Neue Geldgeber: Stiftungen retten Privatuni Witten/Herdecke

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Die drohende Pleite der Universität Witten/Herdecke ist nach einer Krisensitzung abgewendet. Nun verhandeln zwei Stiftungen über eine Partnerschaft mit der schlingernden Hochschule. Auch das Land NRW ist zur weiteren Förderung bereit - aber die Struktur der Uni könnte sich stark verändern.

Hamburg - Nachdem es an Deutschlands ältester und größter Privatuniversität heftig kriselte, gibt es kurz vor Weihnachten eine gute Nachricht: Die Universität Witten/Herdecke entrinnt knapp der Insolvenz. Ihre Zahlungsfähigkeit werde aus dem Kreis der "potentiellen strategischen Partner" über den Jahreswechsel hinaus gesichert, hieß es aus dem nordrhein-westfälischen Wissenschaftsministerium - eine neue Perspektive für die Hochschule.

Privatuni: Land in Sicht
Universität Witten/Herdecke

Privatuni: Land in Sicht

Die möglichen Partner kommen aus der Wirtschaft: Es sind der Heidelberger Gesundheits- und Bildungskonzern SRH Holding sowie die Darmstädter Software AG Stiftung. Sie stellen die nötigen Mittel bereit, um das Millionenloch der Hochschule für das zu Ende gehende Jahr vorerst zu stopfen. Bis Anfang 2009 sollen unabhängige Wirtschaftsprüfer die "notwendige Transparenz über die finanzielle Situation der Hochschule herstellen", wie es das Wissenschaftsministerium formulierte. "Es geht weiter in Witten", sagte ein Verhandlungsteilnehmer nach der Sitzung im Düsseldorfer Ministerium.

Dort sprachen Vertreter der Hochschule, der Studenten und des Betriebsrates am Montagabend von 20 Uhr bis Mitternacht mit der SRH Holding, der Software AG Stiftung, außerdem der Wittener Bürgermeisterin sowie dem Gemeinnützigen Verein zur Entwicklung von Gemeinschaftskrankenhäusern Herdecke. Im ersten Schritt sollte die unmittelbare Pleite abgewendet werden. Falls die Gespräche scheiterten, müsse noch vor Weihnachten der Insolvenzantrag gestellt werden, hatte Hochschulsprecher Ralf Hermersdorfer gesagt - also am heutigen Diestag.

Präsidium weg, Uni kopflos

Das Land hatte kürzlich seine jährliche Zuwendung von 4,5 Millionen Euro für 2008 gestoppt und außerdem drei Millionen Euro für das Jahr 2007 zurückgefordert. Das hatte die bereits trudelnde Universität in eine heftige finanzielle Schieflage gebracht. Nun gewinnt sie zumindest Zeit. "Wir haben eine Bürgschaft über drei Millionen Euro, die zum Jahresende auslaufen sollte, bis Ende März 2009 verlängert", sagte Walter Hiller von der Software AG-Stiftung am Dienstag in Darmstadt. Das schaffe Luft, um nach Sponsoren zu suchen.

Das Wissenschaftsministerium hatte zuvor die Mittelstreichung damit begründet, dass die Universität keine ordnungsgemäße Geschäftsführung mehr nachweisen könne. Das hatte Uni-Präsident Birger Priddat energisch bestritten, war aber trotzdem von seinem Amt zurückgetreten, ebenso wie am Montag Maxim Nohroudi, der bisherige Vizepräsident und Geschäftsführer. Beide sagten, sie wollten der Universität einen Neuanfang ermöglichen. Nohroudi betonte zudem, er könne die "strategischen Optionen", die der Mehrheitsgesellschafter bevorzuge, nicht unterstützen - ohne nähere Erklärung.

Was er damit meinte, wurde am Dienstag klarer: die Verhandlungen mit neuen Partnern, die so neu gar nicht sind - man kennt sich schon aus dem Vorjahr, als man ebenfalls verhandelte und sich ohne Ergebnis wieder trennte. Stattdessen setzte die Hochschule auf das Engagement der Unternehmensberatung Droege, doch die Zusammenarbeit endete vor einigen Monaten im Streit.

Das Land gibt was, das Land nimmt was

Das bescherte der Universität heftige Turbulenzen, der bisherige Präsident Priddat wandte sich erneut an SRH und Software AG. Als das Wissenschaftsministerium dann die Interessenten an einen Tisch lud, um nach einer dauerhaft tragfähigen Lösung zu suchen, drängten alle auf einen vollständigen finanziellen Überblick. Einen "echten Kassensturz" nennt das Nils Birschmann, Sprecher der SRH Holding. Den soll eine externe, neutrale Wirtschaftsprüfungsgesellschaft erledigen, und das möglichst zügig, denn die Zeit drängt.

