Neue Uni-Abschlüsse: Wenn der Bachelor zur Sackgasse wird

Von Dorothee Fricke

Erst den Bachelor, dann den Master? Das klappt nicht automatisch. Viele Universitäten sieben streng aus und nehmen nur die besten Studenten in die Meisterklasse auf. Die ersten Ausgebremsten wehren sich gegen das Verfahren und argumentieren mit dem Grundgesetz.

Die Aufregung in Potsdam war groß, als die Uni im vergangenen Sommer eine Zulassungsbeschränkung für die neuen Master-Studiengänge in den Biowissenschaften ankündigte. Eine Bachelor-Abschlussnote von 2,6 oder besser sollten Kandidaten vorweisen, die sich in die Fächer Ökologie, Zelluläre Biologie, Biochemie und Bioinformatik einschreiben wollten. Viele Studenten waren erzürnt über die neuen Regelungen.

Ende, Gelände: Für manche Studenten ist nach dem Bachelor Schluss
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Ihre Befürchtung: Für Bachelors, die an dieser Hürde scheitern, wird das gestufte Studiensystem zur Sackgasse. Insbesondere in den Naturwissenschaften, wo heute ein großer Anteil der Studierenden die Uni erst mit dem Doktortitel verlässt, reicht der Bachelor möglicherweise nicht aus. Absolventen, die es nur bis zum ersten Abschluss schaffen, könnten von Arbeitgebern auf eine Stufe mit Absolventen einer Ausbildung gestellt werden.

"Bei uns haben sich schon viele besorgte Studierende gemeldet, die wir leider nicht beruhigen können", sagt Asta-Referent Florian Piepka. "Der Master-Zugang muss frei bleiben, sonst gehen hier viele Berufsperspektiven zwangsweise aus Gründen baden, die die Studierenden meist nicht zu vertreten haben."

Die Universität beschwichtigt. Man habe eine qualitative Zugangsbeschränkung finden müssen, sagte Uni-Vizepräsident Thomas Grünewald. Zum Wintersemester 2008/2009 sei zudem kaum ein Bewerber aufgrund der Note abgelehnt worden. In der Biochemie sei dies zum Beispiel nur in einem Fall geschehen.

Allerdings habe es in Potsdam bisher auch erst wenige Bachelor-Absolventen gegeben. "Die große Welle von Studierenden, die ihr Studium nicht fortsetzen dürfen, wird erst auf uns zukommen", sagt Studentenvertreter Florian Piepka. Er geht davon aus, dass die Uni nun schrittweise Zulassungsbeschränkungen für fast alle Master einführen wird. Eine neue Regelung im brandenburgischen Hochschulgesetz öffnet dafür Tor und Tür.

Jedes Bundesland errichtet seine eigenen Hürden

Potsdam ist kein Einzelfall. Dass der Zugang zum konsekutiven, also einem auf dem Bachelor-Studium aufbauenden Master von weiteren Kriterien als einem bestandenen Bachelor-Examen abhängt, ist eher die Regel als die Ausnahme. Die Kultusministerkonferenz der Länder hat die Hochschulen bereits in ihren gemeinsamen Strukturvorgaben aus dem Jahr 2003 dazu aufgefordert, besondere Hürden für Master-Kandidaten zu schaffen.

Wohin mit all den Bachelors? Besonders BWL knausert mit den Masterplätzen
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In einem solchen System mit gestuften Studienabschlüssen sei der Bachelor der Regelabschluss, mit dem die Mehrzahl der Studenten in den Beruf starten soll. "Bei den Zugangsvoraussetzungen zum Master muss daher der Charakter des Master-Abschlusses als weiterer berufsqualifizierender Abschluss betont werden", heißt es in den Strukturvorgaben. "Im Interesse der internationalen Reputation und der Akzeptanz der Master-Abschlüsse durch den Arbeitsmarkt ist ein hohes fachliches und wissenschaftliches Niveau (…) zu gewährleisten. Deshalb soll das Studium im Master-Studiengang von weiteren besonderen Zugangsvoraussetzungen abhängig gemacht werden."

In einigen Bundesländern legen die Wissenschaftsministerien zudem fest, wie die Hochschulen die Kapazitäten für Bachelor- und Master-Studiengänge zu verteilen haben und welche Übergangsquoten es zum Master geben soll. In Berlin wurde eine Quote von 70 Prozent vereinbart. In Niedersachsen gelten 50 Prozent als Planungsgröße für die Hochschulen. Kritiker sehen hier versteckte Sparmaßnahmen. Verbände wie der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) befürchten, dass das Niveau der Ausbildung sinken könnte.

Kriterien-Wirrwarr beim Übertritt zum Master-Studium

In der Praxis führen die Vorgaben zu einem Dschungel aus Kriterien: Die Palette reicht von einem bestimmten Notenschnitt im Bachelor oder einem Numerus clausus über Berufserfahrung, Sprachkenntnisse bis hin zu Auswahlgesprächen, Motivations- und Empfehlungsschreiben oder Aufnahmeprüfungen. Die Zahl der tatsächlich zur Verfügung stehenden Master-Plätze variiert von Fach zu Fach und von Hochschule zu Hochschule. Viele Unis haben noch gar keine Erfahrungen gesammelt, wie viele Studenten überhaupt einen Master anstreben.

Das führt derzeit dazu, dass in einigen Studiengängen sogar Plätze frei bleiben. Für den ersten Jahrgang des zum Wintersemester 2007/2008 gestarteten Master in Politikwissenschaft an der Uni Mannheim etwa hatten sich gerade mal fünf Studenten eingeschrieben. Grund: Ein Großteil der Bachelor-Absolventen hatte sich dafür entschieden, im Ausland weiterzustudieren oder gleich in den Beruf einzusteigen.

