29. September 2011, 10:37 Uhr

Neu-Studenten

Wir sind die Flut

So viele neue Studenten wie nie zuvor strömen im Oktober in deutsche Hörsäle. Dabei sind auch Fabienne, Marc und Larissa. Hier erzählen sie von ihrem Kampf gegen WG-Zimmer-Not, Eignungstests mit Trotzki und ihrer Zukunftspanik.

In der Schule waren sie gerade am oberen Ende der Nahrungskette angelangt. Abiturienten, die Großen, der älteste Jahrgang. Und jetzt? Erstsemester an der Uni. Sie müssen ihre Hörsäle finden, einen Platz zum Wohnen in einer Uni-Stadt. Und sie müssen als Uni-Anfänger lernen, wie korrekt zitiert wird, wofür man wie viele Credit-Punkte bekommt und wie sich im Bachelorstudium ein Auslandsjahr oder ein Studentenjob unterbringen lassen.

In diesem Jahr könnte all das besonders schwierig werden: Die Wehrpflicht ist gefallen, zudem machen in Bayern und Niedersachsen zwei Jahrgänge auf einmal Abitur. Unis sehen eine Erstsemester-Flut auf sich zurollen, eine halbe Million Erstis soll es bis zum Jahreswechsel sein.

Zu dieser Flut gehören auch Fabienne Kinzelmann, 19, Marc Becker, 20, und Larissa Rohr, 19. Alle drei haben gerade erst Abi geschrieben und beginnen im Oktober ihre Hochschullaufbahn: Fabienne in Dresden, Marc in Marburg und Larissa in Tübingen.

Marc fragte das Internet, was er studieren soll - und war nur mäßig begeistert. Fabienne wollte nicht um ihren Studienplatz zittern und ging auf Nummer sicher. "Schließlich gibt es genug zulassungsfreie Studiengänge", sagt sie pragmatisch. Und Larissa nahm den harten Weg und legte eine Prüfung ab, bevor das Studium überhaupt begonnen hatte, um sich einen der begehrten Plätze zu sichern.

Für den UniSPIEGEL berichten die drei von ihrem Studienstart. Erster Teil: Was soll ich nur studieren und wo? (Lesen Sie die Protokolle, indem Sie auf die jeweilige Überschrift klicken.)

Fabienne und die Religion: "Völlig abgedreht, sagt meine Schwester"

Doppeljahrgang, Studienplatzknappheit - liebe Medien, ihr habt mir Angst gemacht! Darum hab ich in den vergangenen Jahren jeden Studienratgeber gelesen, jeden verflixten Studien-Test gemacht, jedes Uni-Ranking angeschaut. Mir wurde geraten, Jura zu studieren - wie öde! Oder Agrarwirtschaft - zu viel Naturwissenschaften! Oder Bibliothekswesen - in Zeiten von GoogleBooks.

Hätte ich mich an die Rankings gehalten, hätte ich am besten sofort den Wohnungsmarkt in Heidelberg, Tübingen oder Stuttgart durchstöbert. "Wie praktisch", sagte dazu mein Opa. "Da kannst du gleich bei uns in Stuttgart wohnen bleiben." Ja, praktisch, aber praktisch will ich nicht. Ich habe mich für Dresden entschieden.

Einen so großen Freiheitsdrang und so viel Zeit wie nach dem Abi hat man wohl nie wieder. Meine Klassenkameraden sammeln Spenden für den Freiwilligendienst in Togo, packen für Work & Travel in Australien oder buchen ein Around-the-World-Ticket. Bin ich eigentlich die Einzige, die Zukunftspanik hat?

Mit Muffins bestochen

Ich habe mir kein Interrail-Ticket gekauft und auch keine Sprachreise gemacht - sondern ein Praktikum bei der Jugendzeitschrift "Spiesser". Und zwar in der Stadt, in der ich auch studieren will. Denn im Juli, weit vor Studienbeginn, musste ich mich nicht mit tausend Studienanwärtern um Wohnheimplätze und WG-Zimmer prügeln, schließlich werden die Zusagen erst im August verschickt.

Ich habe mir nur eine WG angeschaut, schon die Beschreibung sagte mir zu. Mitten in der Dresdner Neustadt, dort, wo es nachts am lautesten ist und Sonntagmorgen am ruhigsten. Eine 90-Quadratmeter Dachwohnung zu zweit, 260 Euro Warmmiete pro Person. Davon kann man in Heidelberg nur träumen.

Meinen Mitbewohner habe ich mit Muffins, vielen E-Mails und netten Telefonaten von mir überzeugt. Ohne allzu euphorisch klingen zu wollen: Es passt einfach perfekt. Unsere Tagesabläufe sind so verschieden, dass ich das Bad morgens immer für mich habe; er kauft ein und bringt den Müll runter, ich staubsauge öfter.

