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Neuer Deutschland-Atlas: Die Vermessung der Erstsemester

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Wessis meiden das Ingenieurstudium, im Osten interessiert sich kaum einer für Kulturwissenschaften: Eine neue Studie belegt erstaunliche Unterschiede bei der Fächerwahl von Abiturienten. SPIEGEL ONLINE zeigt die Problemzonen und Hochburgen der Bildungsrepublik.

Markus Langer ist ein lebender Beweis. Der Hochschulforscher hat soeben die "Präferenzen von Studienanfängern" analysiert. Vier bunte Grafiken, rot auf gelb, sind unter anderem herausgekommen. Sie zeigen, dass sich in der Region Hannover viele Abiturienten für ein Studium der Wirtschafts-, Rechts- und Sozialwissenschaften entscheiden. Langer kommt aus der Nähe von Hannover, er hat Wirtschaftswissenschaften studiert - passt alles prima.

Heute arbeitet Langer für "CHE Consult" in Gütersloh, das aus dem Centrum für Hochschulentwicklung entstanden ist. Gemeinsam mit seinem Kollegen Thimo von Stuckrad hat er einen neuen Deutschland-Atlas erstellt. Die beiden Forscher haben untersucht, für welche Fächer sich Studienberechtigte aus bestimmten Regionen interessieren, und stießen dabei auf erhebliche Unterschiede. Es gibt ein Nord-Süd-Ost-West-Gefälle:

  • Studienberechtigte aus den neuen Ländern interessieren sich überdurchschnittlich häufig für Ingenieurwissenschaften.

  • Im Norden herrscht ein ausgeprägtes Interesse an Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.

  • Im Süden und Westen sind Mathematik und Naturwissenschaften besonders gefragt. Gleiches gilt für Sprach- und Kulturwissenschaften.

Die Unterschiede sind leicht zu erkennen, aber schwer zu erklären. Warum meiden Wessis das Ingenieurstudium, warum Ossis die Sprach- und Kulturwissenschaften? Auf die Frage nach dem Wieso, Weshalb und Warum ihrer Ergebnisse geben die beiden Hochschulforscher eine recht vorsichtige und vielschichtige Antwort.

Nachfrage folgt Angebot

Studienanfänger berücksichtigen demnach dreierlei bei der Wahl des Fachs: Erstens Traditionen in der Familie oder in der Umgebung; ist der Vater Ingenieur, wird es auch der Sohn. Zweitens schauen die Studienanfänger auf die Berufsaussichten in der Regionen: Sucht die heimische Wirtschaft voraussichtlich Ingenieure, wird das Studium attraktiver. Drittens hängt die Fächerwahl vermutlich auch vom Studienangebot in der Region ab – das ist das spannendste Ergebnis der Studie.

Es lautet mit anderen Worten: Werden Ingenieurstudienplätze in der Region angeboten, wird das Fach stärker nachgefragt. Die Forscher belegen diese These durch einen Blick auf Regionen mit technisch orientierten Hochschulen wie der RWTH Aachen, der Hochschule Wismar, der Universität und Hochschule Bremen sowie der Fachhochschule Oldenburg/Ostfriesland/ Wilhelmshaven. Aus diesen Gegenden schreiben sich überdurchschnittlich viele Studienberechtigte für Ingenieurwissenschaften ein.

Die Forscher leiten daraus eine konkrete Empfehlung an die Politik ab. Um das Interesse an Mangelfächern wie Mathematik, Natur- und Ingenieurwissenschaften zu steigern, könne "das Vorhalten der jeweiligen Angebote an Hochschulen der Region" nützlich sein. Alles eine Frage von Angebot und Nachfrage also - gibt es mehr Studienplätze in der Region, gibt es auch mehr Interessenten aus dieser Region.

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Studienfächer: Wo was studiert wird