Neues Bewertungssystem für Abschlüsse: Schublade auf, Ausbildung rein, fertig

Von Frank van Bebber

Deutsche Professoren zetern noch über Bachelor und Master, dabei haben Bildungspolitiker längst das nächste Experiment auf der Startrampe: den Qualifikationsrahmen. Hinter dem Wortungetüm steckt nichts weniger als der Versuch, alle Grenzen im Bildungssystem zu sprengen.

Anders als in der Apotheke, soll es im neuen DQR-System nur acht Schubladen geben Zur Großansicht
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Anders als in der Apotheke, soll es im neuen DQR-System nur acht Schubladen geben

EQR? DQR? Nach Ansicht der Bundesregierung müssten diese Kürzel an den Hochschulen bekannt sein wie Master und Bachelor. Auf eine Frage aus dem Bundestag, ob sie über die hinter den Buchstaben stehenden Pläne ausreichend informierten, antwortete die Bundesregierung knapp: "Ja." Doch von einer Debatte über EQR und DQR ist an deutschen Hochschulen nichts zu hören. Kein Wunder, auch aufgelöst klingen die Kürzel so interessant wie eine Schlaftablette. EQR und DQR stehen für den Europäischen Qualifikationsrahmen und sein nationales Spiegelbild, den Deutschen Qualifikationsrahmen.

Doch Vorsicht: Hinter den Sprachmonstern steckt eine EU-Initiative, die das Hochschulwesen in seinem Selbstverständnis erschüttern könnte. Seit Jahren werkeln Beamte, Politiker und ein Zirkel von Experten und Lobbyisten an dem Projekt. Im politischen Schlafwagen haben sie es über die Jahre fast bis ans Ziel gebracht. Ihr Anliegen bedeutet im Ergebnis nicht weniger als das Ende des Standesdünkels in Europa.

Aufbruch in eine neue Ära

Dr. Volker Rein vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) spricht von einem "einzigartigen Experiment" und ruft eine neue Zeit aus: "Bologna ist zehn Jahre alt, der DQR ist nagelneu." Der Kern ist rasch beschrieben: Qualifikationen für die Arbeitswelt sollen europaweit vergleichbar werden. Dazu legt die EU ein einheitliches Raster über die Bildung, vom Hilfsarbeiter bis zum Hochschulprofessor. EU-Bildungskommissar Ján Figel' nennt das eine "Übersetzungshilfe", die Menschen den Wechsel zwischen Ländern und Bildungssystemen erleichtert. Als Raster erfassen die Qualifikationsrahmen auf europäischer und nationaler Ebene Lernergebnisse: Wissen, Fertigkeiten und Kompetenzen. Unwichtig ist dagegen, wo, wie und über welchen Zeitraum diese erworben wurden. Titel oder Bildungswege spielen keine Rolle. Meister, Master oder Manager können sich am Ende auf einer Stufe wiederfinden.

Das soll die internationale Vergleichbarkeit erhöhen: So könnte etwa ein Studienabschluss auf der sechsten von acht Stufen des Deutschen Qualifikationsrahmens eingeordnet werden. Von hier wird das Ergebnis in die zugeordnete Stufe des Europäischen Rahmens gespiegelt. In anderen Ländern kann dieser Wert wieder auf die heimische Skala übertragen und damit die Qualifikation eingeschätzt werden.

Prof. Dr. Volker Gehmlich von der Fachhochschule Osnabrück, der als Experte im Arbeitskreis für den Deutschen Qualifikationsrahmen sitzt, nennt als überragenden Nutzen des neuen Instruments: "Transparenz". Niemand müsse in einem anderen Land von vorn beginnen, nur weil der Wert seiner Qualifikation unklar sei. Das heißt aber auch: Jeder Kurs für Jugendliche, jede Berufsausbildung und jeder Studiengang in Deutschland müssen nach den Kriterien des nationalen Qualifikationsrahmens bewertet und einsortiert werden.

Wie das geschehen soll, wird in diesen Monaten in der Metall- und Elektrobranche, im Handel sowie in der Gesundheits- und Informatiksparte getestet. Arbeitsgruppen prüfen Qualifikationsstufen für Pfleger und Ärzte, Lehrlinge und Master-Informatiker. 2010 soll das System flächendeckend starten. Ab 2012 soll auf allen neuen Zeugnissen vom Schulabschluss bis zur Doktor-Urkunde vermerkt werden, welcher von acht Qualifikationsstufen sie zuzuordnen sind. Spätestens dann wäre das "Experiment" aus der politischen Wirklichkeit in der realen Welt der Hochschulen angekommen.

"Bologna ist zehn Jahre alt, der DQR ist nagelneu"

Schon einmal haben deutsche Professoren alle Phasen eines politischen Entscheidungsprozesses verpennt: Das war 1999, als 29 Bildungsminister europäischer Länder in Bologna die Leitlinien einer Hochschulreform verabschiedeten. Damals ging es darum, Studienabschlüsse vergleichbar zu machen und die Mobilität zu erleichtern. In Deutschland, wo viele Studiengänge als praxisfern und verlottert galten, wurde zudem das Ziel der Beschäftigungsfähigkeit betont: Employability gehört seither um Grundwortschatz der Hochschulreformer ebenso wie etwa der Begriff Modularisierung.

Die deutschen Professoren schreckten allerdings erst auf, als die Regeln ihre Fakultätsräte erreichten. Und in die Abendnachrichten des Fernsehens schaffte es die Wut über Bachelor und Master erst mit dem Studentenstreik 2009, zehn Jahre nach den Beschlüssen von Bologna.

Den Europäischen Qualifikationsrahmen verabschiedeten die Vertreter 32 europäischer Staaten Ende 2004 nun zwar nicht in der italienischen Stadt, sondern gut 800 Kilometer entfernt in Maastricht. Ansonsten aber ist es ein Déjà-vu. Der Qualifikationsrahmen stammt aus derselben politischen Ideenwerkstatt wie die Bologna-Reform. Wie sie hat er längst die meisten Hürden genommen, bevor eine breite Öffentlichkeit von den Plänen Notiz nimmt. Als Spiegelbild zum Europäischen Rahmen wurde parallel der Deutsche Qualifikationsrahmen (DQR) entwickelt. Eine Arbeitsgruppe von Bund und Ländern sowie ein Arbeitskreis aus Fachleuten und Vertretern haben im Februar dieses Jahres den Entwurf dazu vorgelegt.

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