Von Jan Friedmann
Berlin - OECD-Bildungschefin Barbara Ischinger ist extra aus Paris gekommen, um in der Berliner Bundespressekonferenz die aktuelle Studie der Organisation der Öffentlichkeit zu präsentieren. Der Name des Werks: "Bildung auf einen Blick". An Ischingers Seite sitzen zwei deutsche Politikerinnen: Bildungsstaatssekretärin Cornelia Quennet-Thielen und Johanna Wanka (CDU), Wissenschaftsministerin aus Niedersachsen. Sie sind da, um im Namen von Bundesregierung und Kultusministerkonferenz allzu negative Diagnosen zurechtzurücken.
Bei dem alljährlichen Ritual prallen zwei Weltsichten aufeinander. Die OECD auf der einen Seite misst Bildungserfolg in Skalen, Intervallen, Ranglisten. Sie geht davon aus, dass ein Land umso erfolgreicher ist, je mehr Abiturienten und Hochschulabsolventen es produziert. Dabei sieht die Bundesrepublik regelmäßig schlecht aus im Vergleich zu Nationen, wo auch Hebammen oder Krankenschwestern auf Hochschulen gehen.
Die Vertreter des deutschen Föderalismus auf der anderen Seite verteidigen die hiesigen Besonderheiten. Sie machen sich etwa für die betriebliche Ausbildung stark, weil diese erfolgreiche Facharbeiter auch ohne Hochschulabschluss produziere. Zehn Jahre nach Pisa haben sie es satt, dass ihnen regelmäßig Versagen attestiert wird - darum die Eskorte.
Fast alle Vierjährigen gehen in Kitas
Positiv vermerken die Forscher auch, dass in Deutschland inzwischen 96 Prozent der Vierjährigen in Betreuungseinrichtungen untergebracht sind, weit mehr als im Durchschnitt der teilnehmenden Länder. Für die ganz Kleinen gibt Deutschland im Vergleich auch mehr Geld aus, während es bei den übrigen Bildungsausgaben zurückliegt.
Die Bildungspolitikerinnen Quennet-Thielen und Wanka kann es freuen, auch wenn Deutschland in den meisten Kategorien nicht zu den Klassenbesten wie Norwegen oder die Schweiz gehört. 34 OECD-Länder kamen auf den Prüfstand, darunter 21 Staaten der Europäischen Union. Immerhin: Als akut versetzungsgefährdet muss Deutschland laut der neuesten Zahlen nicht mehr gelten.
Allerdings zeichnet die Studie auch das Bild eines saturierten Landes, in dem zu wenige durch Bildung nach oben kommen wollen oder daran durch äußere Umstände gehindert werden. Woran es genau liegt - solche Ursachenforschung betreibt "Bildung auf einen Blick" leider nicht.
Deutschland als Sonderfall: Abstieg häufiger als Aufstieg
Die OECD deutet die Zahlen, die sie liefert, nicht. Aber sie passen ins Bild der Nation, die wenig Chancen eröffnet: 20 Prozent der Deutschen zwischen 25 und 34 Jahren erwerben einen Bildungsabschluss, der höher ist als der ihrer Eltern, 22 Prozent bleiben hingegen hinter dem zurück, was Papa oder Mama vorgelegt haben. Damit überwiegt die Abwärtsmobilität, ein Trend, der international sehr selten ist.
Zwischen Männern und Frauen wächst außerdem hierzulande die Gehaltskluft, weil vergleichsweise viele Frauen in Teilzeit arbeiten - auch kein Zeichen für große soziale Dynamik.
"Die Funktion des Bildungssystems als Motor für Aufstieg zwischen den Generationen ist relativ schwach in Deutschland", attestiert die OECD. Ein Befund, der die deutsche Politik beschäftigen muss, trotz aktuell erreichter Verbesserungen. Rundum glücklich schätzen können sich hingegen die deutschen Lehrer: Sie sind so gut bezahlt wie sonst nur die Kollegen in der reichen Schweiz und in Luxemburg.
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