Pfefferspray auf kalifornischem Campus: Uni-Kommission verdammt Reizgas-Einsatz

Von

Sie zielten mitten ins Gesicht: Die Pfefferspray-Attacke von Polizisten auf dem Campus der University of California löste heftige Proteste aus. Jetzt kritisiert eine Untersuchungskommission den "exzessiven Einsatz von Gewalt gegen friedliche Studenten".

Pfefferspray auf dem Campus: "Exzessive Gewalt gegen Studenten" Fotos
AP

Wenn John Pike die Ereignisse vom letzten November schildert, klingt das fast ein wenig nach Bürgerkrieg: Er und seine Kollegen, sagt der Polizist, hätten auf dem Campus der Universität von Kalifornien in Davis Pfefferspray einsetzen müssen, "um eine feindliche Menge durchbrechen zu können". Eine feindliche Menge? Auf Videos, die schnell nach dem Vorfall im Internet kursierten, sieht das ganz anders aus.

Zu sehen sind studentische Demonstranten, die auf dem Campus auf einem Weg sitzen. John Pike, in voller Einsatzmontur, sprüht ihnen orangefarbenen Pfefferspray direkt in die Gesichter und schreitet dabei ruhig die Reihe der Demonstranten ab, während ein Kollege drohend seinen Schlagstock zieht. Die Attackierten winden sich und ziehen die Köpfe ein, Umstehende skandieren "Shame on you!", "Schämt euch!" Elf Menschen mussten anschließend wegen geschwollener Augen und anderer Auswirkungen des Sprays behandelt werden, zwei kamen vorübergehend ins Krankenhaus.

Drei Beurlaubungen, eine Entschuldigung der Kanzlerin

Zu den Protesten war es gekommen, nachdem Demonstranten auf dem Campus ein Zeltlager errichtet hatten, um damit die Occupy-Bewegung zu unterstützen und gegen soziale Ungleichheit zu demonstrieren. Zusätzlich erklärten sie ihre Solidarität mit Studenten am Uni-Standort Berkeley, wo es zuvor einen Schlagstock-Einsatz von Polizisten gegen Demonstranten gegeben hatte. Nach der umstrittenen Pfefferspray-Attacke waren die Chefin der Campus-Polizei und zwei Polizisten beurlaubt worden, Studenten und Dozenten forderten außerdem den Rücktritt von Kanzlerin Linda Katehi, die den Campus in Davis leitet.

Kanzlerin Katehi hatte die Räumung eines Zeltlagers der Demonstranten zwar angeordnet, lehnte einen Rücktritt aber ab und zeigte sich nach den Vorfällen schockiert. Die Räumung sollte "friedlich und ohne Zwischenfälle" geschehen, wird die Kanzlerin in der Zeitung "The Sacramento Bee" zitiert. Katehi zeigte sich über die Pfefferspray-Attacke entsetzt: "An so einer Uni will ich nicht Kanzlerin sein", sagte sie bei einer Ansprache auf dem Campus wenige Tage danach. Und sie versprach, eine Task Force aus Studenten, Dozenten und Mitarbeitern mit der Untersuchung der Vorfälle zu beauftragen.

"Überhaupt keinen Grund, Pfefferspray zu benutzen"

Den Bericht dieser Kommission legte die Universität jetzt vor - mit klaren Ergebnissen. "Offensichtlich ungerechtfertigt" sei der Einsatz von John Pike und seinen Kollegen gewesen, auch seien die Sicherheitskräfte der Campus-Polizei gar nicht autorisiert gewesen, gegen die Studenten vorzugehen. Und: Sie hätten ungewöhnlich große Reizgas-Behälter eingesetzt, die nicht auf dem Campus zugelassen waren. "Es gab wirklich überhaupt keinen Grund, Pfefferspray zu benutzen", sagte Cruz Reynoso, früherer Kalifornischer Verfassungsrichter und Vorsitzender der Task Force, der Nachrichtenagentur AP. John Perez, Sprecher des kalifornischen Unterhauses und selbst Mitglied im Beirat der University of California, kritisierte den "exzessiven Einsatz von Gewalt gegen friedliche Studenten" scharf.

Der Vorfall vom November, schreiben die Autoren des Berichts, belege mangelhafte Planungs-, Kommunikations- und Entscheidungsprozesse innerhalb der Universitätsverwaltung - von der Kanzlerin an der Spitze bis hinunter zu den einzelnen Polizisten. So hätte etwa die Räumung der Zelte ursprünglich um drei Uhr nachts stattfinden sollen; tatsächlich fand sie jedoch um drei Uhr nachmittags statt, so dass es die Sicherheitskräfte mit viel mehr Studenten zu tun hatten als ursprünglich geplant, berichtet die "New York Times". Obendrein sei die Rechtslage für die Räumung unklar.

Kanzlerin Linda Katehi kündigte in einer Stellungnahme an, die Empfehlungen des Berichts möglichst bald in einem Aktionsplan umzusetzen, "der die Sicherheit und das Recht auf freie Meinungsäußerung für jeden Studenten" sicherstelle. Die Universität solle auch in Zukunft "ein Modell für Toleranz, Zusammenhalt und konstruktiven, lebendigen Dialog" sein. Zu den Rücktrittsforderungen äußerte sie sich nicht.

