Orientierungswoche zum Uni-Start: Erst Delirium, dann Studium
Sie sind neu, sie kennen sich nicht aus, sie brauchen Anleitung: Erstsemester sollen in Orientierungswochen lernen, wie die Uni funktioniert. Doch die ersten Tage arten oft zu Feier-Exzessen aus. In Göttingen kamen 18 Studenten mit Alkoholvergiftungen ins Krankenhaus - die Hochschulleitung ist bestürzt.
Auf einer Wiese zwischen kahlen Bäumen kämpft Tobi mit seinem Gleichgewicht. Der Studienanfänger der Volkswirtschaftslehre ist umringt von knapp zwei Dutzend anderer Erstsemester. Trotz des nasskalten Wetters trägt er nur ein T-Shirt. Seine Schultern hängen tief, seine Stimme ist nur noch ein verzerrtes Gekrächze. "Wie geil ist das denn hier", brüllt er in die Menge. Man klatscht und lacht. Tobi nimmt einen tiefen Schluck Bier und schaut sich um. Die Augenlider sind schon schwer geworden. Es ist nicht Tobis erstes Bier an diesem Tag, dazu kommen noch einige Schnäpse.
Eine weitere Gruppe von Erstsemestern naht. Sie schwenken Fahnen, die meisten sind sichtlich betrunken. Es ist vier Uhr nachmittags am ersten Dienstag des noch jungen Wintersemesters, und die Göttinger Innenstadt hat sich in eine Partymeile verwandelt. Das kollektive Besäufnis ist mittlerweile zum Ritual geworden: Ob Sommer oder Winter, zu Beginn jeder neuen Vorlesungszeit wiederholen sich in der niedersächsischen Stadt Szenen, die an Party-Animation auf Mallorca oder Ibiza erinnern. Dahinter steckt die sogenannte O-Phase, eine Orientierungwoche für Studienanfänger, wie sie an fast allen Universitäten in Deutschland angeboten wird.
In Göttingen veranstalten die meisten der 13 Fakultäten der Universität seit etlichen Semestern zu Beginn der Vorlesungszeit solche Orientierungswochen. Studienanfänger sollen an die Hand genommen und bei den ersten Veranstaltungen und organisatorischen Fragen unterstützt werden. Und natürlich sollen in diesen ersten Tagen auch Kontakte geknüpft werden. Viele sind neu in der Stadt, kommen gerade von der Schule. Jetzt wollen sie neue Freunde für den nächsten Lebensabschnitt finden. Kneipentouren und Campusfeiern sind daher für einige wichtiger als die Informationsveranstaltungen.
In Unterwäsche auf dem Marktplatz
Die O-Phase der Wirtschaftswissenschaftler, organisiert von einem studentischen Verein, ist eine der größten in Göttingen. Knapp 1000 der 4500 Göttinger Erstsemester haben sich für Wirtschaftswissenschaften eingeschrieben. Und sie wollen das kreativste, lauteste und feierwütigste Team bei der Stadtrallye werden, die zum wichtigen Teil des Rituals geworden ist. Dafür ziehen Hunderte Studienanfänger, teils mit Luftschlangen, Hawaii-Ketten oder Partyhüten geschmückt, in Gruppen von knapp 30 Personen durch die Stadt. Ausgerüstet mit Bier und Schnaps, grölen, singen und klatschen sie. An unterschiedlichen Stationen warten Aufgaben wie Sangria-Wetttrinken oder Bobbycar-Slalom auf sie. Zur Belohnung gibt es Schnaps.
Nicht wenige landen am Ende in Unterwäsche auf dem Marktplatz. So machen sich die neuen Studenten in den ersten Tagen mit Göttingen bekannt - dabei jedoch nicht immer beliebt. "Sie können gerne feiern, aber sollten doch bitte ihren Verstand nutzen", sagt Carolin Krey. Die Floristin steht in ihrem Blumenladen, das Radio dudelt, es riecht nach frischen Schnittblumen. Durch das blitzblanke Schaufenster sieht sie Tobi mit seiner Gruppe über eine Kreuzung gehen. "Wenn ich die schon sehe, werde ich wieder wütend", sagt Krey. Erst vor wenigen Minuten hatte sie zum Hörer gegriffen und die Polizei angerufen.
Ein betrunkener Student hatte gegen ihre Wand gepinkelt. Wieder Mal. "Das passiert jedes Jahr", sagt sie. Krey hat sich deswegen sogar schon gerüstet. Hinter ihrem Tresen steht eine mit Wasser gefühlte Plastikvase, die sie den Pinklern überkippen will. "Die kriegen gnadenlos eine kalte Erfrischung", sagt sie. Dieses Mal kam sie jedoch zu spät.
Immer mehr Alkoholvergiftungen
Und nicht nur die Wiwi-O-ler feiern exzessiv. Auch bei Medizinern, Juristen und Sozialwissenschaftlern arten die O-Phasen aus. Und es wird immer heftiger: 18 schwer alkoholisierte Studenten wurden zu Beginn des diesjährigen Wintersemesters in das Göttinger Uni-Klinikum eingeliefert. "Es werden jedes Jahr mehr", sagt Kliniksprecher Stefan Weller.
Uni-Präsidentin Ulrike Beisiegel ist angesichts dieser Zahlen bestürzt. "Wir sehen den exzessiven Alkoholkonsum während der O-Phase mit großer Sorge", sagt Beisiegel. Dabei befürwortet das Präsidium die Woche der Erstsemester grundsätzlich: "Die O-Phasen sind ein wichtiger Bestandteil des Studiums, während der sehr viele sinnvolle Veranstaltungen stattfinden", sagt Vizepräsident Wolfgang Lücke. "Auch wenn einige Wenige dabei kein Maß finden."
Diese Maßlosen sind es, die für einen fahlen Beigeschmack sorgen. Das wissen auch die Organisatoren der Wiwi-O-Phase. Sie rufen deswegen ihre Erstsemester vor der Stadtrallye auf, sich angemessen zu verhalten. "Bitte kauft euch keinen harten Alkohol", sagt eine Tutorin, bevor die Gruppen die Stadt unsicher machen.
Es ist 13 Uhr, als die ersten Studienanfänger den Campus verlassen und die Stationen der Stadtrallye aufsuchen. Noch sind sie nüchtern. Aber nur wenige Schritte später knacken die Verschlüsse der Schnapsflaschen. "Prost", ruft Tobi seinen Kommilitonen zu und nimmt den ersten tiefen Schluck.
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