Schüler-Burschenschaften: Die jungen Gestrigen

Von Oliver Trenkamp

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"Hatz" in Hamburg: "Feiglinge und Dummschwätzer" aussortieren

Sie treten zu Säbelduellen an, sie preisen Ehre und Vaterland, sie sind die Hoffnung der überalterten Burschenschaften: In Schülerverbindungen lernen schon Minderjährige die archaischen Rituale und völkische Ideologie der Szene kennen. Politiker warnen vor einer Radikalisierung der Jugend.

"Mach was aus Deiner Jugend!", steht auf dem Faltblatt. Das Foto über dem Schriftzug zeigt gut zwei Dutzend Männer und Jungs, einige mit freiem Oberkörper, die stramm stehen unter schwarz-rot-goldenen Fahnen. Der Allgemeine Pennälerring (APR) wirbt so um neue Mitglieder, laut Selbstdarstellung ein "Zusammenschluss von nationalfreiheitlichen Schülerverbindungen". Auf der Facebook-Seite ist auch von "wehrhaften Pennalkorporationen" zu lesen.

Was Schüler nach APR-Meinung aus ihrer Jugend machen sollen, wird schnell deutlich, wenn man sich das Weltbild und die Rituale der Mitgliedsverbindungen anschaut. Da ist etwa die Pennale Burschenschaft Chattia Friedberg zu Hamburg und die Gymnasiale Burschenschaft Germania Kiel, die am Samstag zur "Hatz" einluden - einer Veranstaltung, bei der die "pennale Mensur" stattfindet: Schüler treten mit stumpfen Säbeln und nackten Oberkörpern gegeneinander an. Ein "stern"-Reporter hat vor Jahren ein solches Duell beobachtet: "Und so dreschen die Kombatanten aufeinander ein, schlagen Hiebe, die 'Prim', 'Terz' oder 'Quart' heißen, bis die Oberkörper übersät sind von roten Striemen und blutenden Platzwunden."

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Pennale Mensur: Hatz mich, ich bin ein Burschenschafter
Alarmierender noch als diese Rituale ist die völkische und teilweise rechtsextreme Ideologie, die in der Szene wabert. Der Hamburger Verfassungsschutz stufte die Chattia Friedberg als rechtsextrem ein und stellte sie unter Beobachtung, die Fachinformationsstelle Rechtsextremismus in München warnt: Schülerverbindungen seien "erfolgreiche Vorfeldorganisationen" auch für völkische Burschenschaften.

"Radikalisierung beim burschenschaftlichen Nachwuchs"

Bildungspolitiker im Bundestag zeigen sich schockiert über die jungen Gestrigen - und warnen vor einer Radikalisierung der Jugend. "Ich bin sehr besorgt über diese Entwicklung", sagt Swen Schulz, hochschulpolitischer Sprecher der SPD. "Schüler sind häufig leichter verführbar - und das wissen auch Extremisten." Seine Kollegin Nicole Gohlke, Die Linke, warnt: "Die Radikalisierung beim burschenschaftlichen Nachwuchs und den Schüler-Burschenschaften muss alarmieren." Sie fordert von der Bundesregierung eine klarere Haltung zum Thema Burschenschaften und Rechtsextremismus.

Erst vor wenigen Monaten hatte die Regierung eine Linken-Anfrage beschwichtigend beantwortet: Es gebe keine hinreichenden Anhaltspunkte dafür, dass der Dachverband der "Deutschen Burschenschaft Bestrebungen verfolgt, die gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung gerichtet sind". Dabei hatten sich in eben jenem Dachverband gerade die völkischen Ideologen durchgesetzt. "Die Dominanz der Rechtsextremen" sei mehr als offenkundig, sagt die Abgeordnete, "die Bundesregierung ignoriert diese Tatsache dennoch beharrlich."

