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Thema Tod im Medizinstudium: Nachhilfe im Sterbenlassen

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Medizinstudium: Nachhilfe im Sterbenlassen Fotos
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Wer Medizin studiert, will heilen. Doch immer wieder haben Ärzte mit Menschen zu tun, die nicht zu retten sind. Im Studium kommt das Thema bisher viel zu selten vor, kritisieren Palliativexperten. Sie fordern: Umgang mit Leid und Tod gehört in den Hörsaal.

Der Mann war 45, hatte Karriere als Jurist gemacht - und er wusste, dass sein Leben bald zu Ende sein würde. Drei Tage dauerte sein Todeskampf. Immer wieder brach bei dem Patienten die Angst vor Schmerzen durch, doch helfen konnte ihm niemand.

Die Kölner Medizinstudentin Hanna Bellmann war gerade im ersten Semester, als sie den Sterbenden kennenlernte: in Leo Tolstois Roman "Der Tod des Iwan Iljitsch". Dessen Hauptfigur ist ein klassischer Fall für Palliativmediziner. "Bei uns gehörte das Buch gleich zu Beginn des Studiums zur Pflichtlektüre", erzählt Bellmann.

Mittlerweile steuert die 25-Jährige auf ihr Examen zu. "Bei uns im Kölner Modellstudiengang Medizin spielt die Frage nach dem Umgang mit Sterben und Tod eine wichtige und integrative Rolle", sagt Bellmann. Auf dem Stundenplan stehen wiederholt Gespräche mit Palliativpatienten und Angehörigen, aber auch Übungen, in denen die Studenten die Kommunikation mit todkranken Menschen simulieren. "Wir werden in diesen Situationen gefilmt und bekommen anschließend ein Video-Feedback. Zusätzlich beobachtet die Gruppe das Gespräch aus einem Nebenraum durch ein verdunkeltes Fenster", erzählt die angehende Ärztin: "Das ist schon relativ authentisch."

Keine Angst vor Tod und Sterben

Damit ist Hanna Bellmann eine ziemliche Ausnahme. Zum einen studiert sie im praxisorientierteren Modellstudiengang, zum anderen geht sie dem Thema Tod und Sterben auch sonst nicht aus dem Weg: Für die Hilfsorganisation Humedica war sie schon als freiwillige Helferin in Katastrophengebieten im Einsatz, aktuell verbringt einen Teil ihres Praktischen Jahres bei HIV-Patienten in Südafrika.

Doch längst nicht jeder Medizinstudent hat so viel mit palliativmedizinischen Fragen zu tun. "Das ist in die Ausbildung nur als ganz kleiner Aspekt integriert", sagt Ernst Engelke, der sich als Psychotherapeut, Sozialwissenschaftler und Theologe in Würzburg mit dem Umgang mit Schwerstkranken beschäftigt. "Palliativmedizin ist eigentlich kein abgeschlossenes Fach, sondern essentieller Bestandteil der Tätigkeit eines Arztes und müsste deshalb in alle klinischen Fächer integriert werden", sagt Engelke. Seine Vision: Medizinstudenten sollten auch lernen, wie der ärztliche Beitrag aussehen kann, wenn klar ist, dass die lebenserhaltenden Maßnahmen vergeblich sein werden.

"Das war krass intensiv"

Die ärztliche Approbationsordnung sieht einen solch umfassenden Ansatz bisher nicht vor. Zwar ist ab diesem Jahr im 2. Staatsexamen für Mediziner ein Leistungsnachweis in Schmerz- und Palliativmedizin erforderlich, doch wie die Unis diese Anforderungen umsetzen, bleibt ihnen überlassen. Lucas Bispinghoff, 26, hatte dabei, so sieht er das selbst, riesiges Glück. "Die Veranstaltungen zu Palliativmedizin bei Kindern waren die besten Vorlesungen, die wir je hatten", sagt der Medizinstudent der Privatuni Witten/Herdecke. "Das war krass intensiv."

