Von Almut Steinecke
In einer Minute ist Mitternacht, gleich hat die Frau Geburtstag. 30 Leute feiern mit ihr, die Wohnung ist voll, heiß und laut. Grölen, Lachen, wummernde Musik. Da klingelt es plötzlich. Ein Polizist steht vor der Tür und sagt, die Nachbarn hätten sich beschwert wegen des Krachs. Die Gäste johlen weiter, es klingt auf einmal doppelt so laut, die Frau bittet den jungen Uniformierten herein. Er betritt die Wohnung, kopfschüttelnd, scheinbar entschlossen, wegen der Ruhestörung hart durchzugreifen. Er baut sich vor den Gästen auf. Guckt streng. Und zieht sich langsam aus.
Der Mann, der sich da auf der Party entblättert, die Polizeimütze wegfegt, die Uniform abstreift, nennt sich Gianni*, ist 26 und arbeitet als Stripper. Sein Akt als falscher Bulle ist ein Geschenk für das Geburtstagskind.
Einige Tage nach der Geburtstagsparty sitzt Gianni in einem Café in Oberhausen im Ruhrgebiet. Ein Typ mit dunklen Haaren, blauen Augen, durchtrainiertem Körper. Einer, der tatsächlich sein letztes Hemd gibt für die Finanzierung seines Studiums an der Uni Duisburg-Essen. Seinen richtigen Namen will der BWL-Student lieber nicht verraten, denn er will später mal die Geldgeschäfte großer Konzerne regeln. Ein Ziel, das wohl schwer zu erreichen wäre, wenn die Welt von seinem Doppelleben wüsste.
Nachts mal ein Vampir, mal ein Top-Gun-Pilot - tagsüber immer Student
Klar, Gianni könnte auch als Kellner arbeiten oder in einem Lager Kartons stapeln. Aber beim Strippen gehe es nicht nur ums Geld, sagt er. Es geht auch ums gute Gefühl: begehrt zu werden.
Nach zwei Jahren als Kellner und Go-go-Tänzer lernte Gianni Deutschlands bekanntesten Stripper kennen: Marco Majewski. Er lernte von dem Profi, dass die Show zur Persönlichkeit passen muss. So erfand er zum Beispiel den Polizisten, der sich erst streng, dann aber eher sanftmütig gibt. Und den Bauarbeiter mit Latzhose und Helm, der eher prollig rüberkommt. Den Vampir. Den Top-Gun-Piloten. Den Feuerwehrmann, der seinen Schlauch mitbringt. Es sind etliche Rollen, die Gianni abends in der Disco oder beim Junggesellinnenabschied in der Privatwohnung spielen kann.
150 bis 300 Euro für einmal Ausziehen
An einem Finger trägt er einen Silberring, den er immer hin und her dreht, während er redet. Sich zwischen zwei Leben aufzureiben strengt an. Manchmal strippt er bis spät in die Nacht, schläft zwei, drei Stunden und bereitet sich dann auf die anstehende Klausur am Morgen vor. Zwischendurch muss er noch trainieren oder ins Sonnenstudio, damit er weiter so aussieht, wie es sich die Frauen wünschen.
Für Stripper geht es um die Perfektionierung des eigenen Körpers, und das führt schnell zu einer Art Sucht. Heinz-Peter Röhr, Autor des Buchs "Narzissmus - Das innere Gefängnis", beschreibt die Arbeit als Stripper als mögliche Falle. Der psychotherapeutisch tätige Suchtexperte befürchtet, dass durch sie eine überstarke Fixierung aufs Äußere drohen könnte. "Kein Körper ist perfekt", sagt Röhr, "es wird immer kleine Defizite geben. Und es besteht die Gefahr, dass kleine Defizite übermächtig erscheinen und dass die Konzentration auf sie zum Wahn wird."
Gianni zuckt mit den Schultern, er glaubt nicht, dass das Strippen ihm psychisch schaden könnte, zumindest so lange nicht, wie sein Doppelleben geheim bleibt. "Außerdem verdiene ich gutes Geld mit dem Ausziehen", sagt er. Gianni will nicht darüber reden, was ein Auftritt ihm bringt. Eine kleine Internetrecherche reicht jedoch, um zu erfahren, was ein Abend mit einem Jungen wie ihm kostet: zwischen 150 und 300 Euro. Es sei ja nicht nur Geld, sagt Gianni, mit dem er bezahlt werde. Es seien ja auch die Frauen.
Zur Diplomarbeit soll Schluss sein mit dem Doppelleben
Er wusste sofort, dass er Talent hat, denn schon beim ersten Auftritt habe sich das Publikum "überschlagen", behauptet er. Und gibt zu, dass er ein bisschen süchtig sei nach dem Erfolg. Nach den Blicken. Der schöne nackte Mann - der bestaunte Unerreichbare.
Da lässt es sich auch verschmerzen, wenn mal ein Auftritt danebengeht. Einmal fand sich Gianni in einem Gymnasium wieder. Schüler hatten ihn bestellt, er sollte sich vor der ahnungslosen Lehrerin entkleiden. Die floh hysterisch aus dem Klassenraum, als sie den "neuen Schüler" erblickte. Ein anderes Mal bewarf man ihn mit Erdnüssen.
Gianni setzt die Macho-Maske auf. "Was mich nicht umbringt, macht mich härter", sagt er. Zumal das Positive am Job definitiv überwiege, die Leidenschaft, das Geld, die Angebote. Seit drei Monaten ist er Single und genießt es. "Warum soll ich immer nur Pasta essen, wenn ich auch Pizza, Steak oder Fisch haben kann?", fragt er.
Nächstes Semester will Gianni seine Diplomarbeit beginnen. Dann ist wohl Schluss mit Strippen, den Geheimnissen, dem Doppelleben. Kann sein, dass ihm etwas fehlen wird.
*Name geändert
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