Wittener Studentin (vor dem Landtag in Düsseldorf): Bangen um die Uni
DDP

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Die Wirtschaftsprüfer sollen "unter Hochdruck" loslegen, es gehe eher um Tage als um Wochen oder Monate, sagte ein Sprecher des Wissenschaftsministeriums. Eine Finanz- und Entwicklungsplanung für die Universität gebe es nur auf der Basis von Transparenz und Verlässlichkeit. Wenn alle Voraussetzungen stimmen, könne die Hochschule die für die Jahre 2009 und 2010 jeweils vorgesehenen Landesmittel von 4,5 Millionen Euro erhalten - und außerdem auch eine einmalige Zuweisung von weiteren 4,5 Millionen Euro, signalisierte Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) am Dienstag.

Das allerdings würde lediglich das Loch von 2008 ausgleichen. Denn die 4,5 Millionen für 2008 soll die Hochschule nicht überwiesen bekommen, da sei die "Rechtslage eindeutig", sagte der Ministeriumssprecher. Auch die Rückforderung der drei Millionen für 2007 stehe weiterhin im Raum. Die Hochschule müsse jetzt die Situation nutzen für die Weichenstellung, dazu gehöre auch eine professionelle Geschäftsführung. Damit beeilt sich die Universität offenbar: Noch am Dienstag solle ein wissenschaftlicher und erstmals ein kaufmännischer Geschäftsführer bestellt werden, sagte Uni-Sprecher Ralf Hermersdorfer.

In einer Stellungnahme betonen alle Teilnehmer des Treffens, bei den Verhandlungen gehe es um eine "strategische Partnerschaft". Klar ist, dass vor allem die SRH Holding deutlich mehr als die Rolle eines Mäzens beansprucht, der lediglich Geld für eine gute Sache gibt und sich ansonsten heraushält. "Nur die Liquiditätslücken zu stopfen, und alles geht weiter wie bisher, das wäre Flickschusterei und kommt für uns nicht in Frage", sagte SRH-Sprecher Birschmann SPIEGEL ONLINE.

Die SRH ist ein Gesundheits- und Bildungskonzern. Die Stiftung betreibt in Thüringen und Baden-Württemberg sieben Kliniken, außerdem 30 Bildungseinrichtungen, darunter sechs private Fachhochschulen mit insgesamt rund 5000 Studenten. Die größte davon in Heidelberg hat etwa 2000 Studenten, also fast doppelt so viele wie die Universität Witten/Herdecke mit etwa 1200 Studenten.

SRH bringt klare Vorstellungen mit

Gesundheit und Bildung - das scheint zu passen zur Uni im Ruhrpott, deren Herzstück die Medizinfakultät ist. Allerdings bringt die SRH Vorstellungen mit, die nicht unbedingt kompatibel ist mit der Universität und ihrer besonderen Kultur. Bisher bilden ihre eigenwilligen Angehörigen von den Studenten bis zu den Professoren eine Gemeinschaft, auch bei einer ausgeprägten Debattenkultur überwiegt das Miteinander. Bei den SRH-Verhandlungen hatten Studenten geraunt von einem Kulturbruch, dem Ausverkauf der Wittener Ideale, gar von einer "feindlichen Übernahme". Die SRH wiederum hatte unter anderem auf eine erhebliche Steigerung der Studentenzahl gedrängt - was Witten/Herdecke sicher nicht zu einer Massenuni machen, aber schon die bis dato paradiesische Betreuung der Studenten verändern würde.

Eine weitere Wittener Besonderheit ist das Modell für die Studienbeiträge. Studenten hatten es einst selbst entwickelt, als "umgekehrten Generationenvertrag", bei dem sie wahlweise sofort oder auch erst nach dem Eintritt ins Berufsleben zahlen können. Nach anfänglich moderaten Gebühren Mitte der neunziger Jahre hatte die Uni-Leitung um Priddat die Beträge deutlich angezogen - je nach Fach zahlen die Studenten zwischen 25.000 und 60.000 Euro für ihr Studium.

In Zukunft dürften die Beiträge nochmals deutlich steigen. Die Studierendengesellschaft hatte im Dezember schon signalisiert, dass sie mehr zu zahlen bereit sind, um die Uni zu retten. Und auch mit dem "Generationenvertrag" können neue Studenten kaum rechnen. Nils Birschmann sagte deutlich, dass aus Sicht der SRH das von den Studenten zunächst entwickelte Modell "nicht funktioniert", weil die Universität auf gesicherte und planbare Einnahmen angewiesen sei. Insgesamt brauche sie "ein völlig neues Geschäftsmodell", so Birschmann - und darum werde es in den nächsten Wochen gehen.

