Neue Uni in London: Spitzen-Professoren locken helle Köpfe

Von , London

Konkurrenz für Oxford und Cambridge? Ein berühmter Philosoph gründet eine neue Uni für Geisteswissenschaften in London. Mit erstklassigen Professoren soll das New College of the Humanities akademische Brillanz versprühen. Doch erstmal erzürnen horrende Studiengebühren das Establishment.

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Corbis

A.C. Grayling: Schande oder Chance für die Geisteswissenschaften?

A. C. Grayling ist ein streitbarer Intellektueller. Er kämpft für den Atheismus, mischt sich in Debatten über Euthanasie und Drogenlegalisierung ein und sieht es als seinen Auftrag, den Lesern seiner Bücher und Zeitungskolumnen das philosophische Denken näherzubringen.

An Kontroversen ist der Philosophie-Professor also gewöhnt, doch die Proteste gegen sein jüngstes Projekt scheinen ihn richtig zu erschüttern. Seit er am Wochenende die Pläne für eine neue Eliteschmiede für Geisteswissenschaftler in London enthüllte, hagelt es Kritik. Bei einer Diskussionsrunde in einer Londoner Buchhandlung wurde er als "Risikokapitalist" beschimpft, sogar eine Rauchbombe wurde gezündet, die zum Abbruch der Diskussion führte. In Leserbriefen rechnen seine akademischen Kollegen mit ihm ab und werfen ihm Verrat am öffentlichen Bildungssystem vor.

Die geisteswissenschaftliche Privat-Uni New College of Humanities nimmt im Herbstsemester 2012 den Betrieb auf. Angeboten werden die Fächer Recht, Volkswirtschaft, Geschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie. Mitten im Londoner Akademikerviertel Bloomsbury soll ein neues Mekka der Denker entstehen.

Das College soll mit Cambridge und Oxford konkurrieren, deshalb hat Grayling eine ganze Reihe von internationalen Starprofessoren für Vorlesungen gewonnen. Evolutionsbiologe Richard Dawkins, Ethikprofessor Peter Singer, Historiker Niall Ferguson, Rechtsphilosoph Ronald Dworkin, Psychologe Steven Pinker und andere akademische Superstars werden als Mitglieder des 14-köpfigen Professoriats auf der Webseite geführt.

Doppelt so teuer wie Oxford

So viele illustre Namen haben ihren Preis. Die Studiengebühren pro Jahr betragen 18.000 Pfund, für das dreijährige Bachelor-Studium werden also 54.000 Pfund fällig. Weil das College ohne staatliche Zuschüsse auskommt, kann es die Studiengebühren frei festsetzen. Es ist nicht an die staatliche Obergrenze von 9000 Pfund pro Jahr gebunden, die selbst für Oxford und Cambridge gilt. Die Höhe der Studiengebühren entspricht etwa dem Niveau an vergleichbaren US-Unis, und auch an britischen Elite-Unis werden Nicht-EU-Studenten bereits mit 15.000 Pfund pro Jahr zur Kasse gebeten.

Doch dass das New College von heimischen Bachelor-Studenten nun doppelt so viel wie Oxford verlangt, sorgt für heftigen Protest. Aufgebrachte britische Akademiker werfen Grayling den Bruch mit dem Prinzip universaler Bildung vor. Der linke Intellektuelle, so der Vorwurf, habe sich von der dunklen Seite der Macht verführen lassen. "Ekelhaft elitär" sei diese Lernanstalt für die Reichen, schimpfte Literaturwissenschaftler Terry Eagleton von der University of Lancaster im "Guardian". Die Privatisierung sei keine Lösung der Universitätskrise, heißt es in einem offenen Brief mehrerer Professoren. Sie führe zu einem Zweiklassensystem.

Grayling bestreitet nicht, dass seine künftigen Studenten eher aus wohlhabenden Familien kommen werden. Nur ein Fünftel der 200 Studierenden wird zunächst mit Stipendien versorgt werden können. Doch während seine Kritiker ihm Profitgier vorwerfen, sieht der Philosoph sich selbst als Retter der Geisteswissenschaften. "Wir machen das nicht, um reich zu werden", sagte er dem "Guardian". Ihm gehe es darum, die Geisteswissenschaften in der Universitätskrise am Leben zu erhalten.

Eine aufregende Erfindung oder ein Uni-Klon?

Die liberalkonservative Regierung hat das staatliche Budget für die 254 englischen Universitäten für das akademische Jahr 2011/2012 um knapp eine Milliarde Pfund gekürzt. Ein Großteil der Einsparungen wird die Geisteswissenschaften treffen. In dieser Situation müsse man neue Wege gehen, argumentiert Grayling. Die Regierung will die Gründung von Privat-Unis fördern, das New College könnte also nur der Anfang sein. Vorbild sind die kleinen geisteswissenschaftlichen Colleges in den USA, die dank hoher Studiengebühren und großzügiger Spendengelder florieren.

Die Studenten des New College sollen mindestens 13 Stunden pro Woche in Vorlesungen, Seminaren oder Lerngruppen mit einem Professor verbringen. "New College ist die aufregendste Erfindung in der höheren Bildung seit einer Generation", schreibt Direktor Grayling in einer Grußbotschaft auf der Webseite. Das College sei kleiner als normale Universitäten und werde eine optimale Betreuung bieten. "Sie werden nicht nur eine Nummer sein", lockt Grayling potenzielle Bewerber.