Dass er gut 15 Jahre älter ist, kratzt mich nicht. Ich finde es sogar ziemlich cool, in keiner typischen Studentenbude zu wohnen - und bei drei kleinen Geschwistern stört es mich nicht, dass sein zweijähriger Sohn ihn zwei Tage pro Woche besucht.

Katholische Theologie? Völlig abgedreht!

Ähnlich wie mit meiner WG hatte ich beim Studienplatz keine Lust auf Zitterpartien - und nach dem Praktikum wieder aus Dresden wegzuziehen, kam auch nicht in Frage. Gibt schließlich genug zulassungsfreie Studiengänge. Mit Philosophie habe ich schon lange geliebäugelt, dennoch kam plötzlich wieder meine Zukunftspanik. Später möchte ich eigentlich als Journalistin arbeiten. Papa, Großeltern, ehemalige Lehrer - ihre Stimmen dröhnen immer noch in meinem Kopf: Was, wenn es mit dem Journalismus nicht klappt? Was fängst du dann mit einem reinen Philosophiestudium an?

Letztendlich habe ich mich für Katholische Theologie im interdisziplinären Kontext entschieden - mit Philosophie und Humanities, zwei sozial- oder geisteswissenschaftlichen Ergänzungsfächern, im Nebenfach. Ich finde, das kommt Philosophie ziemlich nahe, nur mit mehr Didaktik, Sprach-Modulen und - logisch - Bibelwissenschaften.

Das sei völlig abgedreht, sagte meine kleine Schwester, Papa hat immerhin geschmunzelt, mein bester Freund hat den Kopf geschüttelt - und selbst mein ehemaliger Religionslehrer vergewisserte sich, ob das mein Ernst sei. Ich glaube nicht, dass man sehr gläubig sein muss für diesen Studiengang - eine große Portion Neugier ist doch auch nicht verkehrt, oder?

Marc mag's international: Ist heute ein Wochentag?

Nach dem Abitur beginnt der Ernst des Lebens? Nicht sofort. Seit ich im Juni mein Abiturzeugnis in den Händen hielt, habe ich einiges erlebt - aber besonders ernst ging es dabei nicht zu.

Einige Freunde, die mit mir Abi gemacht hatten, und ich verschwendeten in den Wochen danach kaum einen Gedanken an die Zukunft. Wir feierten, was wir da geleistet hatten - und zwar zu vierzehnt in einem dänischen Ferienhaus.

Zugegeben, irgendwann kommen die Zukunftsfragen doch, dafür sorgen schon die Bewerbungsfristen. Im Internet las ich Studienordnungen für Politik, allerdings unterschieden sich die Schwerpunkte der Unis doch sehr deutlich. Meine Wunsch-Hochschulen waren schnell gefunden, und auch die Bewerbungen schrieb ich flott - auch wenn es die verschiedenen Online-Formulare nicht immer einfach machten, den Überblick zu behalten.

Jede Uni-Seite sieht anders aus, und jede Uni legt neben den Standardfragen eigene Kriterien fest: Für Göttingen sind die Noten in Deutsch und Mathe besonders wichtig. In Marburg zählen Sprachkenntnisse, Mannheim verlangt einen Lebenslauf und den Nachweis, dass ich einen Interessentest im Internet absolviert habe. Gefällt es mir "gar nicht", "wenig", "etwas", "ziemlich" oder "sehr", etwas zu zeichnen oder in Öl zu malen? Oder: unerforschten Fragen nachzugehen? Oder: einen Konstruktionsplan zu entwerfen? Das Procedere dauerte zehn Minuten, der Erkenntnisgewinn war mäßig.

Ohne Schule weiß ich kaum, welcher Tag ist

Als die Tests und Formulare abgehakt waren, fiel mir zum ersten Mal auf, wie sehr die Schule bisher meinen Alltag strukturiert hatte. Jetzt fehlt der Rahmen plötzlich, und ich tue mich mitunter schwer, auf Anhieb den richtigen Wochentag zu wissen.

Ich verbringe viel Zeit mit Freunden, und im Hinterkopf haftet das Gefühl, dass es das letzte Treffen sein könnte, bevor alle ausschwärmen, zum Studieren, zur Ausbildung oder ins FSJ.

Eine Weile ist Nichtstun ganz entspannend, es hat was von endlosen Sommerferien. Aber irgendwann werde ich unruhig und suche mir spontan einen Job im Kino. Ich verdiene erstmals etwas mehr eigenes Geld und habe wieder einen geregelten Tagesablauf. Aber ist das nun echtes Leben?

