Neue Vorwürfe von Plagiatsjäger: Schavan soll bei Schavan abgeschrieben haben

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Hat Annette Schavan in ihrer Doktorarbeit auch bei sich selbst abgeschrieben? Das wirft ihr jetzt ein Plagiatsjäger vor und präsentiert mehrere Fundstellen. Experten allerdings sind skeptisch und nehmen die Forschungsministerin in Schutz - jedenfalls teilweise.

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dapd

Annette Schavan: Vorwurf des Eigenplagiats

Es ist eine unangenehme Situation für die Forschungsministerin Annette Schavan. In der Guttenberg-Affäre hatte sie noch gesagt, sie schäme sich als Wissenschaftlerin "nicht nur heimlich" für den damaligen Ministerkollegen und dessen Doktordebakel. Mittlerweile steht ihre eigene Doktorarbeit auf dem Prüfstand: Die Universität Düsseldorf, an der sie vor über 30 Jahren promoviert hatte, geht Plagiatsvorwürfen nach.

Die Vorwürfe waren zunächst anonym im Netz aufgetaucht, jetzt kommen neue hinzu - allerdings ist deren Gehalt noch unklar. Der Plagiatsjäger und Gründer der Plattform VroniPlag, Martin Heidingsfelder, wirft der Ministerin vor, bei sich selbst abgeschrieben zu haben. Es geht um sogenannte Selbst- oder Eigenplagiate, also die Übernahme eigener Texte, ohne dies kenntlich zu machen. Der "Augsburger Allgemeinen" sagte er, auf 55 von 325 Seiten der Dissertation seien solche Eigenplagiate zu finden. Einige dieser Textübereinstimmungen sind nur wenige Zeilen lang und betreffen wörtliche Zitate anderer Autoren, manche gehen über drei, vier Absätze.

Konkret lautet der Vorwurf, Schavan habe zunächst einen Text mit dem Titel "Die Sensibilisierung des Gewissens als erzieherische Aufgabe" in einem Sammelband veröffentlicht, den sie mitherausgegeben hat. Und sie habe dann Passagen aus diesem Text in ihrer Doktorarbeit "Person und Gewissen" recycelt, ohne das kenntlich zu machen. Beide Veröffentlichungen stammen aus dem Jahr 1980, eine Danksagung in der Doktorarbeit stammt aus dem Dezember 1980. Das Vorwort des Sammelbands ist auf den Mai desselben Jahres datiert.

Was war zuerst da, Doktorarbeit oder Sammelband?

Die Frage nach dem zeitlichen Ablauf allerdings ist zentral: Was war zuerst da, die Doktorarbeit oder der Aufsatz? Hatte sie ihre Doktorarbeit schon geschrieben und eingereicht, aber noch nicht veröffentlicht, als der Sammelband erschien? Damit hätte Schavan nicht in ihrer Doktorarbeit von sich selbst abgeschrieben, sondern im Sammelband aus ihrer Promotion. Eine Übernahme aus einem eigenen, veröffentlichten Text in der Doktorarbeit widerspräche ohne Kennzeichnung der Promotionsordnung. Die umgekehrte Zweitverwertung von Teilen der Doktorarbeit ohne Quellenangabe wäre nicht sauber, ist aber bei vielen Wissenschaftlern üblich. Die Uni will zu all diesen Fragen keine Auskunft geben. Man prüfe, heißt es.

Heidingsfelder selbst ist bei Plagiatsexperten durchaus umstritten. Er hatte zwar vor über einem Jahr die Plattform VroniPlag gegründet, auf der Aktivisten mehrere prominente Plagiatsfälle dokumentierten, etwa die Doktorarbeiten der FDP-Politiker Silvana Koch-Mehrin und Jorgo Chatzimarkakis. Mittlerweile haben er und die anderen aus der losen Gruppe sich aber entzweit: Die VroniPlag-Leute warfen ihm Unberechenbarkeit und dauernde Alleingänge vor. Er habe sich nicht an Absprachen gehalten. Heidingsfelder vermarktet seine Recherchedienste jetzt als Freiberufler, Aufmerksamkeit kommt ihm nicht ungelegen.

"Martin Heidingsfelder wurde von VroniPlag unter anderem deswegen ausgeschlossen, weil er unwissenschaftlich gearbeitet hat", sagt die Berliner Plagiatsforscherin Debora Weber-Wulff, Professorin an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft, die ebenfalls auf VroniPlag aktiv ist. "Ich will Frau Schavan nicht komplett in Schutz nehmen", sagt Weber-Wulff, "es gibt problematische Stellen." Aber ob ihr der Doktortitel im Nachhinein aberkannt werde, sei Entscheidung der Universität. "Heidingsfelder vermischt Politik und Wissenschaft."

