Neu-Studenten: Wir sind die Flut

2. Teil: Fabienne und die Religion: "Völlig abgedreht, sagt meine Schwester"

Fabienne Kinzelmann, 19: "Praktisch will ich nicht" Zur Großansicht
Brian Bailey

Fabienne Kinzelmann, 19: "Praktisch will ich nicht"

Doppeljahrgang, Studienplatzknappheit - liebe Medien, ihr habt mir Angst gemacht! Darum hab ich in den vergangenen Jahren jeden Studienratgeber gelesen, jeden verflixten Studien-Test gemacht, jedes Uni-Ranking angeschaut. Mir wurde geraten, Jura zu studieren - wie öde! Oder Agrarwirtschaft - zu viel Naturwissenschaften! Oder Bibliothekswesen - in Zeiten von GoogleBooks.

Hätte ich mich an die Rankings gehalten, hätte ich am besten sofort den Wohnungsmarkt in Heidelberg, Tübingen oder Stuttgart durchstöbert. "Wie praktisch", sagte dazu mein Opa. "Da kannst du gleich bei uns in Stuttgart wohnen bleiben." Ja, praktisch, aber praktisch will ich nicht. Ich habe mich für Dresden entschieden.

Einen so großen Freiheitsdrang und so viel Zeit wie nach dem Abi hat man wohl nie wieder. Meine Klassenkameraden sammeln Spenden für den Freiwilligendienst in Togo, packen für Work & Travel in Australien oder buchen ein Around-the-World-Ticket. Bin ich eigentlich die Einzige, die Zukunftspanik hat?

Mit Muffins bestochen

Ich habe mir kein Interrail-Ticket gekauft und auch keine Sprachreise gemacht - sondern ein Praktikum bei der Jugendzeitschrift "Spiesser". Und zwar in der Stadt, in der ich auch studieren will. Denn im Juli, weit vor Studienbeginn, musste ich mich nicht mit tausend Studienanwärtern um Wohnheimplätze und WG-Zimmer prügeln, schließlich werden die Zusagen erst im August verschickt.

Ich habe mir nur eine WG angeschaut, schon die Beschreibung sagte mir zu. Mitten in der Dresdner Neustadt, dort, wo es nachts am lautesten ist und Sonntagmorgen am ruhigsten. Eine 90-Quadratmeter Dachwohnung zu zweit, 260 Euro Warmmiete pro Person. Davon kann man in Heidelberg nur träumen.

Meinen Mitbewohner habe ich mit Muffins, vielen E-Mails und netten Telefonaten von mir überzeugt. Ohne allzu euphorisch klingen zu wollen: Es passt einfach perfekt. Unsere Tagesabläufe sind so verschieden, dass ich das Bad morgens immer für mich habe; er kauft ein und bringt den Müll runter, ich staubsauge öfter.

Dass er gut 15 Jahre älter ist, kratzt mich nicht. Ich finde es sogar ziemlich cool, in keiner typischen Studentenbude zu wohnen - und bei drei kleinen Geschwistern stört es mich nicht, dass sein zweijähriger Sohn ihn zwei Tage pro Woche besucht.

Katholische Theologie? Völlig abgedreht!

Ähnlich wie mit meiner WG hatte ich beim Studienplatz keine Lust auf Zitterpartien - und nach dem Praktikum wieder aus Dresden wegzuziehen, kam auch nicht in Frage. Gibt schließlich genug zulassungsfreie Studiengänge. Mit Philosophie habe ich schon lange geliebäugelt, dennoch kam plötzlich wieder meine Zukunftspanik. Später möchte ich eigentlich als Journalistin arbeiten. Papa, Großeltern, ehemalige Lehrer - ihre Stimmen dröhnen immer noch in meinem Kopf: Was, wenn es mit dem Journalismus nicht klappt? Was fängst du dann mit einem reinen Philosophiestudium an?

Letztendlich habe ich mich für Katholische Theologie im interdisziplinären Kontext entschieden - mit Philosophie und Humanities, zwei sozial- oder geisteswissenschaftlichen Ergänzungsfächern, im Nebenfach. Ich finde, das kommt Philosophie ziemlich nahe, nur mit mehr Didaktik, Sprach-Modulen und - logisch - Bibelwissenschaften.

