Neu-Studenten: Wir sind die Flut

4. Teil: Larissa und der Leistungstest: Herzklopfen beim Date mit Trotzki

Larissa Rohr, 19, fuhr über Esslingen, Plochingen, Wendlingen, Nürtingen nach Tübingen Zur Großansicht
Patrick Leibach

Larissa Rohr, 19, fuhr über Esslingen, Plochingen, Wendlingen, Nürtingen nach Tübingen

Die ganze Uni-Suche und Bewerbungsprozedur war schon vor meinem Amerika-Urlaub gelaufen, und ich hatte sie fast vergessen. Nach langem Überlegen und einem Blick in die Deutschlandkarte standen drei Städte auf meinem Wunschzettel: Tübingen, Mainz und Münster.

Die Online-Bewerbung genügte den Unis nicht, ich musste zusätzlich alles ausdrucken, unterschreiben und zur Post bringen. Fragen zur Person, Abitur und Berufswunsch waren dabei - und einmal sogar eine Rechenaufgabe: "Dividieren Sie bitte Ihre erzielte Abitur-Gesamtpunktzahl durch 56, und multiplizieren Sie das Ergebnis mit sechs." Aha.

Bestens gelaunt und entspannt entdecke ich nach meinem Philadelphia-Urlaub in dicken, roten Buchstaben das Wort "Test" in meinem Kalender. Mist, da war noch was: Samstagmorgen, Politik-Eignungstest in Tübingen. Wie gut, dass das politische Geschehen in Europa die letzten drei Wochen an mir vorbeigezogen ist.

Ganz allein will ich da nicht hin, mein Freund muss mit. Der sollte sich sowieso anschauen, in welchem Städtchen er die nächsten drei Jahre seine Wochenenden verbringen darf. Wir fürchten den Ferienverkehr auf der A8 und kombinieren die Verkehrsmittel: eine Stunde Auto und eine Stunde Regionalbahn durch Esslingen, Plochingen, Wendlingen, Nürtingen, Metzingen und Reutlingen nach Tübingen. Spätestens nach dem dritten "-ingen" legt sich die Stirn meines Freundes in tiefe Falten. Er fragt sich wohl, wo er mit mir gelandet ist.

Ein Zitat von Trotzki, eine Stunde Zeit

In Tübingen will er wissen, wo denn bitte die Menschenmassen sind, gegen die ich mich mit meinem Bewerbungstest durchsetzen will. Schließlich sind auf meinem Info-Zettel für die Eingangsklausur vier Hörsäle angegeben, in denen wir über politische Zitate grübeln sollen. Und das beim Nachholtermin.

Mit Herzklopfen kämpfe ich mich die letzten Stufen zum Hörsaal hinauf, in dem mit mir rund 90 geschätzte Mitstreiter Platz finden. In der Hand habe ich: meinen Personalausweis, einen Füller, einen Ersatzfüller, zwei Tintenkiller, einen Kuli, falls die Tinte eintrocknet, einen Ersatzkuli und einen neuen Block: DIN A4, liniert mit Seitenrand. Jeder sollte sein Papier selbst mitbringen.

Auf Los geht's los: ein Zitat von Trotzki - "Jeder Staat wird auf Gewalt gegründet" - eine Stunde Zeit. Mein Kopf dampft, ich schreibe los, kille weg, streiche durch. Chaos pur. Oh Wunder: Mein Füller hält - mein Nervenkostüm nicht. Völlig fertig verlasse ich danach zum ersten Mal einen Hörsaal und falle meinem Freund in die Arme.

Der ist noch recht munter und kennt nach seinem Halbmarathon durch Tübingen die Stadt besser als ich - inklusive Schloss, seltsamen Schablonengraffiti, die Pinguine zum Currywurst-Essen anhalten sollen, und Dixi-Klos im Wald. Für mich ist der Tag gelaufen, ich lasse mich nur noch zu einer kleinen kostenlosen Stadtführung überreden, bei der er den Tourguide gibt.