"Die Frage der Eigenplagiate finde ich absurd"

Auch von seinen aktuellen Vorwürfen hält sie nicht viel: "Die Frage der Eigenplagiate finde ich absurd, weil noch nicht klar ist, was Frau Schavan zuerst geschrieben hat." Außerdem wendet sie ein: Wenn der Promotionsausschuss gewusst habe, dass Schavan Teile aus ihrer Doktorarbeit in anderen Aufsätzen veröffentlicht, sei das formal in Ordnung.

Auch ein weiteres Detail spricht gegen den Vorwurf des Eigenplagiats: In dem Sammelband ist auch ein Aufsatz von Schavans Doktorvater veröffentlicht. Es wäre zumindest merkwürdig, wenn ihm Textübereinstimmungen beim Bewerten der Doktorarbeit nicht aufgefallen wären.

Für Heidingsfelder hingegen ist die Sache eindeutig: Schavan habe ihr Eigenplagiat verschleiert. Sie habe wissen müssen, dass der Sammelband mit ihrem Aufsatz und ihre Doktorarbeit im selben Jahr erscheinen. Sie habe also die Möglichkeit gehabt, auf die jeweilige Zweitverwertung hinzuweisen. Bei beiden Büchern habe es genug Vorlauf gegeben.

Schavan selbst schweigt weiter zu den Vorwürfen. Lediglich in einem Interview mit der "Welt am Sonntag" sagte sie vor wenigen Tagen, sie habe ihre Doktorarbeit nach bestem Wissen und Gewissen verfasst. "Ich kann gut das Ergebnis der Bewertung durch die Universität abwarten, und Sie sollten auch die Geduld dazu haben. Das gebietet der Respekt vor der Wissenschaft", so lässt sich die Ministerin dort zitieren. Es ist in etwa die Sprachregelung, die ihr Ministerium seit dem Bekanntwerden der ersten Vorwürfe ausgibt.

Anfang Mai tauchten Plagiatsvorwürfe gegen Schavan in dem Blog Schavanplag auf. Auf einigen Dutzend Seiten der Doktorarbeit sollen faule Stellen zu finden sein. Wer hinter dem Blog steht, ist unklar, der Initiator des Blogs tritt unter dem Pseudonym "Robert Schmidt" auf. Der anonyme Ankläger ist überzeugt davon, "dass Frau Schavan plagiiert hat, wenn auch in geringerem Ausmaß als andere". "Ich wollte das nicht unter den Tisch fallen lassen", sagte er SPIEGEL ONLINE. Mehrere Rechtsexperten hatten danach die Plagiatsvorwürfe als gerechtfertigt bezeichnet.

Wann die Uni entscheidet, ob Schavan ihren Doktortitel behalten kann, ist noch nicht klar. Plagiatsjäger Heidingsfelder allerdings findet: Sie müsse in jedem Fall zurücktreten.

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insgesamt 98 Beiträge
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    Seite 1    
1. Wenn das wirklich so sein sollte...
neu_ab 30.05.2012
dann muß sie sich sofort selbst anzeigen, wegen internen Diebstahls geistigen Eigentums. Das ist dann doch die grandiose Denkleistung der nicht makelbehafteten Plagiat-Steinewerfer, oder?
2. na wunderbar
einsteinalbert 30.05.2012
die Schavan hat bei sich selbst " abgeschrieben " . Damit ist ganz klar . . . .kein verbotenes Plagiat . . . . Freispruch für Schavan und sie behält den Titel. Sie schämt sich auch nicht. Ironie aus. So einfach geht es.
3.
glen13 30.05.2012
Zitat von sysopdapdHat Annette Schavan in ihrer Doktorarbeit auch bei sich selbst abgeschrieben? Das wirft ihr jetzt ein Plagiatsjäger vor und präsentiert mehrere Fundstellen. Experten allerdings sind skeptisch und nehmen die Forschungsministerin in Schutz - jedenfalls teilweise. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,835902,00.html
"Plagiatsjäger"! Ist das jetzt schon eine Berufsbezeichnung oder nur ein anderer Ausdruck für "Alte Petze"?
4.
symolan 30.05.2012
Ich erhebe schwere Plagiatsvorwürfe gegen die Plagiatsfahnder. Diese plagiieren sich inzwischen selbst, was langsam etwas langweilig wird.
5. Aprilscherz
rogue 30.05.2012
Ist den heute der 1. April?
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