Der APR hat zwar nach eigenen Angaben nur 300 Mitglieder, doch deutschlandweit wird die Zahl der Schülerverbindungen auf 150 geschätzt. Viele sind weit weniger stabil als die studentischen Verbindungen, manche lösen sich nach der Schulzeit auf. Dennoch ruhen auf ihnen die Hoffnungen der traditionellen Burschenschaften - denn die sind überaltert und müssen um Nachwuchs bangen, wie interne Papiere offenbarten. So gewährten die Burschenschaften den Schülern oft Zugang zu ihren Häusern und unterstützten sie organisatorisch, heißt es bei der Fachinformationsstelle Rechtsextremismus.

Rekrutiert werden "männliche Jugendliche, welche die Hochschulreife anstreben", wie es im APR-Faltblatt heißt, einmal im Jahr treffen sie sich mit Gleichgesinnten beim "Pennälertag". Auch im Netz und bei Facebook werben die Schüler-Burschenschaften, die Einladung zur Hatz in Hamburg etwa war öffentlich. Laut Verfassungsschutz müssen die Gymnasiasten mindestens 16 Jahre alt sein, die bei der Chattia Friedberg mitmachen wollen.

Wenn es läuft wie vorgesehen, mündet die Mitgliedschaft bei einer Schülerverbindung in der Mitgliedschaft bei einer Burschenschaft. Das zeigt aktuell auch der Fall eines Sozialstaatssekretärs in Berlin, über den die Hauptstadtzeitungen berichten. Der Mann sagt sich demnach trotz vehementer Kritik nicht los von seiner Schülerverbindung und seiner Burschenschaft, deren Haus in der Szene auch "braune Wolfsschanze aus Zehlendorf" genannt wird, wie zuletzt die "Berliner Zeitung" schrieb.


