Wer studiert, zieht aus - normalerweise. Nicht so, wenn die Uni in der Nähe des Elternhauses steht: Dann bleiben viele Studenten bei den Eltern wohnen, verlieren Zeit im Zug und verpassen oft gute Partys.
So wie der 23-jährige Florian Ludwig, er studiert Englisch und Geschichte auf Lehramt in Heidelberg und pendelt seit fünf Semestern mit Bus und Bahn vom Elternhaus in Karlsruhe zur 65 Kilometer entfernten Uni. Er spart so viel Geld, das ist ihm wichtig. "In Heidelberg würde ich für das Geld, das ich ins Semesterticket investiere, kaum eine Monatsmiete zahlen können", sagt er.
Ein Viertel der deutschen Studenten wohnen noch zu Hause, sagt Stefan Grob, Sprecher des Deutschen Studentenwerks in Berlin. In Italien, einem Land ohne Wohngeld und Bafög, leben über 70 Prozent noch bei den Eltern. In Nordeuropa hingegen kaum einer; hier werden alle Studenten finanziell vom Staat unterstützt.
Zwei Stunden Pendeln am Tag ist zu viel
In Deutschland denken viele Studenten ähnlich wie Florian Ludwig: Geld ist ein wichtiges Argument für das Hotel Mama. "Viele Studenten sparen sich so den Nebenjob, da die Kosten für Miete und Lebenshaltung wegfallen", sagt Grob. Zudem sei der Verbleib im heimischen Nest äußerst bequem. "Die Wäsche wird gewaschen und der Kühlschrank gefüllt", sagt Sonja Eser von der Lernberatung der Universität Augsburg. Das Wohnen zu Hause biete ein Sicherheitsgefühl, das manche Studenten fürs Lernen bräuchten.
Florian Ludwig braucht von seiner Haustür zur Uni eineinhalb Stunden. "Ich wiederhole im Zug häufig Vokabeln oder fülle Übungsblätter aus." Der Geräuschpegel und das Gedränge in der vollen Bahn störten ihn nicht, sagt er. Die Lernberaterin Eser hingegen erwidert: "Im Zug oder Bus kann man nicht so gut lernen wie im eigenen Zimmer." Man werde zu häufig abgelenkt, die Konzentration sei gestört. "Hier bringt ein Umzug mehr Lernzeit ein."
Nesthocker haben es bei der Arbeitssuche schwer
Durch den Schritt aus dem Elternhaus würden die Studenten auch deutlich selbstständiger, sagt Studienberater Reiner Mund von der Technischen Universität Ilmenau in Thüringen. Geld sollte keine Rolle spielen: "Es gibt ja Bafög und Wohngeld." Wer weiterhin zu Hause wohne, verpasse oft den Anschluss an die Kommilitonen und das wahre Studentenleben. "Lerngruppen und Sportkurse sind meistens abends, Partys sowieso."
"Man muss sich mit Kommilitonen austauschen, um zu sehen: Wie sind die Anforderungen, was muss ich noch nachholen?", sagt Lernberaterin Eser. "Das geht besser, wenn ich in der gleichen Stadt wohne."
Stefan Grob empfiehlt Studenten als sanften Ausstieg aus dem heimischen Nest den Umzug ins Studentenwohnheim. "Es ist günstig, und man wird noch ein wenig bemuttert." Strom, Wasser und Internet sind meist inklusive, Putzfrauen kümmern sich um die Flure, Hausmeister stehen für Reparaturen bereit. "Dazu trifft man hier viele Leute, die auch zum ersten Mal ohne Eltern wohnen." Die Lernbedingungen seien im Wohnheim aber nicht ideal, sagt Sonja Eser. Viele Partys, dünne Wände, kleine Zimmer: "Da ist es nicht so leicht, aufmerksam zu bleiben." Sie empfiehlt daher eine Wohngemeinschaft. "So ist es meist ruhiger und man kann abklären, wann man für Lernphasen Ruhe braucht."
Auch Florian Ludwig will in den nächsten Semestern umziehen. "Zu Hause ist es schön, aber für die Examensprüfungen würde ich gerne näher an der Uni wohnen." Er hat die ersten Semester auch deswegen noch bei seinen Eltern gewohnt, da er sich nicht sicher war, ob das Studium zu ihm passt. "Wenn man mit dem Gedanken spielt, bald wieder abzubrechen, sollte man mit dem Umzug warten", sagt Stefan Grob. "Auch für sehr junge Studenten, von 18 bis 20, kann es sinnvoll sein, erst mal zu Hause zu wohnen."
Spätestens nach der Hälfte des Studiums sollte man aber den Umzug wagen. "Dann hat man die Aussiebe-Prüfungen hinter sich und weiß: Dabei bleibe ich", sagt Eser. Der Umzug sei für den gesamten Lebensweg wichtig, betont Studienberater Mund. "Unternehmen suchen heute hochflexible Leute, die auch mal den Wohnort wechseln. Nesthocker haben es da schwer."
Keine Lust mehr auf Zuhause? Dann ab ins WG-Casting-Trainingslager des Unispiegel - dann klappt es auch beim Verhör mit den lieben, potentiellen Mitbewohnern:
Von Samuel Acker, dpa/fln
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