Bundesverwaltungsgericht: Rechtmäßiger Doktortitel darf zur Strafe entzogen werden

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Bundesverwaltungsgericht in Leipzig: Star-Physiker verliert Doktortitel zu Recht

Auch wenn die Doktorarbeit sauber war, kann man den Titel wieder verlieren: Das entschied jetzt das Bundesverwaltungsgericht. Einem einstigen Star-Physiker war demnach zu Recht der akademische Grad entzogen worden, weil er in seiner späteren Laufbahn massiv Daten manipuliert hatte.

Doktortitel währen nicht zwangsläufig für immer: Wer sich im Nachhinein als unwürdig erweist, dem darf auch ein rechtmäßig erworbener Titel wieder aberkannt werden. Zum Beispiel, wenn ein Wissenschaftler in seiner späteren Laufbahn Forschungsergebnisse manipuliert und damit grobes wissenschaftliches Fehlverhalten an den Tag legt. Dies entschied das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig.

Hintergrund war der Fall des Physikers Jan Hendrik Schön. Bereits 2004 hatte ihm die Universität Konstanz den Doktortitel entzogen, nachdem herauskam, dass er in 25 seiner Aufsätze Daten manipuliert hatte. Schön hatte gegen den Titelentzug geklagt - das Leipziger Gericht bestätigte nun jedoch die Vorschriften des baden-württembergischen Hochschulrechts, wonach auch ein redlich erworbener Hochschulgrad "entzogen werden kann, wenn sich der Inhaber durch sein späteres Verhalten der Führung des Grades als unwürdig erwiesen hat".

Dem Urteil zufolge erweist sich ein Titelinhaber dann als unwürdig, wenn er "den mit der Verleihung begründeten Vertrauensvorschuss im Hinblick auf ein wissenschaftskonformes Arbeiten durch gravierende Verstöße gegen die Grundsätze guter wissenschaftlicher Praxis enttäuscht hat". Zu gravierenden Verstößen gehören demnach vor allem das "Erfinden, Fälschen oder Manipulieren von Forschungsergebnissen".

Physiker war für den Nobelpreis gehandelt worden

Schön, Jahrgang 1970, war im Januar 1998 von der baden-württembergischen Universität Konstanz zum Doktor der Naturwissenschaften promoviert worden. Später arbeitete er bei den Bell-Labors in den USA. Wegen seiner spektakulären Ergebnisse wurde er bereits als Kandidat für den Nobelpreis gehandelt und sollte Direktor bei der renommierten Max-Planck-Gesellschaft werden.

Doch dann enthüllte Bell im Jahr 2002 ebenso spektakuläre Fälschungen: In 25 Ausarbeitungen aus den Jahren 1998 bis 2002 habe der Physik-Star die Originaldaten der beschriebenen Experimente nicht systematisch archiviert sowie mehrfach Daten manipuliert und falsch dargestellt. Bell beendete daraufhin die Zusammenarbeit mit Schön. Im Juni 2004 entzog die Universität Konstanz ihm den von ihr verliehenen Doktorgrad. Sie stützte sich dabei auf eine Vorschrift des baden-württembergischen Hochschulrechts, nach der ein Hochschulgrad entzogen werden kann, wenn sich der Inhaber durch sein späteres Verhalten der Führung des Grades als unwürdig erwiesen hat. Hierzu führte die Universität Schöns Fehlverhalten als Forscher in den USA an.

Auch in der Wissenschaftsszene war kontrovers diskutiert worden, was es bedeutet, wenn ein korrekt erworbener Titel für ein späteres Fehlverhalten aberkannt werden kann. Schön legte Widerspruch ein - ohne Erfolg.

Az: 6 C 9.12


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1.
üpoiu 01.08.2013
Zitat von sysopAuch wenn die Doktorarbeit sauber war, kann man den Titel wieder verlieren: Das entschied jetzt das Bundesverwaltungsgericht. Einem einstigen Star-Physiker war demnach zurecht der akademische Grad entzogen worden, weil er in seiner späteren Laufbahn massiv Daten manipuliert hatte. Physiker verliert Doktortitel wegen späteren Vergehen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/physiker-verliert-doktortitel-wegen-spaeteren-vergehen-a-914234.html)
So jetzt sollten sich die Plagiatsjäger gut überlegen, ob sie in ihrer wissenschaftlichen Laufbahn alles korrekt gemacht haben, denn es könnte ja sein, dass sich ein gejagter nach Titelentzug rächen will und in der gesamten wissenschaftlichen Vergangenheit des Jägers wühlt.
2. optional
Juergen Ranke 01.08.2013
Dann sollten aber auch manche Doktoren den Titel aberkannt bekommen, die durch Weglassen negativer Ergebnisse in der Pharmaforschung, angeblich wichtige Fortschritte gemacht haben.
3. Wegen wissenschaftlichen Fehlverhaltens noch akzeptabel
An-On 01.08.2013
Da der Doktorgrad die wissenschaftliche Qualifikation repraesentiert, ist die Aberkennung eines korrekt erworbenen Grades aufgrund von wissenschaftlichem Fehlverhalten noch akzeptabel. Voellig unangebracht ist allerdings die (ebenfalls moegliche) Aberkennung aufgrund einer Verurteilung in einem Strafprozess, z.B. wegen Betruges oder Verkehrsvergehen. Hier spiegelt sich noch die altmodische Sicht, dass Akademiker auch moralische Vorbilder oder bessere Menschen sein sollen. Es waere schoen, wenn diese Frage mal von einem Gericht behandelt wuerde.
4. Der Betrug existiert dennoch
rolfmueller 01.08.2013
Bei Prominenten, und insbesondere Politikern, funktioniert das kaum; die öffentliche Diskussion lässt sich damit nicht unterdrücken. Das ist auch gut so, denn die Täuschung und der Betrug in der Dissertation verschwinden nicht, nur weil die Vorwürfe anonym gemacht werden. Es kann ehrenwerte Gründe geben, sich oder seine Familie schützen zu wollen.
5. irrwitzige ideen
petrasha 01.08.2013
ich kann nicht glauben, was hier für ideen geboren werden. das ist wohl mehr als irrwitzig. eine einmal abgelegte arbeit darf doch wohl nicht zur sachlage kommen, einem verfasser dies streitung zu machen. wo kommen wir da hin. wo fangen wir an, wo hören wir auf. das schreit ja geradezu nach fehlbeurteilungen.
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