Numerus clausus: Uni-Flucht über die grüne Grenze

von Benedikt Mandl

Kein Einserschnitt, kein Studienplatz? Oft sehen deutsche Abiturienten nur eine Chance: Ab nach Osteuropa oder Österreich! Dort sind NC-Flüchtlinge willkommen, denn sie bringen Geld. Reisen bildet - einige deutsche Studiennomaden erzählen über ihre Erfahrungen im Ausland.

Ein Abiturdurchschnitt von 1,9 ist eigentlich ein respektables Ergebnis, vor allem in Bayern. Eva Seitz, 22, war damals, zwei Jahre ist es her, durchaus zufrieden mit der Note. Danach machte sich die Bambergerin wie Zehntausende anderer Abiturienten in Deutschland Gedanken, welches Studienfach sie wählen sollte. Ihr Bruder, der seit 2004 in Aachen studiert, überzeugte sie, es ihm nachzutun: Medizin sollte es sein.

Doch Eva Seitz erhielt keinen Studienplatz - ihr Einserabitur war nicht gut genug. "Darum hab ich erst mal ein dreimonatiges Pflegepraktikum gemacht", erzählt sie. Half auch nichts, im Sommersemester blieb ihr wieder der Zugang zum Sektionssaal versagt, vier bis fünf Jahre, hieß es, müsse sie warten. Seitz war frustriert: "Es wird zwar überall von Ärztemangel berichtet, und trotzdem bekommen nur noch die besten Abiturienten einen Studienplatz."

Eva Seitz blieb stur. So wurde sie Teil einer wachsenden Population, der Numerus-clausus-Flüchtlinge. Die Zulassung zu mehr als der Hälfte aller Studiengänge in Deutschland ist mittlerweile beschränkt, das Traumfach für viele Abiturienten außer Reichweite.

"Viele Arztkinder studieren hier"

Doch die sind findig, wenn es darum geht, doch noch richtig unterzukommen. Wenn nicht hier, dann eben anderswo. Neuerdings in Osteuropa.

Eva Seitz entschied sich für Szeged, in Tourismus-Broschüren als "Sonnenstadt Ungarns" gepriesen. Dort kann man, wie auch in Pécs und an der Semmelweis Universität in Budapest, Humanmedizin in deutscher Sprache studieren. Dass die Gebühren von 11.200 Euro pro Studienjahr nicht unbedingt sozialverträglich sind, gibt Seitz zu: "Viele Arztkinder und Kinder von eher wohlhabenden Leuten studieren hier." Ein gekauftes Studium? Nein, sagt sie, die Lernanforderungen seien genauso hoch wie in Deutschland.

"Wir merken, dass die Bereitschaft zum Landeswechsel in den letzten Jahren stark gestiegen ist", erzählt Alexandra Michel von College Contact, einer Beratungsagentur für Auslandsstudien.

Viele Medizin-Angebote in Osteuropa

Im Internet häufen sich die Foren mit Tipps für die besten Wege über die grüne Grenze. Unis in Lettland, Polen, Tschechien, der Slowakei oder Rumänien werben um Kundschaft aus dem Ausland. So haben neben den Studiengängen auf Deutsch eine Reihe osteuropäischer Universitäten das Fach Medizin auf Englisch im Angebot: in der Slowakei beispielsweise die Comenius Universität in Martin und die Pavol Jozef Safárik Universität in Kosice, in Tschechien die Prager Karlsuniversität, in Rumänien die Medizinische und Pharmazeutische Universität Gr. T. Popa in Iasi (Iai) und in Lettland die Riga Stradins Universität.

Mit der Zahl der abgewiesenen Abiturienten aus Deutschland lässt sich rechnen, das zeigen die Zahlen der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS): Für das beginnende Studienjahr 2008/09 haben sich mehr als 35.000 Abiturienten allein für Medizin beworben. Aber die ZVS konnte weniger als 8000 Studienplätze vermitteln.

Also, fürs Erste ab ins Ausland. Christoph Wortmann, 27, studierte ein Semester Medizin in Budapest, um dann in Bochum weiterzumachen. Kein verlorenes Jahr: "Die Studenten der Semmelweis Uni haben nach den ersten vier Semestern mehr Wissen als Studenten an deutschen Unis", sagt Wortmann. Wer wie er in der Ferne beginnen will, muss sich dort erbrachte Leistungen anerkennen lassen.

"Mein Abi war selbst für Ungarn zu schlecht"

"Das war aber Routine und hat nur eine Woche gedauert", erzählt Stephan Ernst, 25, aus St. Augustin bei Bonn, der jetzt, nach einem guten Physikum in Szeged, auf einen Studienplatz in Deutschland hofft. Nach dem Abitur mit einem Schnitt von 2,9 und einem Jahr Zivildienst sah Ernst vor drei Jahren seine Zukunft weniger optimistisch: "Mein Abi war selbst für Ungarn zu schlecht", bekennt er.

In solchen Fällen erweist sich das ungarische Bildungswesen aber als recht flexibel: Die Studieninteressenten mit schlechten Noten oder geringer fachlicher Vorbildung müssen in einem - allerdings kostenpflichtigen - Vorbereitungsjahr Abiturstoff der Naturwissenschaften durchackern. Die Punkte, die sie in diesem Kurs sammeln, werten dann das Abitur auf.

"Von den 26 Leuten, die den Kurs in meinem Jahrgang gemacht haben, sind schließlich alle untergekommen", erzählt Ernst. Er ist inzwischen geläutert, was den eigenen Arbeitseinsatz angeht: "Beim Abi war ich sehr faul, beim Studium nicht mehr. Das viele Geld, das meine Eltern bezahlen müssen, ist da schon ein Ansporn."

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