Party-Logbuch Berlin: "It's so berghain!"

Invasion des Easy-Jetsets: Feierhorden aus dem Billigflieger überschwemmen das hauptstädtische Nachtleben, Berliner Studenten fühlen sich in den Clubs und Bars der Hauptstadt zurückgedrängt. Maximilian Popp hat sich für den UniSPIEGEL zwischen die Feierfronten gewagt.

19.15 Uhr
Bevor die Sonne versinkt, dringt sie noch einmal als rote Scheibe durch die Wolken. Ich sitze gemeinsam mit James, einem Backpacker aus Seattle, auf der Dachterrasse des Wombat's, einem Hostel in Berlins Mitte. Wir trinken Bier aus Dosen, und ich frage James, warum er hier ist, warum alle hier sind: die Hipster aus Brooklyn, die Raver aus Osteuropa, die Abiturienten aus Schwaben, die College-Studenten aus Dublin?

Vier Millionen Übernachtungen zählte die Berliner Tourismusbehörde allein zwischen Januar und März. Es gibt keine Statistik, wie viele davon hauptsächlich zum Feiern nach Berlin kommen, aber es müssen sehr viele sein. Nachtclubbetreiber schätzen, dass mindestens zehntausend Billigfluggäste in die Clubs der Hauptstadt strömen - an jedem Wochenende. Über Berlins Nachtleben werden in aller Welt Lieder gesungen, Gedichte geschrieben, Filme gedreht. So sehr wurde die Stadt zerfilmt und totfotografiert, dass sich die eigenen Wahrnehmungen in all den Vorlagen verirren.

20.45 Uhr
Aus den Bars und Cafés in Mitte strömt Lärm und legt sich wie ein Teppich über die Straßen und Dächer der Stadt. James zündet sich eine Zigarette an und bläst den Rauch in die warme Abendluft. Seit drei Wochen reist er durch Europa. Er war in Paris und Prag. Berlin ist die letzte Station. "Berlin is fuckin' awesome, you know?"

Wer begreifen will, was jedes Wochenende zehntausend Partyhopper aus der ganzen Welt nach Berlin treibt, kann sich durch die Clubs der Stadt feiern, Ritter Butzke, Cookies, Club der Visionäre, Monarch. Wer den Hype verstehen will, kann aber auch einfach nur eine Nacht im Wombat's verbringen und den Geschichten der Backpacker lauschen, die meist von durchtanzten Wochenenden handeln und von gebrochenen Herzen.

23.00 Uhr
Mari und Kerstin sitzen in der Bar des Wombat's über einen Stadtplan gebeugt. Mit einem Filzstift haben sie darauf die Route für die Nacht markiert. Sie wollen in den Fuchsbau, eine Bar in Kreuzberg, und später ins Watergate, ein Club am Spree-Ufer, vor dem sich jedes Wochenende eine Schlange aus Touristen bildet. Die beiden Studentinnen aus Kopenhagen sind fürs Wochenende nach Berlin gereist, sie gehören zum Easy-Jetset, benannt nach einer Billigfluglinie. Von der deutschen Hauptstadt erwarten Mari und Kerstin nicht weniger als "die beste Party unseres Lebens".

Am Tisch nebenan tippen junge Franzosen Nachrichten in ihre Smartphones, checken ihr Facebook-Profil. Sie sagen, zu Hause würden alle über Berlin sprechen. Freunde, die hier waren, erzählten von einer Stadt, in der die Partys bis Sonntagabend dauern, in der die Mädchen schöner seien und die Jungs mutiger. Von einer Stadt, die den Künstlern gehöre, den Wahnsinnigen und den Träumern.

00.30 Uhr
James, der Backpacker aus Seattle, trinkt sein Bier aus. Das sechste - oder das siebte? Egal. Er will jetzt los. Nach Kreuzberg. Und dann ins Berghain. Wie kein anderer Club steht das Berghain für den Mythos: eine Techno-Kathedrale auf drei Stockwerken, 18 Meter hohe Decken. Das Berghain, vom britischen DJ Mag 2009 zum "besten Club der Welt" gewählt, ist das Versprechen auf nie dagewesene Entgrenzung. Der Fluchtpunkt einer nach oben offenen Nacht. In New York sagen sie seit einiger Zeit "it's so berghain", wenn sie etwas ganz besonders großartig finden.

01.45 Uhr
"Insane, Alter!", rufen die drei Abiturienten aus München, die vor dem Wombat's auf der Straße sitzen und Jägermeister trinken. In Berlin sei "derbe was los". Ihre Gesichter glühen. Sie erzählen, sie warteten auf Spanierinnen, die sie am Nachmittag im KaDeWe kennen gelernt hätten. Auch die fänden Berlin "insane". Berlin ist nicht wie München oder Madrid oder Paris. Berlin ist wild, verrückt, "underground". Doch wie "underground" kann eine Stadt noch sein, die alle toll finden?

"Es ist nicht mehr das Gefühl der Erfüllung, sondern das der Suche, das über allem schwebt", schreibt der Blogger Airen. "Suche nach Glück, Suche nach Drogen, Suche nach der ultimativen Party. Aber man findet sie immer seltener. Nur noch der legendäre Ruf steht über allem." Der Text war ein Abgesang auf das Berghain, doch er lässt sich leicht auf ganz Berlin verallgemeinern.

Berlin im Sommer 2011 ist schizophren: Nie war die Stadt angesagter. Doch gleichzeitig herrscht die Angst, dass die große Party bald vorbei sein könnte. Dass der Easy-Jetset weiterzieht: nach Belgrad, Istanbul, Tel Aviv.

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insgesamt 47 Beiträge
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1. ...
Barksdale 09.09.2011
Das Berghain ist wahrlich der beste Club Europas.
2. Nicht reingekommen?
lupusB 09.09.2011
Habt ihr dem armen Jungen nur das Hostel bezahlt und kein Taschengeld für die Clubs?:) Oder kommt demnächst Teil 2 über die bösen Türsteher von Berlin die betrunkene Hipster und ihre journalistischen Begleiter nicht ins Berghain lassen? (was zu hoffen ist)
3. Hmm
Sapere aude 09.09.2011
... und nichts ist peinlicher als Provinzler die denken mit Anglizismen wirke man weltstädtisch... sage ich mal als Provinzler. ;)
4. Luxusproblem
Silver_Future 09.09.2011
Äh, ich denke die armen Studenten haben zwecks Bologna-Reform, Bachelor und Master gar keine Zeit mehr zum Feiern? Luxusproblem würde ich mal sagen... Müsst ihr halt in den Ferien im Ausland das nachholen und zu dem werden, was Euch in Berlin so stört, gelle? Ach wie war da doch das Studium der Soziologie auf Diplom so entspannend...man wusste gar nicht wohin mit der ganzen Zeit, die einem das Studium schenkte...7 schöne Jahre...grins... und Arbeien nebenbei war auch noch möglich...also war auch Geld zum Leben und Feiern da. the times they are changing...
5. doch, geht peinlicher
autocritica 09.09.2011
Zitat von Sapere aude... und nichts ist peinlicher als Provinzler die denken mit Anglizismen wirke man weltstädtisch... sage ich mal als Provinzler. ;)
Doch: Neuberliner aus Schwaben, Sachsen oder sonstwo die denken, mit einem angehängten ",wa?" wirke man wie ein Berliner.
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Maximilian Popp 25, ist SPIEGEL-Redakteur. Für diese UniSPIEGEL-Serie übers Feiern in deutschen Studienstädten hat er sich freiwillig gemeldet.

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