Die "Junge Karriere" hat die größten Wirtschaftsfakultäten deutscher Universitäten befragt, welche Bedingungen Studenten der BWL, VWL und verwandter Fächer für das Master-Studium erfüllen müssen (siehe Tabelle Seite 72). Das Ergebnis: Alle befragten Universitäten sieben aus. Meist wird eine bestimmte Bachelor-Note - die Grenze liegt im Schnitt bei etwa 2,5 - verlangt.

Viele Unis setzen zudem auf differenzierte Auswahlverfahren. Besonders gründlich geht die LMU München vor. Neben dem Empfehlungsschreiben eines Hochschullehrers fordert sie einen TOEFL- (mindestens 600 Punkte) und einen GMAT-Test. Der GMAT ist bereits für MBA-Studiengänge üblich, und auch hier müssen mindestens 600 von 800 möglichen Punkten erreicht werden. Zum Vergleich: MBA-Studenten einer Top-Business-School wie Insead erreichen im Schnitt 700 Punkte.

Auch die Übergangsquoten weichen erheblich voneinander ab. Die Uni Paderborn lässt zehn Prozent zu; nur so könne die Fakultät Master-Studenten optimale Bedingungen bieten, lautet die Begründung. In Mannheim hingegen dürfen 50 Prozent (BWL) beziehungsweise 60 Prozent (VWL) der Bachelors weiterstudieren. Die baden-württembergische Kaderschmiede für den Wirtschaftsnachwuchs will ihre Master zum Aushängeschild machen und auch im Ausland nach den besten Studenten fahnden.

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Forum - Ausgebremst beim Bachelor?
insgesamt 311 Beiträge
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    Seite 1    
1. "Jedes Bundesland errichtet seine eigenen Hürden"
mws 09.02.2009
Als jemand, der noch ein klassisches Diplom erhielt, beobachte ich das Master/Bachelor-Treiben mit gemischten Gefühlen. Die Absicht, einen europäischen Abschluss-Standard zu schaffen ist eigentlich zu begrüssen. Allerdings klaffen hier Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander. Was nützt ein vereinheitlichter Standard auf europäischer Ebene, wenn weiterhin auf Bundesländerebene herumdilettiert werden darf?
2.
Vincent_Vega 09.02.2009
Sowas kommt von sowas. Die "Internationalisierung" der Studienabschlüsse, um eine Vergleichbarkeit und Wettbewerbsfähigkeit zu erzielen, war ein Schnellschuß und führt automatisch zur Deklassierung des Bachelor, was die angewandte Praxis beweist. Mit dem Hebel, wie er in Potsdam angewand wird, kann man prima die Zahl der Studierenden klein halten aber gleichzeitig auch dafür sorgen, daß "die Besten" (gibt es die überhaupt?) den Master machen. Allen Argumenten aus früheren Diskussionen zum Trotz ist mir die Abschaffung der Diplomstudiengänge immer noch unverständlich und nicht gerechtfertigt. Ich jedenfalls bin stolz auf mein Universitätsdiplom.
3.
sagichned 09.02.2009
Zitat von sysopErst den Bachelor, dann den Master? Das klappt nicht automatisch. Viele Universitäten sieben streng aus und nehmen nur die besten Studenten in die Meisterklasse auf. Wie sind Ihre Erfahrungen?
Und wider, um welchen studiengang handelt es sich? Bei naturwissenschaftlichen fächern (physik, chemie) und mathe is es garantiert nicht so. bei so lala fächern wie bwl und co. sehe ich erlich gesagt kein verlust für die allgemeinheit.
4. Qualitaet
olekaven 09.02.2009
So schwierig die Eingliederung der Bachelor/Masters-abschluesse auch sein mag, gelten fuer beide Abschluesse, dass sie einen gerechten Leistungsnachweis darstellenn. Wenn diese Leistung nicht ausreichend ist um einen Mastersstudiengang zu beginnen, dann ist das sicher auf persoenlicher Ebene ernuechternd. Allerdings wurde die erforderliche Leistung nicht erbracht. Diese Erkenntnis mag schwer verdaulich sein, aber schuetzt vor weit groesserer Ernuechterung nach weiteren Jahren an der Uni ohne anschliessende Jobaussichten. Der grosse Vorteil am Batchelor/Master-Studium ist, meiner Meinung nach, die Moeglichkeit das eigene Vermoegen schneller bewerten (oder bewerten lassen) zu koennen und dadurch die passendere Jobauswahl treffen zu koennen.
5. Bachelor ist ein schlechter Witz
homann5 09.02.2009
Als jemand, der sowohl eine Berufsausbildung als auch ein Studium abgeschlossen hat, finde ich die Aussage "Absolventen, die es nur bis zum ersten Abschluss schaffen, könnten von Arbeitgebern auf eine Stufe mit Absolventen einer Ausbildung gestellt werden." als ein Frechheit gegenüber allen Auszubildenden. Der Bachelor ist qualitativ ein Witz, jeder Auszubildende eines guten Ausbildungsbetriebs ist in Punkto Fachwissen und Praxiserfahrungen deutlich überlegen. Wie soll es denn auch anders sein, schließlich soll der Master das "neue" Diplom sein, da muss alles, was davor kommt, ja schlechter sein. Ob man hingegen mit Artikel 12 weiterkommt, mag ich bezweifeln. Man kann ja auch nicht dagegen klagen, daß es im gewünschten Studiengang nicht genügend freie Plätze gibt und man deshalb leer ausgeht.
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