Frankreich: Großrabbiner stürzt über Plagiatsaffäre

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Ex-Großrabbiner Bernheim: Bei anderen Autoren abgekupfert

Der französische Großrabbiner Gilles Bernheim legt sein Amt nieder. Er hatte zugegeben, für seine Werke die Texte von mehreren Schriftstellern kopiert zu haben. Damit nicht genug: Offenbar hatte er auch seinen akademischen Grad in Philosophie nur erfunden.

Paris - Der Oberrabbiner von Frankreich, Gilles Bernheim, gibt sein Amt wegen Plagiatsvorwürfen ab. Bernheim sei ab sofort "beurlaubt", heißt es von der Vollversammlung der Rabbiner Frankreichs.

Der 60-jährige Oberrabbiner stand seit längerem im Mittelpunkt einer Plagiatsaffäre: Er hatte zugegeben, in etlichen Schriften und auch in seinen Büchern bei anderen Autoren abgekupfert zu haben.

Die ersten Plagiatsvorwürfe waren Anfang März laut geworden, als ein Blogger nachweisen konnte, dass eine Passage aus Bernheims Buch im Original von dem Philosophen Jean-Francois Lyotard stammt. Kurze Zeit später musste Bernheim zugeben, dass er für sein Werk "Quarante méditations juives" einen Studenten als Ghostwriter engagiert hatte.

Auch in seinem nur 15-seitigen Essay "Homo-Ehe, Homo-Elternschaft und Adoption: Was man dabei oft zu sagen vergisst" wies ein französischer Plagiatsjäger zahlreiche wörtliche Übernahmen eines katholischen Priesters nach. Der Text erregte kurzzeitig Aufmerksamkeit, weil der damalige Papst Benedikt XVI. aus jenem Bernheim-Essay gegen die Homo-Ehe zitierte.

Bernheim: Ich wollte meine Bewunderer nicht enttäuschen

Bernheim hatte zunächst abgestritten, bei anderen Autoren abgeschrieben zu haben und sprach stattdessen von "Anleihen". Medien, die über die Affäre berichteten, warf er "Lynchjustiz" vor. Einen Rücktritt hatte er Anfang der Woche noch mit der Begründung abgelehnt, dies wäre wie eine "Fahnenflucht".

Außerdem unerfreulich für Bernheim: Auch ein hoher akademischer Grad in Philosophie, der in verschiedenen seiner Lebensläufe vermerkt und außerdem in den Klapptexten einiger Bücher zu lesen ist, scheint nur eine Erfindung zu sein.

Dazu erklärte Bernheim, der akademische Grad sei eine Schmeichelei, die ihm wohl während seiner Kandidatur für das Großrabbineramt angedichtet worden wäre. Er habe das nie dementiert, um seine Bewunderer nicht zu enttäuschen. Bernheim war 2008 für sieben Jahre zum Oberrabbiner Frankreichs gewählt worden. Sein Amt trat der damalige Rabbiner der Großen Synagoge von Paris 2009 an. In Frankreich galt Bernheim als religiöse und intellektuelle Autorität.


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jon/AFP/AP

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