Die Zusage meiner Wunsch-Uni Tübingen kam drei Wochen später. Lange nach den Zusagen aus Mainz und Münster. Meine Testnote: 3,3. Hoch lebe mein guter Abi-Schnitt, der mit dem miesen Ergebnis verrechnet wird und mich vor der Absage gerettet hat! Das fängt ja gut an...

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insgesamt 52 Beiträge
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1. Höhere Bildung?
Hardliner 1, 29.09.2011
Zitat von sysopSo viele neue Studenten wie nie zuvor strömen*im Oktober*in deutsche*Hörsäle. Dabei sind auch Fabienne, Marc und Larissa. Hier erzählen sie von ihrem Kampf*gegen WG-Zimmer-Not, Eignungstests mit Trotzki*und*ihre Zukunftspanik. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,783448,00.html
Ich kann einfach nicht glauben, dass die Bildung der jungen Menschen in Deutschland derart stark gestiegen ist, dass wir einen solchen Run auf die Hochschulen haben. Pisa sagt ganz etwas anderes. Es ist wohl eher so, dass Billig-Schulabschlüsse zur Regel geworden sind. Entsprechend hoch wird der Prozentsatz der Studienabbrecher sein.
2. re
EvilMoe, 29.09.2011
Hätte man nicht auch jemanden in die Reihe aufnehmen können der Naturwissenschaften studiert? Oder vielleicht sogar einen Azubi?
3. Wir sind die Flut
Wattläufer 29.09.2011
Diese jungen Leute tun mir nur noch leid, besonders in den geisteswissenschaftlichen Fächern, auch Betriebswirte sind betroffen : Eine "Generation Praktikum" droht, keine Möglichkeit eine Familie zu gründen, hohe Schulden durch Studiengebühren, temporäre Jobs bis Mitte 30 und eine wahnsinnige Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Mit 45 bis 50 Jahren ist dann Schluss, je nach Branche. Wehe dem, der keine Unterstützung durch seine Familie erhält, nicht überdurchschnittlich intelligent ist oder nicht sehr gut aussieht. Es wird nicht genügend Jobs für alle geben bedingt durch weitere Rationalisierung, Technologietransfer und und technische Entwicklungen ! Und unsere merkbefreiten Politiker faseln etwas von Arbeitskräftemangel und "Fachleuten aus dem Ausland, die wir so dringend benötigen"...
4. Oh weia
Shichun 29.09.2011
Au ja, solche Studenten braucht die deutsche Wirtschaft später sicher!
5. ...
sagichned 29.09.2011
Zitat von Hardliner 1Ich kann einfach nicht glauben, dass die Bildung der jungen Menschen in Deutschland derart stark gestiegen ist, dass wir einen solchen Run auf die Hochschulen haben. Pisa sagt ganz etwas anderes. Es ist wohl eher so, dass Billig-Schulabschlüsse zur Regel geworden sind. Entsprechend hoch wird der Prozentsatz der Studienabbrecher sein.
Es ist auch so, dass man als abi angänger vom dem geilen studentenleben träumt: partys, noch mehr partys und wilden sex. Dass man für das alles dann kaum zeit hat. Findet man in den ersten semestern schnell raus.
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Die Studienstart-Kolumnisten
  • Patrick Leibach
    Larissa Rohr, 19, kommt aus Frankweiler in Rheinland-Pfalz und studiert seit Oktober Politik- und Medienwissenschaften in Tübingen.
  • Brian Bailey
    Fabienne Kinzelmann, 19, schwor sich: nie Arzt wie Papa. Nach ihrem Abitur in Stuttgart studiert sie in Dresden Katholische Theologie im interdisziplinären Kontext.
  • Marius Brede
    Marc Becker, 20, studiert nach seinem Abi in Kassel seit Oktober in Marburg Politikwissenschaft. Später will er vielleicht mal als Journalist arbeiten. Oder bei einer NGO.

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