Studienplatzvergabe in NC-Fächern: Endspurt der Unentschlossenen
Noch bis Mitternacht können sich Studienanfänger um Plätze in begehrten Numerus-Clausus-Fächern bewerben. Nach Fristende droht das übliche Zulassungschaos - und der Streit: Wie viel sagt eine Abi-Note aus?
Weder das Aktfoto noch das Geld halfen den Abiturientinnen. Sie hatten versucht, mit Bild und Bestechung ihre Studienplatzbewerbung aufzuwerten, denn die Konkurrenz bei NC-Fächern, das wussten sie, ist hart. Die ungewöhnlichen Maßnahmen haben nicht genutzt - geschadet allerdings auch nicht: Eine Anzeige wegen Bestechung gab es nicht.
Eine Bewerberin bekam sogar ihr Geld zurück. "Wir konnten und wollten nicht ausschließen, dass sie das Geld versehentlich eingeschickt hat", sagte der damalige Behördenchef der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) dem SPIEGEL. Das war 1973, die Bestechungssumme belief sich auf 790 Mark; Willy Brandt regierte die Bundesrepublik, Angela Merkel hatte gerade in der DDR ihr Abitur mit 1,0 gemacht und strebte ein Physik-Studium an.
Der Westen Deutschlands stritt darüber, wie sich rare Studienplätze in begehrten Fächern möglichst gerecht verteilen lassen. Eine Diskussion, die 40 Jahre später noch immer nicht vorbei ist - und jetzt wieder aufscheint, da an diesem Montag die Bewerbungsfristen für NC-Fächer enden. Es beginnt der Endspurt der un- und spätentschlossenen Abiturienten - und der verpeilten, die gerade erst aus Lloret de Mar zurückkommen.
Es droht ein neues Vergabechaos
Schon jetzt ist absehbar: Wieder droht ein Vergabechaos. "Natürlich bewerben sich die künftigen Studenten an mehreren Unis", sagt Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks. Denn die Bewerber wollen so ihre Chancen auf einen Platz im Wunschstudium erhöhen. So bekommen viele auch mehrere Zusagen, wovon sie jedoch nur eine annehmen können. Dadurch bleiben Jahr für Jahr Tausende Studienplätze unbesetzt.
Das Chaos verhindern oder wenigstens eindämmen soll eigentlich der ZVS-Nachfolger Hochschulstart.de und das sogenannte Dialogorientierte Zulassungssystem. (Wie es funktionieren soll, zeigen diese Videos.) Doch auch um dieses Portal tobt seit Jahren Streit. Zum einen ist die Software vieler Hochschulen veraltet - sie können nicht mit dem neuen System kommunizieren. So können sich Studienanfänger auch für das kommende Wintersemester lediglich für 170 der fast 4000 infrage kommenden Studiengängemit Numerus Clausus zentral dort bewerben. Zum anderen streiten Politik und Hochschulen darüber, wer die Kosten für das Portal übernehmen soll.
Wie gerecht ist der NC?
Zu den Problemen bei der praktischen Umsetzung gesellt sich der grundsätzliche Streit: Wie gerecht ist der Numerus Clausus? Das wichtigste Kriterium ist bei den meisten zulassungsbeschränkten Fächern schließlich der Abiturschnitt. Aber Was sagt die Note über das Talent eines Bewerbers tatsächlich aus?
Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), kritisiert denn auch, die Noten ließen sich bundesweit nicht vergleichen, dafür sei das Schulsystem viel zu vielfältig. Er fordert stattdessen Eignungstests und Auswahlgespräche. Auch Ärztefunktionäre plädieren mittlerweile für ein Ende des strengen NC-Verfahrens. "Wir brauchen Nachwuchs in der Patientenversorgung und müssen deshalb die zu starke Fokussierung auf die Einser-Abiturnote aufgeben", hieß es etwa beim Westfälischen Ärztetag, wie die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" berichtet. Das Abitur solle zwar Basis bleiben, aber die Gewichtung der Note durch einen Numerus Clausus sei zu stark.
Auch diese Diskussion reicht weit zurück, bis zu den Anfängen der ZVS. Die Richter des Bundesverfassungsgerichts hatten damals verlangt, dass es "einheitliche Auswahlkriterien" für Studienbewerber gibt, so entstand die Vergabestelle.
Das Abitur "als Glanzstück deutschen Bildungsguts einst Garant für einen Studienplatz", warnte damals der SPIEGEL, sei dann "kaum noch mehr als Futter für die Computer". Denn die Maschinen würden anhand von Nachkommastellen berechnen, wer welchen Studienplatz bekäme. Von unsinniger "Notenarithmetik" war die Rede. Der Südwestfunk ließ gar ausrechnen, dass viele Klinikdirektoren nie hätten Medizin studieren dürfen, wenn es zu ihrer Zeit schon einen NC gegeben hätte. Und empörte Zeitungsleser wetterten, selbst ein Losverfahren sei gerechter als die Auswahl nach Abiturnote.
Um eine fristgerechte Bewerbung kamen Studenten allerdings noch nie herum. Die aktuelle NC-Frist endet am Montag. Und weder Aktfotos noch Bargeld dürften helfen.
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