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DPA

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insgesamt 108 Beiträge
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1. Vaterland
Maik33 07.04.2013
Was ist falsch daran, das Vaterland zu preisen? Was ist falsch an Ehre? Ich möchte einfach verstehen, was hier geschrieben wird. Heißt es in unserer Nationalhymne nicht: "Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland" ? Mit Beiträgen wie diesem Artikel macht ihr euch unglaubwürdig. Wieviele Türken oder Amerikaner oder Briten preisen Ehre und Vaterland? Auch eine Heranbildung zu Männlichkeit und Charakter, wie es sich viele Verbindungen auf die Fahnen schreiben halte ich für gut. Daran ist nichts auszusetzen. Mir ist auch persönlich keine Verbindung bekannt, bei der das in die falsche Richtung laufen würde.
2. Burschenschaften
Montanabear 07.04.2013
Das ist unter den besten Beiträgen, die ich je im Spiegel gelesen habe. Auch mir scheint es, als gäbe es Vereinigungen, die weitaus verfassungsfeindlicher sind, oder weniger freiheitsfeindlicher. Die Politiker geben sich natürlich lieber mit Anzugträgern ab, da sind die Reaktionen vorschaubar und weniger gewaltstrotzend. Und trotzdem kann man dann Kritik an diesen Verbindungen als Alibi dafür benutzen, dass man sich kümmert. Politiker, besonders von der linken Seite, verwechseln ihre Aufgabe mit Gouvernanten, die Kindern eine gewisse Weltanschauung eintrichtern und keine andere Zulassung. Politiker sollen den Staat führen, keine Gehirnwäsche vornehmen und fortwährend das Gesetz der freien Meinungsäusserung verletzen. Das ist hier so wie da.
3. Dem kann ich nur zustimmen.
wutentbrannt 07.04.2013
Zitat von sysopAlso ich hab mich nie dafuer interessiert in einer Burschenschaft mitzuwirken. Dazu bin ich sicher auch zu liberal und individualistisch. Aber ich hab trotzdem nichts gegen Burschenschaftler und einige Menschen die mir lieb und wert sind, sind ganz normale Leute und Mitglied in einer Burschenschaft. Mir machen diejenigen, die alles und jeden der anders denkt verbieten und marginalisieren wollen viel mehr Angst derzeit. Zumal das ja die Leute sind, die derzeit mit Erfolg nicht nur die Jugend radikalisieren gegen die freiheitliche Ordnung, Verhandlungsfreiheit, freien Handel und Maerkte, usw. Ich zweifle nicht, dass es auch unter Burschenschaften Neonazis gibt. Dass die aber in den Verbaenden nun die Oberhand gewinnen koennen ist sicher auch das Ergebnis der jahrzehntelangen Marginalisierung dieser urspruenglich fuer Freiheit und Demokratie einmal sehr wichtigen Gruppen. Die ASTA Groeler und Arafatlappentraeger haben jedenfalls kein Alternativprogramm anzubieten, dass wesentlich verfassungsfreundlicher waere. Etwas weniger Aufgeregtheit waere also angebracht. Wenn Leute da in solchen Netzwerkorganisationen das Fechten/Schlagen lernen wollen, geht das eigentlich niemanden sonst was an. Und wenn die dann beim Bier dem alten Kaiser Wilhelm nachweinen, sollte man vielleicht auf etwas mehr Humor bewahren. Da haben andere Gruppen schon deutlich mehr Schaden angerichtet...
Ich habe in Marburg studiert und durfte dabei feststellen, dass die "Verbinder" im Großen und Ganzen nur ihre Ruhe haben wollen, was aber leider Einige von der Philosophischen Fakultät so gar nicht akzeptieren wollen. Die Provokationen und Aggressionen gehen regelmäßig von diesen Linksextremen aus. Mehr Gelassenheit stünde ihnen - vor allen Dingen wegen der eigenen Einstellung zu Staat und Verfassung - gut zu Gesicht.
4. Tradition
bern.hard 07.04.2013
Auch Deutschland hat Traditionen die erhalten werden sollten. Die negative Presse gegen diese Kultur ist weder liberal noch weltoffen. Traditionen zu vetreufeln nur weil es "deutsche" sind ist wiederwärtig. Die Traditionellen, Konservativen in Deutschland sind eine klare Minderheit und Demokratien werden an ihrem Verhalten gegenüber Minderheiten gemessen. Was sagt diese Hetzkampanie wohl über unser System? Die Deutsche Geschichte begann nicht 1871. Diese Burschenschaften waren einst die ersten Demokraten und sie halten ihre jahrhunderte alte Tradition hoch. Daran ist nichts falsch.
5. Fechten
M. C. F. 07.04.2013
Naja wusste bisher nicht, dass man durch das "fechten" oder akademische Fechten etwas über die demokratische freiheitliche Grundordnung in Deutschland lernt. (Außerdem zur Selbstverteidigung nutzt diese Art des Fechtens auch nicht). Zudem wird, so legt es der Artikel nahe, auch noch eine besondere Art des akademischen Fechtens gelehrt. Den mit freiem Oberkörper. Es ist wohl wichtig zur Mannwerdung, dass man mit dem Schutz von maximal "einer" wichtigen Ader sich im Zweikampf gegenüber steht. Aber natürlich die, die das nicht tun sind Weicheier und keine echten Männer. Der Schaden am Körper und dem Geist der naiven Kinder ist nicht zu ermessen. Heldenhaftes Verhalten lässt sich nicht lehren, schon gar nicht durch so etwas. Es tut mir leid auch wenn "die Burschenschaften" vor über 100 Jahren mal für Freiheit und Demokratie standen, so seit ihr es heute nicht mehr! Auch wenn ich euch Verbindungen Chors oder eben Burschenschaften nennt. Der mief des rechtsradikalen der euch allen anhaftet hat eure einst hegeren Ziel vergiftet. Auch wenn es einzelne Ausnahmen geben mag, wer der Wahrheit ins Auge blickt muss sich selbst eingestehen, dass in diese Vereinigungen doch eher verkrachte Existenzen gehen, Entweder gezwungen vom Vater, vom Patriotismus getriebene, rechtsradikale und Dumme die an die verbreitete Lüge glauben. Nur ein normaler Mensch wird ohne Not niemals an einem Kampf mit Schwertern teilnehmen. Ein Held entsteht erst aus dir Situation heraus, er kann nicht zu einem solchen gemacht werden.
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