Von Oliver Trenkamp
Wenn junge Männer samstagnachts nicht am Disco-Türsteher vorbeikommen, weil sie die die Folgen des Dosenbierkonsums nicht mehr verbergen können, dann fällt einem von ihnen das Studentenwohnheim ein. Leben dort nicht überirdisch schöne Studentinnen, die nur niemanden zum Feiern gefunden haben?
Das Wohnheim ist ein akademischer Sehnsuchtsort, fern des Eltern-Einflusses; ein Mythos, befeuert von amerikanischen College-Filmen, in denen auch der unsportlichste Nerd am Morgen nach der Party nicht alleine aufwacht.
Jetzt, wenige Wochen nach Semesterbeginn, sind die Bedingungen für solche Exzesse eigentlich optimal: Die Wohnheime sind übervoll, mehr Studenten als je zuvor suchen nach einem Zimmer, viele sind nur erstmal nur in Notunterkünften untergekommen, in Sporthallen, Kellerverschlägen, Zelten.
Wie wild geht es also zu in einem der größten und billigsten Wohnheime der Hauptstadt, das ebenfalls ausgebucht ist?
In dem Hochhausriegel in Berlin-Lichtenberg vermietet das Studentenwerk Hunderte Zimmer und Apartments an Studenten aus Brandenburg und Baden-Württemberg, aus China und Chile. Das Wohnheim, benannt nach den kommunistischen Widerstandskämpfern Hans und Hilde Coppi, wirkt allerdings eher wie ein Ort, an dem sich künftige Akademiker auf ein Leben in der Reihenhaussiedlung vorbereiten. Fahrradständer vor der Tür, Tischtennisplatten hinterm Haus, die Mülltonnen hinter Zäunen, damit kein Unbefugter etwas entsorgt. Mehr "Lindenstraße" als "Entourage". Das Aufregendste ist, dass vor einigen Jahren die Lokalzeitungen über einen Doppelmord an zwei Bewohnern berichteten.
Treibt das durchgeplante Leben die Studenten zum Rückzug ins Unaufgeregte?
Davon haben viele Studenten hier allerdings nie etwas gehört. Sie sprechen darüber, wie beschaulich es zugeht und wie ruhig. "Zu den anderen Bewohnern habe ich eigentlich gar keinen Kontakt", sagt etwa Kay, 21, der BWL studiert und nur drei Monate am Stück in Berlin ist. Dann verbringt er wieder ein Vierteljahr in Brandenburg, wo er in einer Bank arbeitet. Ein Dualstudiengang, das Arbeit und Studium verbindet. Im Clubraum mit Billardtisch war er noch nie; wenn er mal ausgeht, dann in die Bars am Ostkreuz, wo die Cocktails günstig sind.
Vielleicht geht es vielen Studenten so; könnte sein, dass die durchgetakteten Bachelor-Stundenpläne, der Stress der Lebenslaufoptimierung und die Hatz nach dem nächsten Praktikum den Rückzug ins Unaufgeregte nötig machen. "Ich will einfach meine Ruhe", sagt Annette, 27, sie studiert Heilpädagogik und wohnt in einem Einzelapartment für 240 Euro im Monat. Nach Jahren des WG-Hopping genießt sie es jetzt, dass der Hausmeister den tropfenden Wasserhahn repariert, wenn sie ihm einen Zettel schreibt.
Selbst jene, die etwas lauter leben wollen, domestiziert das Wohnheim schnell. Lena, 22, und Janya, 23, stammen aus der Ukraine; beide studieren in Berlin. Jetzt lebt das Paar auf knapp 60 Quadratmetern für 330 Euro im Monat - und bekommt es mit dem Familienvater aus der Wohnung unten ihnen zu tun, wenn sie mal Musik hören. Der Mann kommt nicht rauf, sondern beschwert sich lieber direkt beim Studentenwerk.
Lange konnten Studenten in Berlin frei wählen, wie sie wohnen wollten, selbst wenn sie wenig Geld hatten. Altbau-Zimmer mit Stuck und Balkon konnte sich auch leisten, wer vom Bafög lebte und vielleicht mal kellnerte. Zimmer in den 36 Wohnheimen der Hauptstadt standen leer. Doch jetzt, da selbst in Neukölln die Mieten steigen und mehr Erstsemester in die Hörsäle drängen denn je, sind die Wartelisten beim Studentenwerk lang geworden. Mit bis zu zwei Jahren müssen Studenten rechnen, die sich für bestimmte Apartments bewerben. In einem Studentenhotel in Grunewald wurden einige Einzelzimmer kurzerhand doppelt belegt. "So einen Andrang habe ich noch nicht erlebt", sagt Jürgen Morgenstern vom Studentenwerk.
Von Exzessen und Partys haben weder er noch seine Nachbarn bislang etwas mitbekommen. Am Hauseingang informiert ein Zettel über den Kampf der Hausverwaltung gegen die Pharaoameisen-Plage: Er blieb bislang erfolglos, der Kammerjäger müsse noch einmal anrücken. In amerikanischen Collegefilmen wäre der Schädlingsbefall erst der Auftakt. Hier in Berlin-Lichtenberg ist ein wenig Ungeziefer-Aufregung das Highlight, vier Wochen nach dem Studienstart 2011.
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