Neu-Studenten: Wir sind die Flut
3. Teil: Marc mag's international: Ist heute ein Wochentag?
Nach dem Abitur beginnt der Ernst des Lebens? Nicht sofort. Seit ich im Juni mein Abiturzeugnis in den Händen hielt, habe ich einiges erlebt - aber besonders ernst ging es dabei nicht zu.
Einige Freunde, die mit mir Abi gemacht hatten, und ich verschwendeten in den Wochen danach kaum einen Gedanken an die Zukunft. Wir feierten, was wir da geleistet hatten - und zwar zu vierzehnt in einem dänischen Ferienhaus.
Zugegeben, irgendwann kommen die Zukunftsfragen doch, dafür sorgen schon die Bewerbungsfristen. Im Internet las ich Studienordnungen für Politik, allerdings unterschieden sich die Schwerpunkte der Unis doch sehr deutlich. Meine Wunsch-Hochschulen waren schnell gefunden, und auch die Bewerbungen schrieb ich flott - auch wenn es die verschiedenen Online-Formulare nicht immer einfach machten, den Überblick zu behalten.
Jede Uni-Seite sieht anders aus, und jede Uni legt neben den Standardfragen eigene Kriterien fest: Für Göttingen sind die Noten in Deutsch und Mathe besonders wichtig. In Marburg zählen Sprachkenntnisse, Mannheim verlangt einen Lebenslauf und den Nachweis, dass ich einen Interessentest im Internet absolviert habe. Gefällt es mir "gar nicht", "wenig", "etwas", "ziemlich" oder "sehr", etwas zu zeichnen oder in Öl zu malen? Oder: unerforschten Fragen nachzugehen? Oder: einen Konstruktionsplan zu entwerfen? Das Procedere dauerte zehn Minuten, der Erkenntnisgewinn war mäßig.
Ohne Schule weiß ich kaum, welcher Tag ist
Als die Tests und Formulare abgehakt waren, fiel mir zum ersten Mal auf, wie sehr die Schule bisher meinen Alltag strukturiert hatte. Jetzt fehlt der Rahmen plötzlich, und ich tue mich mitunter schwer, auf Anhieb den richtigen Wochentag zu wissen.
Ich verbringe viel Zeit mit Freunden, und im Hinterkopf haftet das Gefühl, dass es das letzte Treffen sein könnte, bevor alle ausschwärmen, zum Studieren, zur Ausbildung oder ins FSJ.
Eine Weile ist Nichtstun ganz entspannend, es hat was von endlosen Sommerferien. Aber irgendwann werde ich unruhig und suche mir spontan einen Job im Kino. Ich verdiene erstmals etwas mehr eigenes Geld und habe wieder einen geregelten Tagesablauf. Aber ist das nun echtes Leben?
Als die ersten Ergebnisse der Unis eintrudeln, bin ich sehr aufgeregt. Habe ich vielleicht was Wichtiges bei der Bewerbung vergessen? Oder ist der Numerus clausus stärker gestiegen als gedacht? Die Sorgen waren unbegründet: Mannheim, Göttingen und Marburg, alle drei sagen zu.
Ich entscheide mich für Marburg, Internationale Beziehungen und Konfliktforschung klingt einfach am spannendsten und die Altstadt gefällt mir. Auch wenn ich mir noch nicht genau vorstellen kann, was mich im Studium erwartet - ich freue mich, dass es bald losgeht.
Andere Freunde sind da schon weiter: Eine Freundin arbeitet derzeit in einer Schule in Uganda, eine andere hat gerade geheiratet. Und in Marburg pauken Islamwissenschaftler, Theologen und Archäologen schon seit Ende August in Intensivkursen Hebräisch. Was mich angeht - ich kann es noch erwarten.
- 1. Teil: Wir sind die Flut
- 2. Teil: Fabienne und die Religion: "Völlig abgedreht, sagt meine Schwester"
- 3. Teil: Marc mag's international: Ist heute ein Wochentag?
- 4. Teil: Larissa und der Leistungstest: Herzklopfen beim Date mit Trotzki
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
- alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
- Twitter | RSS
- alles aus der Rubrik Studium
- RSS
- alles zum Thema Studienstart
- RSS
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Donnerstag, 29.09.2011 – 10:37 Uhr
- Drucken Versenden
- Nutzungsrechte Feedback
- Kommentieren | 52 Kommentare
- Larissa Rohr, 19, kommt aus Frankweiler in Rheinland-Pfalz und studiert seit Oktober Politik- und Medienwissenschaften in Tübingen.
Patrick Leibach - Fabienne Kinzelmann, 19, schwor sich: nie Arzt wie Papa. Nach ihrem Abitur in Stuttgart studiert sie in Dresden Katholische Theologie im interdisziplinären Kontext.
Brian Bailey - Marc Becker, 20, studiert nach seinem Abi in Kassel seit Oktober in Marburg Politikwissenschaft. Später will er vielleicht mal als Journalist arbeiten. Oder bei einer NGO.
Marius Brede
- Fotostrecke: Fabienne, Marc und Larissa im Studienstart-Fieber
- Uni-Chaos 2011: Umfahren Sie den Hörsaal-Stau (30.08.2011)
- Mehr Studienanfänger denn je: Jetzt kommt die Flut (18.07.2011)
- Abiturienten 2011: "Ich will Unglaubliches vollbringen!" (27.06.2011)
- Drüben studieren: Ost-Unis auf Werbewalz (27.06.2011)
- Mit Vollgas an die Uni: Wir Turbo-Studenten (26.05.2011)
- Selbstversuch Ost: Sächsisch für Anfänger (02.12.2010)
MEHR AUS DEM RESSORT UNISPIEGEL
-
Wissenstest
Allgemeinbildung: Der große Check auf SPIEGEL ONLINE - wie gut sind Sie? -
Querweltein
Auslandsstudium: Hochschulen von exotisch bis arktisch - nichts wie weg -
Abbrecher
Prominente erzählen: Es gibt ein Leben ohne Uni-Abschluss -
Tools
Studienplätze, wohnen, Hausarbeiten, reisen: Alle UniSPIEGEL-Tools -
IQ-Test
Gehören Sie zur Grips-Elite? Superhirn-Suche auf SPIEGEL ONLINE