Doch werden die Studenten die Starprofessoren wohl nicht allzu häufig zu Gesicht bekommen. Nur Grayling hat seinen Posten als Philosophie-Professor am Birkbeck College der University of London aufgegeben, um sich als Direktor voll um sein neues Projekt kümmern zu können. Alle anderen Professoren behalten ihre gutdotierten Lehrstühle in Harvard, Princeton und Oxford und kommen nur als Gäste ans New College. Laut Grayling haben sie sich zu mindestens fünf Stunden Lehre pro Jahr verpflichtet, einige werden auch mehr machen. Die beiden Princeton-Historiker Linda Colley und David Cannadine jedoch werden im ersten Jahr nur je eine Stunde Vorlesung am New College halten. Das Gros der Lehrveranstaltungen wird von Juniorprofessoren durchgeführt.

"Uni für die Abgelehnten", frotzelt der Londoner Konkurrent

Obendrein ist auch der Lehrplan nicht außergewöhnlich - er wurde zu großen Teilen von der University of London, Graylings altem Arbeitgeber, abgekupfert. Studenten könnten die gleiche Ausbildung für die Hälfte der Kosten bei ihm bekommen, frozzelte Paul Layzell von der University of London in der "Times". Auch der formale Abschluss des New College wird ein B.A. der University of London sein - mit einem Zusatz "Diplom des New College".

Grayling jedoch will Spitzenstandards wie in Oxford einhalten. Bewerber müssen Bestnoten vorweisen, eine Schriftprobe einreichen und ein persönliches Bewerbungsgespräch bestehen. In Bloomsbury soll dann eine echte wissenschaftliche Gemeinschaft zusammenwachsen.

Es wird sich zeigen, ob sich das Geschäftsmodell als überlebensfähig erweist. Privat-Unis sind schon häufiger an Finanzierungsproblemen gescheitert. Das Gründungskapital beträgt zehn Millionen Pfund, neben Investoren aus der Londoner Finanzszene haben sich auch einige der Professoren mit eigenem Geld beteiligt.

Viele Studenten dürften aus dem Pool der abgelehnten Kandidaten von Oxford und Cambridge kommen. Londons Bürgermeister Boris Johnson hat das neue College daher bereits salopp als "Uni für die Abgelehnten" bezeichnet. Sollte sich das bewahrheiten, wird Grayling jedenfalls keine Nachfrageprobleme haben. Jedes Jahr werden tausende Bewerber von den beiden Traditions-Unis abgewiesen.

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Nix titel
djchrisi 10.06.2011
Das ist wohl der letzte Beweis das Richard Dawkins wohl eher Geisteswissenschaftler als ernster Biologe ist.
2. Elitär?
darknessangel 10.06.2011
"Aufgebrachte britische Akademiker werfen Grayling den Bruch mit dem Prinzip universaler Bildung vor." Bwahahaha! Weil doch jeder Britte sich Oxford und Cambridge leisten kann, oder? The pot calling the kettle black. 18k Pfund pro Jahr, kann sich das einfache Volk das leisten? Die sollten lieber den Mund halten bevor das schon genervte Volk reagieren kann.
3. Frage
Zephira 11.06.2011
Zitat von djchrisiDas ist wohl der letzte Beweis das Richard Dawkins wohl eher Geisteswissenschaftler als ernster Biologe ist.
Ein seltsamer Widerspruch, den Sie da konstruieren. Können Sie sich nicht vorstellen, dass jemand beides gleichzeitig sein kann?
4. Eliteuni
global111 11.06.2011
Allein schon wegen Dawkins lohnt es sich, dort zu studieren. Wer halt sehr begabt ist und kein Geld hat, der kann ja auf ein Stipendium hoffen. Es ist nun einmal so, dass nicht alle Menschen gleich sind. Die einen können eben und die anderen nicht. Wichtig ist nur, dass man aus einer möglichst großen Masse die Eliten findet und sie ensprechend ausbildet. Sonst landet man im absoluten Mittelmaß, wie es zum Beispiel bei der Deutschen Politiker Kaste heute schon der Fall ist.
5. Von wegen 'es lohnt sich'
Guyon 11.06.2011
Zitat von global111Allein schon wegen Dawkins lohnt es sich, dort zu studieren. Wer halt sehr begabt ist und kein Geld hat, der kann ja auf ein Stipendium hoffen. Es ist nun einmal so, dass nicht alle Menschen gleich sind. Die einen können eben und die anderen nicht. Wichtig ist nur, dass man aus einer möglichst großen Masse die Eliten findet und sie ensprechend ausbildet. Sonst landet man im absoluten Mittelmaß, wie es zum Beispiel bei der Deutschen Politiker Kaste heute schon der Fall ist.
Genau das tut es eben nicht. Dawkins wird ein paarmal im Jahr Vorträge vor versammelter Mannschaft halten, mehr nicht. Um wirklich von ihm unterrichtet zu werden - falls das denn so erstrebenswert ist(?) - hätten Sie an das 'richtige' New College gehen müssen (vor seiner Emeritierung natürlich). Das hier ist aber lediglich ein Etikettenschwindel: das sogenannte 'New' College of the Humanities schmückt sich lediglich mit ein paar bekannten Namen um Aufmerksamkeit zu erregen. Mit dem Studienalltag haben die allerdings nicht viel zu tun. Obwohl das vielleicht kein so großer Verlust ist, wenn man bedenkt daß die meisten von ihnen sich in letzter Zeit eher durch Medienpräsenz als durch tatsächliche wissenschaftliche Leistungen hervorgetan haben... Wer sehr begabt ist wird hoffentlich soviel gesunden Menschenverstand beweisen, um dieses College, das noch nicht mal eine echte Universität ist, einen großen Bogen zu machen! Die Hauptzielgruppe hierfür sind mäßig begabte Sprößlinge reicher Familien, die von einer wirklich guten Universität vermutlich nicht genommen würden.
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