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VWL-Studenten kritisieren Theorien: Im Zweifel gegen die Lehre

Von Claudia Wessling

Wirtschaftsstudenten in Leipzig: Wie pluralistisch ist das Fach? Zur Großansicht
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Wirtschaftsstudenten in Leipzig: Wie pluralistisch ist das Fach?

Zu realitätsfern, zu marktgläubig, zu einseitig: Seit der Finanzkrise rebellieren Wirtschaftsstudenten gegen die herrschende Lehre in ihrem Fach. Laut Hochschulmagazin "duz" finden sie damit allmählich auch Gehör bei den Professoren.

Samuel Decker ist seit dreieinhalb Jahren dabei, seit er im Grundstudium Volkswirtschaftslehre in Hamburg in der Makroökonomie-Vorlesung von Professor Dr. Bernd Lucke saß, dem Gründer der Alternative für Deutschland. "Ich fand es relativ abschreckend, wie formale Argumente aus politischem Kalkül mal hochgezogen, mal wegdiskutiert wurden", sagt der 24-Jährige.

So organisierte Decker einen Kongress mit, der sich kritisch mit dem Fach auseinandersetzte. Bis heute engagiert er sich im Netzwerk "Plurale Ökonomik", an dem sich in mehr als 20 Initiativen deutschlandweit Hunderte Studierende beteiligen. Seit Mai 2014 existiert auch eine internationale Dachorganisation für mehr als 60 Studenteninitiativen aus mehr als 30 Ländern, die International Student Initiative for Pluralism in Economics (ISIPE).

Ihr Ziel: Die auf neoklassische und neoliberale Theorien eingeschworenen Wirtschaftswissenschaften sollten den Blick öffnen für andere Denkschulen und benachbarte Disziplinen wie Soziologie, Jura, Philosophie, Psychologie und Politik. Im Curriculum werde zu sehr auf formalistische Modelle gesetzt, welche nur Pseudo-Objektivität lieferten.

Die Queen fragte: Warum hat niemand die Krise vorhergesehen?

"Wir sind nicht gegen Mathematik", weist Decker einen häufig formulierten Vorwurf zurück. Diese allein reiche aber nicht aus zum Verstehen komplexer Zusammenhänge wirtschaftlichen Geschehens. Die Studenten sind höchst aktiv: Sie stellen selbst erarbeitete Skripte ins Internet, veranstalten Diskussionsforen und Ringvorlesungen, die sich auch über YouTube abrufen lassen. Im November soll in Berlin auf einer internationalen Konferenz über alternative Lehrbücher diskutiert werden.

Dass die Wirtschaftsrebellen mit ihren Aktionen auf Unterstützung stoßen, zeigte 2014 ein offener Brief, der im Internet von rund 2000 Menschen unterzeichnet wurde. Darunter waren prominente Vertreter wie der französische Wirtschaftsprofessor Thomas Piketty, dessen Sachbuch "Das Kapital im 21. Jahrhundert" für Aufsehen sorgte.

Grund für die anhaltenden Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Wirtschaftswissenschaften ist die dauerhafte Finanzkrise, die vor wenigen Jahren Banken und sogar Staaten ins Wanken brachte: Zum peinlichen Fanal geriet der Besuch von Queen Elizabeth II. in der London School of Economics 2008. Geduldig hörte sich die Monarchin einen Vortrag über die Finanzkrise an, um abschließend zu fragen: "Wie konnte es passieren, dass niemand diese Krise vorhergesehen hat?" Zerknirscht räumten daraufhin renommierte Professoren "ein Versagen der kollektiven Vorstellungskraft vieler kluger Menschen" ein.

"Pragmatische Zwänge"

Lange Zeit waren Vertreter von VWL und BWL stolz, die naturwissenschaftlichste Disziplin unter den Sozialwissenschaften zu sein. Sie nahmen mathematische Formeln zuhilfe, um Phänomene von Angebot und Nachfrage zu modellieren, oder erfanden für die Analyse von Marktgeschehen idealtypische Modelle wie den Homo oeconomicus, das rational und egoistisch handelnde Individuum. Doch die Theorien sind in die Jahre gekommen. Bis heute gängige Modelle sind eher für lineare Zusammenhänge geeignet. Zum Verstehen der Auswirkungen eines sekundenschnellen Computer-Aktienhandels oder der Irrationalität im Handeln von Staaten, Firmen und Menschen sind sie ungeeignet.

"Nötig wäre eine Mathematik, die dynamische Prozesse abbildet, auch solche, wie es sie beim Finanzmarktgeschehen gibt", sagt Professor Dr. Frank Beckenbach. Der Verhaltens- und Umweltökonom von der Uni Kassel unterstützt die Initiative. In einem von der Hans-Böckler-Stiftung finanzierten Projekt erhebt er, wie vielfältig wirtschaftswissenschaftliche Studiengänge hierzulande sind.

Was die erwarteten Resultate der bis August laufenden Untersuchung betrifft, ist Beckenbach nicht optimistisch: Gute Ideen fielen am Ende "pragmatischen Zwängen zum Opfer". Empören kann sich der Volkswirt über etablierte Kollegen, die ungeachtet des "eklatanten Versagens" bei der Diagnostizierung der Finanz- und der EU-Schuldenkrise am "Business as usual" festhielten.