Mit Material von AP

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Orangefarbenes pfefferspray??
ostanleger 12.04.2012
Zitat von sysopAPSie zielten mitten ins Gesicht: Die Pfefferspray-Attacke von Polizisten auf dem Campus der University of California löste heftige Proteste aus. Jetzt kritisiert eine Untersuchungskommission den "exzessiven Einsatz von Gewalt gegen friedliche Studenten". http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,827154,00.html
Was will man von einem land erwarten, das chemische kriegsführung in Vietnam betrieb, bis die dort lebenden menschen schlimmste krankheiten bekamen (wenn sie es überlebten), mit einem entlaubungsmittel das agent orange hiess? Dass sie orangefarbenes pfefferspray einsetzen, ist doch angemessen makaber. Im ernst: wann haben sich die Amerikaner je für die menschenrechte im eigenen land starkgemacht? Bei der ausrottung der ureinwohner? Beim Chinese Exclusion Act? Bei der Rassentrennung? Oder beim gefühlte-notwehr-(un)recht? In anderen ländern sind sie immer dann für menschenrechte, wenn es ihren eigenen interessen nützt.
2. Das hat aber lange gedauert …
wika 12.04.2012
… dies offiziell zu verlautbaren, wo die Bilder schon eine deutliche Sprache sprechen. Immerhin hat es Officer Pike inzwischen zu einer Berühmtheit gemacht. Dessen nicht genug, wir können heute völlig neue Auffassungen von Meinungsfreiheit mit diesem Ereignis verbinden: Meinungsfreiheit korrekt interpretiert (http://qpress.de/2011/11/22/meinungsfreiheit-soll-verscharft-werden/) … eine bitterböse Abrechnung mir dieser Causa. Und wir haben da wohl noch lange nicht das Ende der Fahnenstange erreicht. Verschärftes Vorgehen gegen Occupy in den letzten Monaten, feine neue NDAA Gesetze (Ermächtigungen) in den Staaten … da kommt noch einiges mehr auf uns zu, leider wenig freiheitlich orientiert, eher genau das Gegenteil. Ist es jetzt schon so weit? Fängt das Imperium an zurückzuschlagen?
3. Ja, ja, die Amerikaner
U. Gabriel 12.04.2012
Zitat von ostanlegerWas will man von einem land erwarten, das chemische kriegsführung in Vietnam betrieb, bis die dort lebenden menschen schlimmste krankheiten bekamen (wenn sie es überlebten), mit einem entlaubungsmittel das agent orange hiess? Dass sie orangefarbenes pfefferspray einsetzen, ist doch angemessen makaber. Im ernst: wann haben sich die Amerikaner je für die menschenrechte im eigenen land starkgemacht? Bei der ausrottung der ureinwohner? Beim Chinese Exclusion Act? Bei der Rassentrennung? Oder beim gefühlte-notwehr-(un)recht? In anderen ländern sind sie immer dann für menschenrechte, wenn es ihren eigenen interessen nützt.
Wenn Sie schon historisch werden, werfen Sie doch bitte einmal einen Blick in die deutsche Geschichte und überlegen dann, was die Bewohner dieses Planeten über "die Deutschen" posten könnten. Da müssen sich "die Amerikaner" aber tüchtig anstrengen, bis sie den "bodycount der Deutschen" erreichen. Ich würde mich auch z.B. auch dagegen verwahren, wenn jemand zu meinen Lasten "die Deutschen" bashen würde, weil ein paar killende Neonazis zu Mördern werden. Aber wenn e i n amerikanischer Polizist Tränengas einsetzt, anstatt die Damen und Herren Demonstrantinnen und Demonstranten wegzutragen, die rechtswidrig irgendwo herumsitzen, ist wieder gleich die gesamte amerikanische Bevölkerung dran. Glückwunsch zu Ihrer differenzierten Betrachtungsweise!
4. Sitzblockaden sind Nötigung
heiko_2012 12.04.2012
Die Wortgruppe "friedliche Demonstranten" ist eine Frechheit, weil diese Leute per Sitzblockade anderen Menschen ihre Meinung aufdrücken. Das ist Nötigung und hochgradig Arrogant. Warum können die nicht so demonstrieren, das sie zwar jeder sieht, aber sie dürfen dabei keinen anderen aktiv stören. Das wäre auch taktisch sinnvoll, denn wenn sich mir Leute in den Weg setzen und mich nicht vorbeilassen, sind die Leute mir aus Prinzio unsympathisch - egal für welche Sache sie sind. Demos per Sitzblockade ist Nötigung und arrogant. Das muß nicht sein. Insofern ist die Aktion der Polizei schon verständlich.
5. Nur zur Info
Heinz-und-Kunz 12.04.2012
Zitat von ostanlegerWas will man von einem land erwarten, das chemische kriegsführung in Vietnam betrieb, bis die dort lebenden menschen schlimmste krankheiten bekamen (wenn sie es überlebten), mit einem entlaubungsmittel das agent orange hiess? Dass sie orangefarbenes pfefferspray einsetzen, ist doch angemessen makaber. Im ernst: wann haben sich die Amerikaner je für die menschenrechte im eigenen land starkgemacht? Bei der ausrottung der ureinwohner? Beim Chinese Exclusion Act? Bei der Rassentrennung? Oder beim gefühlte-notwehr-(un)recht? In anderen ländern sind sie immer dann für menschenrechte, wenn es ihren eigenen interessen nützt.
Seit den 1860er Jahren: -Civil Rights Act -Thirteenth Amendment to the United States Constitution -Fourteenth Amendment to the United States Constitution
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Studium
RSS
alles zum Thema Occupy-Proteste
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 14 Kommentare

Fotostrecke
Proteste gegen Sparkurs: Verhaftungen an Elite-Uni Berkeley