Anonymer Schavan-Ankläger: "Ich wollte das nicht unter den Tisch fallen lassen"

Will er im Alleingang eine Ministerin stürzen? In seinem ersten Interview erklärt der anonyme Ankläger hinter der Seite "schavanplag", was ihn antreibt, warum er an den Titelentzug glaubt - und wieso er sich über die Mehrheitsentscheidung der VroniPlag-Rechercheure hinwegsetzte.

Hinter schavanplag verbirgt sich eine Person, die sich in Faxen "Robert Schmidt" nennt, aber anders heißt. Sie ist seit längerem Mitglied im Recherchenetzwerk VroniPlag, aber nicht einmal ihre VroniPlag-Mitstreiter kennen seinen oder ihren echten Namen.

Mit einem kurzen Verweis auf die Web-Seite schavanplag.wordpress.com setzt "Schmidt" am Donnerstag einen Plagiatsverdacht gegen die Doktorarbeit "Person und Gewissen" der Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) in die Welt. die Person hinter schavanplag gab SPIEGEL ONLINE ein schriftliches Interview zu Motiven und Hintergründen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Mitglied von VroniPlag, einem losen Verbund selbsternannter Plagiatsjäger. Bereits im Dezember begannen Sie mit der Recherche an der Dissertation "Person und Gewissen" von Annette Schavan (CDU). Wie viele Personen waren noch beteiligt?

schavanplag: Es waren nur wenige.

SPIEGEL ONLINE: Nach den Plagiatsfällen Koch-Mehrin, Chatzimarkakis und Mathiopoulos war es ruhiger geworden. Nun hatte VroniPlag wieder eine Politikerin aufs Korn genommen. Gab es einen Anfangsverdacht?

schavanplag: Nein. Ich hatte erwartet, dass Frau Schavan das Thema der Arbeit souverän behandelt hätte und war ziemlich überrascht, als ich sofort auf die ersten Stellen stieß, die in ähnlicher Form auch in den angegebenen Quellen stehen, ohne dass sie korrekt darauf verwiesen hätte.

SPIEGEL ONLINE: Die Mitglieder von VroniPlag stimmten ab, was mit den Ergebnissen der Schavan-Recherche geschehen soll - und eigentlich war die Mehrheit dagegen, die Ministerin bloßzustellen. Warum haben Sie im Alleingang veröffentlicht?

schavanplag: Es war eine knappe Entscheidung; ich halte es aber für belegbar, dass Frau Schavan plagiiert hat, wenn auch in geringerem Ausmaß als andere. Ich wollte das nicht unter den Tisch fallen lassen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie vor der Veröffentlichung des Plagiatsvorwurfs andere Meinungen eingeholt?

schavanplag: Ich habe niemanden explizit gefragt. Da der Fall immer auf der Kippe stand, bin ich allerdings im Vorhinein darin bestärkt worden, ihn selbst zu veröffentlichen, sollte es keine Mehrheit geben.

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schavanplag: Ich begrüße es, dass die Universität umgehend reagiert hat und eine Sitzung des Promotionsausschusses einberufen wurde.

SPIEGEL ONLINE: VroniPlag fand auf 10 Prozent der Seiten unsaubere Zitierweisen und so gut wie keine Eins-zu-eins-Übernahmen ohne Quellennennung. Sie geben 17 Prozent fragwürdige Seiten an - rechnen Sie bei der dünnen Beweislage ernsthaft mit einem Titelentzug?

schavanplag: Ich hoffe, dass der Promotionsausschuss eine Überprüfung der Dissertation in die Wege leitet. Vielleicht werden ja noch einige Quellen gefunden, die ich nicht entdeckt habe.

