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Zwischenruf einer Studentin: "Ein Ossi ist kein Ossi"

Wütender Zwischenruf: Wann wächst Deutschland endlich zusammen? Fotos
DPA

Lange Zeit sah sie sich einfach als Deutsche, dann zog sie zum Studium nach Bayern. Und plötzlich war sie der Ossi, der nur ekelige Biermischgetränke trinkt und Bananen allenfalls vom Hörensagen kennt - 23 Jahre nach der Einheit. Wann, fragt sie sich, hört das endlich auf?

Ich bin 22 Jahre alt und hatte mit der DDR nie direkt zu tun. Schließlich bin ich 1991 im vereinigten Deutschland geboren und lediglich im ehemaligen DDR-Gebiet aufgewachsen. Ich weiß nicht, wie es ist, nicht sagen zu dürfen, was ich sagen möchte. Mir nicht kaufen zu können, was ich mir woanders kaufen könnte. Nicht in interessante Länder reisen zu dürfen. Ich sah mich immer als normale Deutsche, nicht anders deutsch als ein Baden-Württemberger oder Niedersachse.

Ich kann mich nicht an negative Kommentare aus meiner Familie über "Wessis" erinnern - auch wenn wir nicht besonders viel Kontakt zu Westdeutschen hatten. Freunde und Bekannte äußerten hin und wieder Vorurteile über die "arroganten Wessis". Erst als ich etwas älter war, schritt ich ein. "Woher wollt ihr das wissen? Weil ihr vielleicht mal ein paar Westdeutsche kennengelernt habt und die so waren? Das heißt doch nicht, dass alle so sind."

Umgekehrt hörte ich solche Kommentare früher nur ab und an im Fernsehen, auch wenn dort sicher nicht dauernd gegen "Ossis" geschimpft wurde. Verstanden habe ich es nie. Es gibt keine BRD und DDR mehr, warum also nach "Ossi" und "Wessi" trennen?

Insgesamt hat ein Ost-West-Denken mein Leben aber bis vor kurzem kaum beeinflusst. Dann zog ich nach Bayern.

Im vergangenen Jahr habe ich dort ein Studium angefangen. Ich wäre gern in meiner Heimat geblieben, aber mein Freund und ich wollten am selben Ort leben; und in Bayern lassen sich unsere beruflichen Interessen am besten vereinen.

Und immer wieder diese "Ossi"-Witze

Hier erlebte ich immer wieder Momente, die mich schockierten, obwohl meine Kommilitonen wie ich nach der deutschen Einheit geboren wurden. Ich werde nicht direkt angegriffen oder bepöbelt. Es gibt aber immer wieder diese Situationen, die ich anfangs für ein Missverständnis hielt - halten wollte. Immer wieder diese kleinen Sticheleien. Diese Blicke. Diese unangenehme Stille. Bilde ich mir das alles nur ein? Stelle ich mich an? Ich befürchte: Nein.

So führte mein Freund mal auf einer Party ein angenehmes, lockeres Gespräch, bis er gefragt wurde, woher er kommt. Seine Antwort ließ das Gespräch schnell enden. Ich sagte ihm, dass er sich getäuscht habe, dass er sich das nur einbilde, dass es sicher an etwas anderem gelegen habe. Aber mein Partner beharrte darauf: Der Kommilitone wandte sich erst ab, nachdem er erfahren hatte, woher mein Freund kommt.

Einige Wochen später, eine ähnliche Situation: Mein Freund und ich unterhielten uns ganz normal mit einem jungen Studenten - bis wir unsere Herkunft erwähnten. Dann dieser Blick. Danach folgten nur noch wenige Worte. Es lag eine unangenehme Spannung in der Luft, nichts Greifbares, nur ein Gefühl, ein unangenehmes Gefühl. Später auf dieser Party sprachen einige Studenten über "ekelige" Biermischgetränke, die eh nur die "Ossis" trinken, weil sie ja sonst nichts hätten.

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Umfrage unter jungen Deutschen: Wie hältst du es mit dem Osten?
Eine andere Kommilitonin postete mal ein Foto eines sehr üppigen Frühstücks auf Facebook, aufgenommen war das Bild in Leipzig. Daraufhin kommentierte ein Freund von ihr: Im Osten sei das Frühstück noch knapp. Sie erwähnte daraufhin die berühmten seltenen Bananen. Ich war so wütend. Das sagte ich ihr dann auch.

Sie entschuldigte sich, sagte, dass es witzig gemeint gewesen sei. Sie verstand, was mich störte: Sie kommt gebürtig aus Südamerika, wuchs aber in Deutschland auf. Sie kennt die Sprüche à la: Gibt es in deiner Heimat überhaupt Strom? Ärzte? Auch sie trifft das - selbst wenn es lustig gemeint sein soll.

"Unprofessionell, diskriminierend und populistisch"

Im Fernsehen lief vor Wochen die "TV Total Bundestagswahl". Ich habe kein besonders hohes Niveau erwartet, und auch die bissigen und politisch inkorrekten Sprüche gehören natürlich dazu. Aber als es über die neuen Bundesländer hieß, sie hätten erst seit kurzem Telefone und müssten sich erst an die Wahlfreiheit gewöhnen, war ich sprachlos.

23 Jahre nach der Einheit. In einer Sendung, die junge Menschen über Politik informieren möchte. Wo kann so ein Spruch deplatzierter sein als dort?

Danach suchte ich nach Informationen zur Diskriminierung Ostdeutscher. Ein Artikel befasste sich mit der Klage einer Frau, deren Bewerbung mit der Kennzeichnung "(-) Ossi" abgewiesen wurde. In den Kommentaren unter dem Text standen gemeinste Beleidigungen gegenüber Menschen aus Ostdeutschland. Und immer wieder die Frage, warum sich eigentlich immer so viele Ostdeutsche über die "Ossi-Witze" aufregen.

Weil es einfach nicht korrekt ist. Wenn ein Sachse einen Spruch über den sächsischen Dialekt hört, lacht er mit, weil er Sachse ist. Wenn ein Ostfriese einen Spruch zu seiner Wortkargheit hört, kontert er wortkarg und lächelt. Warum? Weil sie sich damit identifizieren.

Aber ein "Ossi" ist kein "Ossi". Diese Bezeichnung bezieht sich meist eben nicht nur auf die geografische Herkunft, sondern auch auf den historischen Kontext. Mit der Realität hat der Begriff nur noch sehr wenig zu tun. Warum verhöhnt man Menschen auch noch, nachdem sie jahrelang mit vielen Einschränkungen leben mussten?

Junge Menschen, wie ich, möchten einfach nur leben wie andere junge Deutsche auch - in der Gegenwart, nicht in der Vergangenheit. Und wir wollen nicht für die erlittenen Demütigungen unserer Eltern weiter gedemütigt werden.


Die Autorin, eine 22-jährige Studentin, hat bereits 2009 ihr Abitur in Brandenburg gemacht und danach erst eine Ausbildung absolviert. Inzwischen studiert sie glücklich VWL in Bayern. Bisher hat sie nur einen weiteren Brandenburger an der Uni kennengelernt - und sich über den gewohnten Klang des heimischen Dialekts sehr gefreut.

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