Das sei völlig abgedreht, sagte meine kleine Schwester, Papa hat immerhin geschmunzelt, mein bester Freund hat den Kopf geschüttelt - und selbst mein ehemaliger Religionslehrer vergewisserte sich, ob das mein Ernst sei. Ich glaube nicht, dass man sehr gläubig sein muss für diesen Studiengang - eine große Portion Neugier ist doch auch nicht verkehrt, oder?

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insgesamt 52 Beiträge
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1. Höhere Bildung?
Hardliner 1 29.09.2011
Zitat von sysopSo viele neue Studenten wie nie zuvor strömen*im Oktober*in deutsche*Hörsäle. Dabei sind auch Fabienne, Marc und Larissa. Hier erzählen sie von ihrem Kampf*gegen WG-Zimmer-Not, Eignungstests mit Trotzki*und*ihre Zukunftspanik. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,783448,00.html
Ich kann einfach nicht glauben, dass die Bildung der jungen Menschen in Deutschland derart stark gestiegen ist, dass wir einen solchen Run auf die Hochschulen haben. Pisa sagt ganz etwas anderes. Es ist wohl eher so, dass Billig-Schulabschlüsse zur Regel geworden sind. Entsprechend hoch wird der Prozentsatz der Studienabbrecher sein.
2. re
EvilMoe 29.09.2011
Hätte man nicht auch jemanden in die Reihe aufnehmen können der Naturwissenschaften studiert? Oder vielleicht sogar einen Azubi?
3. Wir sind die Flut
Wattläufer 29.09.2011
Diese jungen Leute tun mir nur noch leid, besonders in den geisteswissenschaftlichen Fächern, auch Betriebswirte sind betroffen : Eine "Generation Praktikum" droht, keine Möglichkeit eine Familie zu gründen, hohe Schulden durch Studiengebühren, temporäre Jobs bis Mitte 30 und eine wahnsinnige Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Mit 45 bis 50 Jahren ist dann Schluss, je nach Branche. Wehe dem, der keine Unterstützung durch seine Familie erhält, nicht überdurchschnittlich intelligent ist oder nicht sehr gut aussieht. Es wird nicht genügend Jobs für alle geben bedingt durch weitere Rationalisierung, Technologietransfer und und technische Entwicklungen ! Und unsere merkbefreiten Politiker faseln etwas von Arbeitskräftemangel und "Fachleuten aus dem Ausland, die wir so dringend benötigen"...
4. Oh weia
Shichun 29.09.2011
Au ja, solche Studenten braucht die deutsche Wirtschaft später sicher!
5. ...
sagichned 29.09.2011
Zitat von Hardliner 1Ich kann einfach nicht glauben, dass die Bildung der jungen Menschen in Deutschland derart stark gestiegen ist, dass wir einen solchen Run auf die Hochschulen haben. Pisa sagt ganz etwas anderes. Es ist wohl eher so, dass Billig-Schulabschlüsse zur Regel geworden sind. Entsprechend hoch wird der Prozentsatz der Studienabbrecher sein.
Es ist auch so, dass man als abi angänger vom dem geilen studentenleben träumt: partys, noch mehr partys und wilden sex. Dass man für das alles dann kaum zeit hat. Findet man in den ersten semestern schnell raus.
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    Larissa Rohr, 19, kommt aus Frankweiler in Rheinland-Pfalz und studiert seit Oktober Politik- und Medienwissenschaften in Tübingen.
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    Fabienne Kinzelmann, 19, schwor sich: nie Arzt wie Papa. Nach ihrem Abitur in Stuttgart studiert sie in Dresden Katholische Theologie im interdisziplinären Kontext.
  • Marius Brede
    Marc Becker, 20, studiert nach seinem Abi in Kassel seit Oktober in Marburg Politikwissenschaft. Später will er vielleicht mal als Journalist arbeiten. Oder bei einer NGO.

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