Weil er außerdem im Rettungsdienst arbeitet und in seinen Praktika auch ein Hospiz kennenlernte, hat er sich entschieden, nun über Palliativmedizin zu promovieren. Auch er sagte, die intensive Auseinandersetzung wie in Witten sei nicht der Normalfall im Medizinstudium. An der Privatuni haben die angehenden Ärzte schon ab dem ersten Semester mit echten Patienten zu tun, immer wieder wird ihr kommunikatives Handeln geschult und überprüft.

"Lassen Sie mich also in Ruhe!"

Ein Ansatz, den auch Palliativvorkämpfer Ernst Engelke verfolgt. "Ärzte wissen in aller Regel nichts vom Erleben sterbenskranker Menschen, und sie haben keine oder kaum ausgeprägte Kommunikationsfähigkeiten." Die Behandlung sterbenskranker Menschen gehöre zwar zum ärztlichen Alltag, die Kompetenzen dafür würden aber nicht vermittelt. Zusammen mit zwei Würzburger Palliativmedizinern fordert Engelke deshalb einen anderen Umgang: Palliativmedizin dürfe nicht mit Schmerztherapie gleichgesetzt werden und auch nicht auf Krebspatienten beschränkt sein. Außerdem sollten Studenten lernen, wie todkranke Menschen fühlen, wie sie glauben und wie sie hoffen. Außerdem müsse die Kommunikationskompetenz von Ärzten verbessert werden.

Zu dem Themenfeld Palliativmedizin gehört unweigerlich auch das Reizthema Sterbehilfe. Derzeit verhandelt der Bundestag darüber. Wenn das Parlament vermutlich Anfang 2015 ein Sterbehilfegesetz beschließt, soll der Fraktionszwang aufgehoben sein, denn es geht vor allem um eine Gewissensentscheidung. Auch Medizinstudenten sind sich dabei oft unsicher, was moralisch und ethisch richtig ist.

Hanna Bellmann findet, jeder Mensch solle selbst entscheiden dürfen, wie er in Würde sterben wolle - vorausgesetzt, die medizinischen Rahmenbedingungen zeigten, dass es tatsächlich keine Heilung mehr gebe. Bellmann sagt in aller Vorsicht, es gehe "um eine klar definierte Gruppe von Menschen, bei denen ich das persönlich nicht ablehnen würde". Im gleichen Atemzug verweist sie aber auf die aktuelle deutsche Rechtslage, nach der Sterbehilfe verboten ist. Mit Freunden und Kommilitonen, sagt Bellmann, diskutiere sie sehr viel über das Thema.

Iwan Iljitsch jedenfalls, der 45-jährige todkranke Jurist aus Tolstois Erzählung, hatte nicht das Glück, palliativ gebildete Ärzte um sich zu haben. Die Mediziner am Bett der Romanfigur drückten sich um die offene Kommunikation mit ihrem Patienten herum, dem Sterbende blieb schließlich nur, festzustellen: "Sie wissen doch selber, dass Sie mir nicht helfen können. Lassen Sie mich also in Ruhe!"

  • Corbis
    Ihr Abi ist nicht exzellent, aber sie will Medizin studieren: Lea, 22, machte in drei Jahren eine medizinische Ausbildung, verklagte über ein Dutzend Unis, absolvierte Praktika, arbeitet als Sanitäterin - vergebens. Zwischenruf einer jungen Frau, die in einem Ärztemangel-Land einfach nur Ärztin werden will. mehr...