Gegen die Vorherrschaft neoklassisch geprägter Volkswirtschaftslehre kämpft auch Professor Dr. Helge Peukert. Nach wie vor werde "viel zu häufig letztendlich eine Marktgläubigkeit vermittelt", kritisiert der Finanzwissenschaftler von der Uni Erfurt. In einem komprimierten Zeitplan würden Studierende durch Mikro-, Makroökonomie und Statistik gejagt, für Fach- oder Wirtschaftsgeschichte sowie die Lektüre von Werken abseits des Mainstreams fehle die Zeit.

Ein Zeichen des Aufbruchs

Er fürchtet eine zunehmende thematische Verengung bis hin zu einseitiger Indoktrinierung der Studenten: "Was heißt denn wertneutrale wissenschaftliche Lehre und Forschung, wenn Sie im 'Commerzbank' oder im 'Deutsche Bank' Lecture Room stattfinden und diese Institutionen auch noch Professuren stiften?"

Angetan vom Engagement des Netzwerks ist auch Professor Dr. Niko Paech. "Die traditionelle Ökonomie befindet sich auf Kriegsfuß mit der Realität", sagt er. Der außerplanmäßige Professor der Universität Oldenburg sorgte für großes Medienecho mit der von ihm entwickelten Postwachstumsökonomik, die Möglichkeiten eines nachhaltigen Wirtschaftens jenseits einseitiger Orientierung auf Innovation und Wachstum beschreibt. Aus eigener Erfahrung weiß der 54-Jährige aber auch, dass, wer sich mit Themen abseits des Tradierten befasst, kaum Chancen auf eine Dauerstelle hat.

Manche Beobachter werten es als Zeichen eines Aufbruchs, wenn Wirtschaftsexperten wie Thomas Piketty oder der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz in ihren viel diskutierten Arbeiten die Verteilungsproblematik - die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich - als eine der kommenden Forschungsfragen des Fachs formulieren. Doch an den Unis bewegt sich offenkundig bislang wenig: Paech beobachtet hingegen einen Trend, die kritisierten Methoden noch intensiver anzuwenden. Doch Volkswirt Peukert ist sich sicher, dass die Wirtschaftswissenschaften in absehbarer Zeit gezwungen sein werden, sich neu aufzustellen: "Die nächste Finanzkrise kommt bestimmt."

Dieser Text ist zuerst erschienen in: duz Magazin 8/2015

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VWL-Studenten kämpfen für neue Lehrpläne: "Wir sind jetzt eine Bewegung"

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1. Der Dogmatismus der ökonomischen Theorie ist schon sehr langlebig
stanzer 16.08.2015
Als ich im Jahre 1967 an der Phillips-Universität Marburg bei Erich Hoppmann- Freiburger Schule -Mikroökonomie studierte wurde mit der "ceteris paribus" Klausel das entscheidende Denkverbot verkündet. Dies obwohl Hoppmann sowohl mit Graphen als auch Verbal Ökonomie erklärte. Zudem glaubte man in der Tat durch Einstellung von mathematisch ausgebildeten Assistenten sich der Naturwissenschaft annähern zu können.
2. VWL und BWL
rbwntr 16.08.2015
sind halt Pseudowissenschaften. Wirtschaft wird halt von vielen rationalen und irrationalen Faktoren beeinflusst. hinzu kommen Diskontinuitäten, die halt nicht planbar sind. Naturwissenschaftler wissen, dass man ein Modell nicht mit der Realität verwechseln darf.
3. Offenbar
LJA 16.08.2015
ist immer noch vielen Leuten nicht bewusst, dass das Handeln der großen Banken in der Zeit vor der Finanzkrise, nichts mit Marktwirtschaft zu tun hatte. Tatsächlich wurden dort Methoden angewandt, bei denen es von vorn herein klar war, das sie nicht funktionieren würden. Wenn jetzt aber versucht werden soll, ökonomisches Handeln von vorn herein zu unterdrücken und unter das primat des plolitischen zu stellen, dann ist das Ende vorhersehbar. Die sog. sozialistischen Staaten waren bis 1990 ein gutes Beispiel dafür, was passiert, wenn die Politik in den Betrieben das Sagen hat und nicht mehr die Ökonomen. Bzw. wenn man versucht eine Ökonomie hin zu lügen, die nur noch ideologiegetrieben ist. Volkswirtschaften, deren Produktionsmittel nur noch auf Verschleiß gefahren werden und technische Weiterentwicklung in homöopathischen Größenordnungen. Dazu noch eine hemmungslose Ausbeutung natürlicher Ressourcen, ohne jede Rücksicht auf die Gesundheit der Menschen. Eine Investition muß sich rechnen, sonst hat eine Firma keine Zukunft. Das weg diskutieren zu wollen, ist absolut fruchtlos.
4. Die Finanzkrise
ingenör79 16.08.2015
hat doch gezeigt das die Marktwirtschaft damit fertig wird. Die Griechenlandkrise ist doch eigentlich auch unbedeutend, viel bedeutender ist doch was in Asien passiert. Und sowohl Indien als auch China setzen auf die Marktwirtschaft.
5. Artikel zusammgefasst
christian.neiman.7 16.08.2015
Ein paar linken Studenten ist die Volkswirtschaftslehre nicht links genug. Große Überraschung. Aber eigentlich keinen Artikel wert.
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