Doppeljahrgang, Studienplatzknappheit - liebe Medien, ihr habt mir Angst gemacht! Darum hab ich in den vergangenen Jahren jeden Studienratgeber gelesen, jeden verflixten Studien-Test gemacht, jedes Uni-Ranking angeschaut. Mir wurde geraten, Jura zu studieren - wie öde! Oder Agrarwirtschaft - zu viel Naturwissenschaften! Oder Bibliothekswesen - in Zeiten von GoogleBooks.
Hätte ich mich an die Rankings gehalten, hätte ich am besten sofort den Wohnungsmarkt in Heidelberg, Tübingen oder Stuttgart durchstöbert. "Wie praktisch", sagte dazu mein Opa. "Da kannst du gleich bei uns in Stuttgart wohnen bleiben." Ja, praktisch, aber praktisch will ich nicht. Ich habe mich für Dresden entschieden.
Einen so großen Freiheitsdrang und so viel Zeit wie nach dem Abi hat man wohl nie wieder. Meine Klassenkameraden sammeln Spenden für den Freiwilligendienst in Togo, packen für Work & Travel in Australien oder buchen ein Around-the-World-Ticket. Bin ich eigentlich die Einzige, die Zukunftspanik hat?
Mit Muffins bestochen
Ich habe mir kein Interrail-Ticket gekauft und auch keine Sprachreise gemacht - sondern ein Praktikum bei der Jugendzeitschrift "Spiesser". Und zwar in der Stadt, in der ich auch studieren will. Denn im Juli, weit vor Studienbeginn, musste ich mich nicht mit tausend Studienanwärtern um Wohnheimplätze und WG-Zimmer prügeln, schließlich werden die Zusagen erst im August verschickt.
Ich habe mir nur eine WG angeschaut, schon die Beschreibung sagte mir zu. Mitten in der Dresdner Neustadt, dort, wo es nachts am lautesten ist und Sonntagmorgen am ruhigsten. Eine 90-Quadratmeter Dachwohnung zu zweit, 260 Euro Warmmiete pro Person. Davon kann man in Heidelberg nur träumen.
Meinen Mitbewohner habe ich mit Muffins, vielen E-Mails und netten Telefonaten von mir überzeugt. Ohne allzu euphorisch klingen zu wollen: Es passt einfach perfekt. Unsere Tagesabläufe sind so verschieden, dass ich das Bad morgens immer für mich habe; er kauft ein und bringt den Müll runter, ich staubsauge öfter.
Dass er gut 15 Jahre älter ist, kratzt mich nicht. Ich finde es sogar ziemlich cool, in keiner typischen Studentenbude zu wohnen - und bei drei kleinen Geschwistern stört es mich nicht, dass sein zweijähriger Sohn ihn zwei Tage pro Woche besucht.
Katholische Theologie? Völlig abgedreht!
Ähnlich wie mit meiner WG hatte ich beim Studienplatz keine Lust auf Zitterpartien - und nach dem Praktikum wieder aus Dresden wegzuziehen, kam auch nicht in Frage. Gibt schließlich genug zulassungsfreie Studiengänge. Mit Philosophie habe ich schon lange geliebäugelt, dennoch kam plötzlich wieder meine Zukunftspanik. Später möchte ich eigentlich als Journalistin arbeiten. Papa, Großeltern, ehemalige Lehrer - ihre Stimmen dröhnen immer noch in meinem Kopf: Was, wenn es mit dem Journalismus nicht klappt? Was fängst du dann mit einem reinen Philosophiestudium an?
Letztendlich habe ich mich für Katholische Theologie im interdisziplinären Kontext entschieden - mit Philosophie und Humanities, zwei sozial- oder geisteswissenschaftlichen Ergänzungsfächern, im Nebenfach. Ich finde, das kommt Philosophie ziemlich nahe, nur mit mehr Didaktik, Sprach-Modulen und - logisch - Bibelwissenschaften.
Das sei völlig abgedreht, sagte meine kleine Schwester, Papa hat immerhin geschmunzelt, mein bester Freund hat den Kopf geschüttelt - und selbst mein ehemaliger Religionslehrer vergewisserte sich, ob das mein Ernst sei. Ich glaube nicht, dass man sehr gläubig sein muss für diesen Studiengang - eine große Portion Neugier ist doch auch nicht verkehrt, oder?
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