Neu-Studenten: Wir sind die Flut

3. Teil: Marc mag's international: Ist heute ein Wochentag?

Marc Becker, 20: Gefällt es mir, etwas in Öl zu malen? Zur Großansicht
Marius Brede

Marc Becker, 20: Gefällt es mir, etwas in Öl zu malen?

Nach dem Abitur beginnt der Ernst des Lebens? Nicht sofort. Seit ich im Juni mein Abiturzeugnis in den Händen hielt, habe ich einiges erlebt - aber besonders ernst ging es dabei nicht zu.

Einige Freunde, die mit mir Abi gemacht hatten, und ich verschwendeten in den Wochen danach kaum einen Gedanken an die Zukunft. Wir feierten, was wir da geleistet hatten - und zwar zu vierzehnt in einem dänischen Ferienhaus.

Zugegeben, irgendwann kommen die Zukunftsfragen doch, dafür sorgen schon die Bewerbungsfristen. Im Internet las ich Studienordnungen für Politik, allerdings unterschieden sich die Schwerpunkte der Unis doch sehr deutlich. Meine Wunsch-Hochschulen waren schnell gefunden, und auch die Bewerbungen schrieb ich flott - auch wenn es die verschiedenen Online-Formulare nicht immer einfach machten, den Überblick zu behalten.

Jede Uni-Seite sieht anders aus, und jede Uni legt neben den Standardfragen eigene Kriterien fest: Für Göttingen sind die Noten in Deutsch und Mathe besonders wichtig. In Marburg zählen Sprachkenntnisse, Mannheim verlangt einen Lebenslauf und den Nachweis, dass ich einen Interessentest im Internet absolviert habe. Gefällt es mir "gar nicht", "wenig", "etwas", "ziemlich" oder "sehr", etwas zu zeichnen oder in Öl zu malen? Oder: unerforschten Fragen nachzugehen? Oder: einen Konstruktionsplan zu entwerfen? Das Procedere dauerte zehn Minuten, der Erkenntnisgewinn war mäßig.

Ohne Schule weiß ich kaum, welcher Tag ist

Als die Tests und Formulare abgehakt waren, fiel mir zum ersten Mal auf, wie sehr die Schule bisher meinen Alltag strukturiert hatte. Jetzt fehlt der Rahmen plötzlich, und ich tue mich mitunter schwer, auf Anhieb den richtigen Wochentag zu wissen.

Ich verbringe viel Zeit mit Freunden, und im Hinterkopf haftet das Gefühl, dass es das letzte Treffen sein könnte, bevor alle ausschwärmen, zum Studieren, zur Ausbildung oder ins FSJ.

Eine Weile ist Nichtstun ganz entspannend, es hat was von endlosen Sommerferien. Aber irgendwann werde ich unruhig und suche mir spontan einen Job im Kino. Ich verdiene erstmals etwas mehr eigenes Geld und habe wieder einen geregelten Tagesablauf. Aber ist das nun echtes Leben?

Als die ersten Ergebnisse der Unis eintrudeln, bin ich sehr aufgeregt. Habe ich vielleicht was Wichtiges bei der Bewerbung vergessen? Oder ist der Numerus clausus stärker gestiegen als gedacht? Die Sorgen waren unbegründet: Mannheim, Göttingen und Marburg, alle drei sagen zu.

Ich entscheide mich für Marburg, Internationale Beziehungen und Konfliktforschung klingt einfach am spannendsten und die Altstadt gefällt mir. Auch wenn ich mir noch nicht genau vorstellen kann, was mich im Studium erwartet - ich freue mich, dass es bald losgeht.

Andere Freunde sind da schon weiter: Eine Freundin arbeitet derzeit in einer Schule in Uganda, eine andere hat gerade geheiratet. Und in Marburg pauken Islamwissenschaftler, Theologen und Archäologen schon seit Ende August in Intensivkursen Hebräisch. Was mich angeht - ich kann es noch erwarten.

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insgesamt 52 Beiträge
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1. Höhere Bildung?
Hardliner 1 29.09.2011
Zitat von sysopSo viele neue Studenten wie nie zuvor strömen*im Oktober*in deutsche*Hörsäle. Dabei sind auch Fabienne, Marc und Larissa. Hier erzählen sie von ihrem Kampf*gegen WG-Zimmer-Not, Eignungstests mit Trotzki*und*ihre Zukunftspanik. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,783448,00.html
Ich kann einfach nicht glauben, dass die Bildung der jungen Menschen in Deutschland derart stark gestiegen ist, dass wir einen solchen Run auf die Hochschulen haben. Pisa sagt ganz etwas anderes. Es ist wohl eher so, dass Billig-Schulabschlüsse zur Regel geworden sind. Entsprechend hoch wird der Prozentsatz der Studienabbrecher sein.
2. re
EvilMoe 29.09.2011
Hätte man nicht auch jemanden in die Reihe aufnehmen können der Naturwissenschaften studiert? Oder vielleicht sogar einen Azubi?
3. Wir sind die Flut
Wattläufer 29.09.2011
Diese jungen Leute tun mir nur noch leid, besonders in den geisteswissenschaftlichen Fächern, auch Betriebswirte sind betroffen : Eine "Generation Praktikum" droht, keine Möglichkeit eine Familie zu gründen, hohe Schulden durch Studiengebühren, temporäre Jobs bis Mitte 30 und eine wahnsinnige Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Mit 45 bis 50 Jahren ist dann Schluss, je nach Branche. Wehe dem, der keine Unterstützung durch seine Familie erhält, nicht überdurchschnittlich intelligent ist oder nicht sehr gut aussieht. Es wird nicht genügend Jobs für alle geben bedingt durch weitere Rationalisierung, Technologietransfer und und technische Entwicklungen ! Und unsere merkbefreiten Politiker faseln etwas von Arbeitskräftemangel und "Fachleuten aus dem Ausland, die wir so dringend benötigen"...
4. Oh weia
Shichun 29.09.2011
Au ja, solche Studenten braucht die deutsche Wirtschaft später sicher!
5. ...
sagichned 29.09.2011
Zitat von Hardliner 1Ich kann einfach nicht glauben, dass die Bildung der jungen Menschen in Deutschland derart stark gestiegen ist, dass wir einen solchen Run auf die Hochschulen haben. Pisa sagt ganz etwas anderes. Es ist wohl eher so, dass Billig-Schulabschlüsse zur Regel geworden sind. Entsprechend hoch wird der Prozentsatz der Studienabbrecher sein.
Es ist auch so, dass man als abi angänger vom dem geilen studentenleben träumt: partys, noch mehr partys und wilden sex. Dass man für das alles dann kaum zeit hat. Findet man in den ersten semestern schnell raus.
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    Larissa Rohr, 19, kommt aus Frankweiler in Rheinland-Pfalz und studiert seit Oktober Politik- und Medienwissenschaften in Tübingen.
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    Fabienne Kinzelmann, 19, schwor sich: nie Arzt wie Papa. Nach ihrem Abitur in Stuttgart studiert sie in Dresden Katholische Theologie im interdisziplinären Kontext.
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    Marc Becker, 20, studiert nach seinem Abi in Kassel seit Oktober in Marburg Politikwissenschaft. Später will er vielleicht mal als Journalist arbeiten. Oder bei einer NGO.

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