Als die ersten Ergebnisse der Unis eintrudeln, bin ich sehr aufgeregt. Habe ich vielleicht was Wichtiges bei der Bewerbung vergessen? Oder ist der Numerus clausus stärker gestiegen als gedacht? Die Sorgen waren unbegründet: Mannheim, Göttingen und Marburg, alle drei sagen zu.

Ich entscheide mich für Marburg, Internationale Beziehungen und Konfliktforschung klingt einfach am spannendsten und die Altstadt gefällt mir. Auch wenn ich mir noch nicht genau vorstellen kann, was mich im Studium erwartet - ich freue mich, dass es bald losgeht.

Andere Freunde sind da schon weiter: Eine Freundin arbeitet derzeit in einer Schule in Uganda, eine andere hat gerade geheiratet. Und in Marburg pauken Islamwissenschaftler, Theologen und Archäologen schon seit Ende August in Intensivkursen Hebräisch. Was mich angeht - ich kann es noch erwarten.

Larissa und der Leistungstest: Herzklopfen beim Date mit Trotzki

Die ganze Uni-Suche und Bewerbungsprozedur war schon vor meinem Amerika-Urlaub gelaufen, und ich hatte sie fast vergessen. Nach langem Überlegen und einem Blick in die Deutschlandkarte standen drei Städte auf meinem Wunschzettel: Tübingen, Mainz und Münster.

Die Online-Bewerbung genügte den Unis nicht, ich musste zusätzlich alles ausdrucken, unterschreiben und zur Post bringen. Fragen zur Person, Abitur und Berufswunsch waren dabei - und einmal sogar eine Rechenaufgabe: "Dividieren Sie bitte Ihre erzielte Abitur-Gesamtpunktzahl durch 56, und multiplizieren Sie das Ergebnis mit sechs." Aha.

Bestens gelaunt und entspannt entdecke ich nach meinem Philadelphia-Urlaub in dicken, roten Buchstaben das Wort "Test" in meinem Kalender. Mist, da war noch was: Samstagmorgen, Politik-Eignungstest in Tübingen. Wie gut, dass das politische Geschehen in Europa die letzten drei Wochen an mir vorbeigezogen ist.

Ganz allein will ich da nicht hin, mein Freund muss mit. Der sollte sich sowieso anschauen, in welchem Städtchen er die nächsten drei Jahre seine Wochenenden verbringen darf. Wir fürchten den Ferienverkehr auf der A8 und kombinieren die Verkehrsmittel: eine Stunde Auto und eine Stunde Regionalbahn durch Esslingen, Plochingen, Wendlingen, Nürtingen, Metzingen und Reutlingen nach Tübingen. Spätestens nach dem dritten "-ingen" legt sich die Stirn meines Freundes in tiefe Falten. Er fragt sich wohl, wo er mit mir gelandet ist.

Ein Zitat von Trotzki, eine Stunde Zeit

In Tübingen will er wissen, wo denn bitte die Menschenmassen sind, gegen die ich mich mit meinem Bewerbungstest durchsetzen will. Schließlich sind auf meinem Info-Zettel für die Eingangsklausur vier Hörsäle angegeben, in denen wir über politische Zitate grübeln sollen. Und das beim Nachholtermin.

Mit Herzklopfen kämpfe ich mich die letzten Stufen zum Hörsaal hinauf, in dem mit mir rund 90 geschätzte Mitstreiter Platz finden. In der Hand habe ich: meinen Personalausweis, einen Füller, einen Ersatzfüller, zwei Tintenkiller, einen Kuli, falls die Tinte eintrocknet, einen Ersatzkuli und einen neuen Block: DIN A4, liniert mit Seitenrand. Jeder sollte sein Papier selbst mitbringen.

Auf Los geht's los: ein Zitat von Trotzki - "Jeder Staat wird auf Gewalt gegründet" - eine Stunde Zeit. Mein Kopf dampft, ich schreibe los, kille weg, streiche durch. Chaos pur. Oh Wunder: Mein Füller hält - mein Nervenkostüm nicht. Völlig fertig verlasse ich danach zum ersten Mal einen Hörsaal und falle meinem Freund in die Arme.

Der ist noch recht munter und kennt nach seinem Halbmarathon durch Tübingen die Stadt besser als ich - inklusive Schloss, seltsamen Schablonengraffiti, die Pinguine zum Currywurst-Essen anhalten sollen, und Dixi-Klos im Wald. Für mich ist der Tag gelaufen, ich lasse mich nur noch zu einer kleinen kostenlosen Stadtführung überreden, bei der er den Tourguide gibt.

Die Zusage meiner Wunsch-Uni Tübingen kam drei Wochen später. Lange nach den Zusagen aus Mainz und Münster. Meine Testnote: 3,3. Hoch lebe mein guter Abi-Schnitt, der mit dem miesen Ergebnis verrechnet wird und mich vor der Absage gerettet hat! Das fängt ja gut an...


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