universität von Amsterdam lange zur Historie der harten Klänge geforscht, gewissermaßen von der Antike bis zu Metallica. Er erklärt den Studenten während der Veranstaltung nun unter anderem, wo das traditionelle Handzeichen der Metal-Anhänger herkommt: Dabei werden Zeigefinger und kleiner Finger wie zwei Teufelshörner aus der Faust herausgestreckt. Die Geste soll ursprünglich aus dem Etruskischen stammen, wer sie in die Metal-Szene eingebracht hat, ist umstritten: Unter anderen behaupten der Bassist von Kiss und ein Ex-Sänger von Black Sabbath, das Zeichen irgendwann in den späten Siebzigern das erste Mal auf der Bühne gezeigt zu haben.

Koordinator van Stratum findet es wichtig, die Studenten auch für eine Alternativ-Karriere zu rüsten. "Nur die wenigsten werden ihr Leben lang vom Metal leben können", sagt er. Die meisten werden ihr Geld wohl irgendwann als Musiklehrer oder Mitarbeiter eines Plattenlabels verdienen. Und allenfalls am Abend noch das Band-T-Shirt anziehen, in einen rostigen Tourbulli steigen und auf irgendeiner Provinzbühne richtig Randale machen. Metal rules, forever.

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insgesamt 32 Beiträge
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1. Irgendein Ex-Sänger von Black Sabbath?
smendrik 30.12.2013
Ronnie James Dio als ?Erfinder? der Pommes Gabel auf ?irgendein Ex-Sänger von Black Sabbath? zu reduzieren, ist eigentlich ne Frechheit! Zumal es nur einen Sänger von BS gibt, die anderen waren nur Aushilfen. Zu RJ Dio: Ruhe in Frieden und vergib SPON, Du hast genug geniale Musik gemacht, dass man auch Deinen Namen nennen könnte.
2.
RonMaiden 30.12.2013
Der Ex-Sänger hat auch einen Namen, der ruhig genannt werden dürfte: Ronnie James Dio
3. Unwissende bei SPON
aktiverbeobachter 30.12.2013
...und auch der Bassist von KISS hat einen Namen, aber wahrscheinlich weiß der Autor diesen gar nicht, genau so wie bei Ronnie James Dio. RIP.
4. Prof. Dr. met. whisk. Lemmy Kilmister?
telltaleheart 30.12.2013
Zitat von sysopHarald FronzeckKein Witz: In den Niederlanden kann man jetzt Heavy Metal studieren. Auf dem Lehrplan stehen Hexengesang und die Geschichte des Teufelszeichens. Das kostet aber auch 1090 Euro pro Jahr. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/musikstudium-in-den-niederlanden-heavy-metal-an-der-uni-eindhoven-a-939904.html
Gemach liebe Foristen! Dies ist doch kein Ort für Heiligenverehrung. Zum Thema: Ich bin gespannt was daraus entstehen wird. Metal studieren? Etwas was eigentlich per definitionem und seinem Wesen nach eine Bewegung von unten her ist? Ich habe aus unmittelbarer Nähe miterleben dürfen wie einige exzellente Musiker und Bands heranwuchsen und teils auch starben - auch und gerade ohne Metal-Studium. Denn sie waren mit Leib und Seele dabei, lebten was sie taten und fühlten es auch. Metal ist ebenso wenig akademisch wie Punk oder Blues. Aber es entspricht wohl dem Fanatismus der Die-Hard-Jünger ihren Fetisch zu einer Weltreligion zu erklären, die dann auch einen entsprechenden Tempel und eine Universität braucht. Und wenn Metal dann endlich von wirklich allen akzeptiert oder gar Leitkultur wäre, dann würde man ihn so richtig öde finden. So wie damals das Black Album von Metallica. Meine große Metal-Phase fand damals in den 90ern statt, als Metal hartnäckig für tot erklärt wurde. Nach meinem Empfinden war er da lebendig wie nie. Denn er war vielfältig, offen und undogmatisch. Dann kam True Metal, der offenbar einem Bedürfnis nach kultureller, ethnischer Säuberung entsprang. Und dementsprechend einfältig war. Zum Glück gibt es auch heute noch Bands die sich nicht in Dogmen verbeißen und sich interessanten musikalischen Einflüssen gegenüber als offen erweisen. Wie man das dann allerdings nennt ist mir ehrlich gesagt nicht so wichtig. Aber ehrlich sollte es sein, und nicht nur einstudiert.
5. Kann man auch in England studieren
jsemmelr 30.12.2013
http://www.ncn.ac.uk/content/Academies/PerformingArtsandMusicAcademy/HeavyMetal.aspx
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