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insgesamt 19 Beiträge
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1. Ärztesozialkompetenztest
musiklker 07.03.2014
Manche angehende Medizinstudenten sollte man mittels Sozialkompetenztests eventuell gar nicht zum Studium zulassen, da ein Arzt ausgeprägte Sozialkompetenzen haben muss. Es gibt genug Ärzte die Autisten sind. So was brauchen wir nicht.
2. Ein überaus wichtiges Thema...
spmc-12653168937531 07.03.2014
Ferdinand Sauerbruch ließ keinen Studenten zu ohne philosophische Kenntnisse und damals gehörte die Medizin zu den Geisteswissenschaften. Heute gehört die Medizin zu den Naturwissenschaften und hat sich dadurch auch von philosophischen Fragestellungen des Menschseins, also auch dem Sterben und Tod, um Lichtjahre entfernt. Gewinnmaximierung, Kosten-Nutzen-Denken, Skandale, Betrügereien, Kummeleien, Klagen auf höchstem Niveau, unsinnige Ärztekammern, etc.. bestimmen leider zunehmend diesen Berufsstand. Die einfachsten Herausforderungen, wie beispielsweise die höchst problematische und unter der Decke gehaltene MRSA-Problematik werden heruntergespielt, sind nicht in den Griff zu bekommen. Ein Prof. Semmelweiß ( Hygieniker ) würde sich im Grabe umdrehen. Bei all den Schwachstellen im System der Mediziner, so auch in der Lehre, sehe ich kaum Chancen für notwendige philosophische Fragestellungen. Ein revolutioner Systemwandel ist erforderlich, den die Medizin-Lobbyisten und die Politik bisher verhindert haben. Solange 5 getötete Soldaten in Afganistan einen Aufschrei in der Republik verursachen und 20.000 Tote im Jahr durch Fehlmedikation von Ärzten in unserer Gesellschaft einfach so hingenommen werden, wird sich nichts bewegen. Darüber hinaus haben wir viele Ärzte aber wenig Heiler.
3. Kompetenztest?!
ernstmoritzarndt 07.03.2014
Zitat von sysopDPAWer Medizin studiert, will heilen. Doch immer wieder haben Ärzte mit Menschen zu tun, die nicht zu retten sind. Im Studium kommt das Thema bisher viel zu selten vor, kritisieren Palliativexperten. Sie fordern: Umgang mit Leid und Tod gehört in den Hörsaal. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/palliativmedizin-im-medizinstudium-debatte-um-sterbehilfe-a-954242.html
Sterben und Sterben begleiten kann man nicht erlernen, wie eine Mathematikaufgabe oder englische Vokabeln. Es handelt sich dabei um einen integrierten Prozeß ethischer, religiöser, medizinischer, biologischer und juristischer Fragen, die kein Mensch leicht nehmen kann und darf. In jedem neuen Falle einer Begleitung in dieser Situation kommen allen beteiligten Personen regelmäßig Zweifel, ob man das, was man tut oder auch unterläßt unter Beachtung aller vorgenannten Fragen "richtig" tut. Deshalb kann man das nicht in der genannten Form "lernen", sondern wird sehr lange mit dem Begleiten und ständigen eigenen Rückfragen "üben" müssen - mit allen Restzweifeln, die einem dabei immer bleiben.
4. Gerade von Medizinern erwarte ich ...
ichdenkemal 07.03.2014
Gerade von Medizinern erwarte ich biologisches Wissen. Dazu gehört auch das Wissen, daß der Mensch nicht von irgend einem Gott abstammt, auch nicht von irgend einem Rippchen, äh, einer Rippe. Der Mensch ist und war Tier!!! Insoweit verstehe ich das ganze Rumgehudel um den Tod überhaupt nicht. Ich verstehe unter der Würde des Menschen auch das Selbstbestimmungsrecht zum eigenen Ableben. Da diese Medikamente aus guten Gründen nicht frei verkäuflich sind, fällt diese Aufgabe eben in den Bereich der Ärzte. Ärzte haben dem Willen des Patieten zum Erfolg zu verhelfen!!! Ärzte haben den Patienten nur dann zu schützen, wenn selbiger - im Moment - nicht mehr klar bei Verstand ist. Ansonsten sollte es in jedem Krankenhaus ein Sterbezimmer geben.
5. Stimmt!
amalthea62 07.03.2014
Ein Bekannter von mir war letzten Sommer im Krankenhaus. Bei ihm im Zimmer lag ein Sterbender. Eine Ärztin kam zur Kurzvisite ins Zimmer und sagte zu ihm: Sie werden sterben, akzeptieren Sie das endlich! (O-Ton)
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