Mit Material von dpa und AP

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Forum - Die Pleite von Witten/Herdecke - wäre sie ein Verlust?
insgesamt 169 Beiträge
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1.
Als_Tom 17.12.2008
Zitat von sysopÜberraschend entzieht Nordrhein-Westfalen der Universität Witten/Herdecke den Landeszuschuss. Sie muss sogar bereits erhaltenes Geld zurückzahlen. Insgesamt geht es um 7,5 Millionen Euro - es könnte der Uni den Todesstoß versetzen. Ein Verlust für die Bildung in Deutschland?
Nein! Der deutsche Staat sollte darauf verzichten private Schulen, Internate und Universitäten zu unterstützen bzw. Besuche selbiger auch noch steurlich absetzbar zu machen. Wenn sich eine Gruppe von Leuten sich der Gesellschaft entziehen möchte, dann soll diese es aus der eigenen Tasche bezahlen. Vielmehr ist zu prüfen ob erworbene (gekaufte) Abschlüsse auf Privatschulen ec. überhaupt anerkannt werden sollten. Es stellt sich doch die Frage, ob dem Prüfling, der ein nicht geringes Barvermögen pro Semester zahlt, Sonderkonditionen zu Teil werden, die er auf einer staatlichen Einrichtung nicht bekommen hätte. Einfach gefragt: Hätte er dort bestanden? Abschlußquoten in der Nähe von 100 % lassen mich da doch zweifeln. Die liegt einfach daran das es einfach Menschen gibt die nicht für ein Studium geboren sind. VG, Als_Tom
2.
Kojo T 17.12.2008
Kein Verlust - ein Gewinn. Elite ist nicht per Definition herstellbar, auch nicht unbedingt durch teure Experimente, sondern durch Leistung. Experimente wie auf Massenfächer konzentrierte Uni-Neugründungen fördern höchstens die Profilierung Einzelner. Zur Behebung von Engpässen in NC-Fächern wäre auch ein Ausbau bestehender Ressourcen zweckmäßiger. Eine gewisse Kontinuität, eine Leistungstradition, wäre förderlich. Eliteförderung könnte wesentlich stringenter und kostengünstiger an kleinen, klassischen Universitäten eingeführt und betrieben werden.
3.
Baikal 17.12.2008
Zitat von sysopÜberraschend entzieht Nordrhein-Westfalen der Universität Witten/Herdecke den Landeszuschuss. Sie muss sogar bereits erhaltenes Geld zurückzahlen. Insgesamt geht es um 7,5 Millionen Euro - es könnte der Uni den Todesstoß versetzen. Ein Verlust für die Bildung in Deutschland?
Ja, und das nicht nur der hervorragenden Medizinerausbildung wegen die mehr auf den Patienten konzentriert ist und nicht auf die zweifelhaften Forschungen der angeblichen Naturwissenschaft Medizin. Aber auch sonst im flachen Mainstream der Pinkwartschen Hochschulfreiheit, die in Wirklichkeit nichts ist als die Auslieferung der Bildung an die Verwertungsindustrie und an den Schwachsinn von credit points der Dünnbrettbohrer. Aber kein Wunder, Pinkwart ist schließlich BWLer, wenn auch nur an einer Fachhochschule: da kommt eben Neid auf und FDP ist ohnehin nichts für dicke Bretter.
4.
trendy_randy 17.12.2008
Zitat von BaikalJa, und das nicht nur der hervorragenden Medizinerausbildung wegen die mehr auf den Patienten konzentriert ist und nicht auf die zweifelhaften Forschungen der angeblichen Naturwissenschaft Medizin. Aber auch sonst im flachen Mainstream der Pinkwartschen Hochschulfreiheit, die in.....
Pinkwart hat schon so einige Dinger gucken lassen. Und jetzt solche Äußerungen als FDP-Mitglied. Gleichmacherei ist doch eher anderen vorbehalten - diese Partei stellt sich als liberal dar? Als Förderer des Individuums und der Individualität? Schade wär´s wenn die Hochschule dicht machen müsste - eine Schande wär´s, wenn die FDP der Sargnagel wäre!
5.
Arthi 17.12.2008
Zitat von Als_TomNein! Der deutsche Staat sollte darauf verzichten private Schulen, Internate und Universitäten zu unterstützen bzw. Besuche selbiger auch noch steurlich absetzbar zu machen. Wenn sich eine Gruppe von Leuten sich der Gesellschaft entziehen möchte, dann soll diese ....
Die Private Schule muss auf die Einnahmen schauen. Würden viele dort scheitern oder schlechte Noten bekommen,würde der Ruf schlecht leiden. Dann bliebe der Nachschub und somit die Gelder aus. Die Abschlüsse müssten also irgendwie von staatlicher Seite überprüft werden.
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