Pfundige Idee: Großbritannien plant Studienplätze für Extra-Reiche
Britische Unis sollen künftig zusätzliche Studenten aufnehmen dürfen - wenn die bis zu dreimal höhere Studiengebühren zahlen. Das neue Modell diene der sozialen Gerechtigkeit, argumentiert die Regierung. Kritiker sagen: Künftig gelte Herkunft mehr als Hirn.
London - Man kann nicht behaupten, dass sich die liberalkonservative britische Regierung seit ihrem Start vor einem Jahr bei den Studenten sonderlich beliebt gemacht hat. Im vergangenen November kam es zu heftigen Straßenschlachten mit der Polizei, Aktivisten besetzten die Parteizentrale der konservativen Tories. Sogar Prinz Charles bekam die Wut der Studenten zu spüren, die die happige Anhebung der Studiengebühren stoppen wollten.
Am Ende nutzte alles nichts: Die Koalition zog ihre Hochschulreform durch, kürzte das Lehrbudget um durchschnittlich vier Fünftel und zwang die Unis dazu, die Studiengebühren von rund 3000 Pfund auf bis zu 9000 Pfund im Jahr für Bachelor-Studiengänge anzuheben. Insgesamt spart die Regierung des hochverschuldeten Landes auf diese Weise 2,9 Milliarden Pfund an den Hochschulen ein - Jahr für Jahr.
Nun sorgen die neuesten Pläne der britischen Regierung für erheblichen Unmut im Königreich: Sie will Studienplätze an den besten Universitäten des Landes wie Oxford oder Cambridge exklusiv für Reiche schaffen. Der zuständige Staatssekretär David Willets bestätigte am Dienstag einen entsprechenden Bericht im "Guardian". Willets betonte, dass die Idee für mehr soziale Gerechtigkeit sorgen werde. Schließlich steige die Gesamtzahl der Studienplätze und das erhöhe die soziale Mobilität, so der Politiker.
Extraplätze für rund 32.000 Euro im Jahr - im Voraus zu zahlen
Bislang schreibt die Regierung jeder Universität vor, wie viele Studienplätze sie anbieten darf und fördert die Hochschulen entsprechend. In Zukunft sollen die Unis für Sprösslinge wohlhabender Familien zusätzliche Studienplätze schaffen dürfen - zu erhöhten Studiengebühren, die auch Ausländer zahlen müssen. Das bedeutet etwa für ein Medizinstudium 28.000 Pfund (rund 32.000 Euro) pro Jahr. Ein normaler Studienplatz kostet dagegen etwa 9000 Pfund.
Die neue Regelung würde es gerade den Kindern Wohlhabender ermöglichen, an ihrer Wunschuniversität zu studieren. Denn die ohnehin bis zu dreimal höheren Gebühren dürften auch nicht nachgelagert erhoben werden, sondern müssten im Voraus bezahlt werden - eine Belastung, die sich nur ein kleiner Prozentsatz der Bevölkerung leisten kann.
Opposition und Bildungsgewerkschaften gehen gegen die Pläne auf die Barrikaden: "Wir riskieren, in Zeiten zurückzufallen, in denen die Herkunft wichtiger war als das Hirn", sagte die Generalsekretärin der University and College Union, Sally Hunt. Kinder aus wohlhabenden Familien könnten sich schlicht in ihre Lieblingsuniversität einkaufen.
Das Haus beleihen, damit das Kind studieren kann?
Pikant an dem Vorhaben ist die Tatsache, dass die Regierung gleichzeitig rund zehntausend öffentlich geförderte Studienplätze streicht - und das bei einem erwarteten Anstieg der Bewerberzahlen für kommenden Herbst um 2,1 Prozent. Die Extraplätze für Extrareiche sind denn auch nur eine Maßnahme von insgesamt dreien angedachten. Zudem sollen Firmen verstärkt maßgeschneiderte Studiengänge für ihre Mitarbeiter finanzieren und private Stiftungen die Möglichkeit erhalten, zusätzliche Plätze für Bedürftige zu fördern.
Die Regierung verteidigt ihre Pläne gerade mit dem Verweis auf die knapper werdenden Studienplätze. Ihre Argumentation: Studienanfänger, die die teuren Extraplätze wählen, erhalten auch keine staatlich geförderten Kredite für Studiengebühren. Die staatlichen Haushalte würden also nicht einmal vorübergehend belastet, und mehr der öffentlich geförderten Plätze blieben für Studienanfänger aus ärmeren Familien verfügbar - denn sie würden ja nicht von den Kindern der Oberschicht belegt.
Kritiker können dieser Logik nicht folgen. Der Bildungsexperte der oppositionellen Labour-Partei, John Denham, befürchtet stattdessen einen ganz anderen Effekt: Gerade Familien aus der Mittelschicht würden alles versuchen, um ihren Kindern die beste Bildung zu ermöglichen. Dem "Guardian" sagte Denham: "Sie würden vor der schrecklichen Wahl stehen, entweder mehr Geld aufzutreiben, sei es durch Kredite oder eine Hypothek auf das Haus - oder das Gefühl zu haben, ihre Kinder zu verraten."
fdi/dpa
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