SPIEGEL ONLINE: Frau Schavan hat verlangt, dass Sie sich zu erkennen geben. Welche Reaktion erwarten Sie von der Bildungsministerin?

schavanplag: Ich fände es hilfreich, wenn sie ihrer Ankündigung, zu Aufklärung beitragen zu wollen, Taten folgen lässt. Sie könnte damit anfangen zu erklären, warum sie bei den von mir aufgeführten Stellen auf den Seiten 75 und 76 nicht abgeschrieben hat. Dortige Ausführungen können durch die sehr spezielle Wortwahl eindeutig einer Quelle zugeordnet werden, die in der gesamten Arbeit nicht erwähnt wird.

SPIEGEL ONLINE: Warum suchen Sie überhaupt in Doktorarbeiten nach Plagiaten?

schavanplag: Bei mir ist es sowohl das Motiv des Spaßes an der Detektivarbeit als auch das Motiv, dass Leute mit einem akademischen Betrug nach Möglichkeit nicht durchkommen sollten. Denn leider erkennen manchmal Fakultäten selbst bei zig plagiierten Seiten am Stück den Doktorgrad nicht ab.

Die Fragen wurden schriftlich gestellt. Interview: Christoph Titz

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1. Tradition
Aguilar 05.05.2012
Das Abschreiben ohne zu zitieren ist sicher eine unsaubere Sache beim Schreiben einer Dokorarbeit, die den Wert dieser Arbeit ebenso verringert, wie sie den Wert des Doktortitels schmälert bzw. zunichte macht. Was indessen die Form der Veröffentlichung, wenn nicht diese selbst betrifft, angeht, so sehe ich hier eher die gute alte Tradition von Denunziation wieder aufleben. Wenn es nur um des Spaßes an der Detektivarbeit als Motiv und dem Wunsch, dass Leute mit einem akademischen Betrug nach Möglichkeit nicht durchkommen sollten, ginge, genügte ein Hinweis an die jeweilige Universität.
2. Des Guten zu viel...
Lorbeerblatt 05.05.2012
...verkehrt schon mal ins Gegenteil. Ich habe mir die fraglichen Stellen angeguckt. Sie erreichen bei Weitem nicht die Dimension der prominenten Vorgängerfälle. Die Stellen sind spärlich, zum Großteil nicht nicht-zitiert, sondern allenfalls falsch zitiert (weil bspw. auf eine schon zitierende Zweitquelle und nicht aufs Original verwiesen. Wobei Mr. Unbekannt auch anmahnt, wenn das Original zitiert wird und irgendeine ebenfalls zitierende andere Quelle nicht - was schon gaga ist) Ein ernst zu nehmender Vorwurf betrifft wirklich nur die Passage auf 75/76. Die anderen Stellen sind keine. Ich halte es für äußerst unklug, mit solchen Fällen "Geschäft" zu machen. Hier verkehrt sich sonst ein eigentlich guter Nutzen ins Gegenteil und man verliert massenweise Leute, die sich nur noch fragen, was der ganze Quatsch eigentlich soll. Mit dem Ergebnis, dass auch die eigentlich wichtigen Fälle hinten über fallen. Wichtig sind die Fälle, die deutlich gegen wissenschaftliches Arbeiten verstoßen, von Leuten, die an eben jenem wissenschaftlichen Arbeiten Null Interesse haben, sondern die nur aus Karrieregründen auf den schnellen Doktor aus sind. Ich halte Schavan für eine ziemlich schädliche Fehlbesetzung im Amt. Aber diesen Vorwurf kann man ihr bei den bisher bekannten Fundstellen nun wirklich nicht machen. Das wirft kein gutes Licht auf Mr. Unbekannt!
3. Ist nicht wirklich plagiiert
bvdlinde 05.05.2012
...wenn man sich die Stellen im Schavanplag anschaut, erscheint nichts davon wirklich abgeschrieben. Bestimmte Dinge kann und darf man auch mit seinen eigenen Worten ausdruecken. Z.B. wenn man auf Theorien Freuds deskriptiv Bezug nimmt kann es natuerlich dazu kommen dass man sich genauso wie ein anderer Sekundaerautor ausdrueckt und jeweils "Versatzstuecke" der freudschen Terminologie einfuegt. Aber das ist ja nicht wirklich plagiiert. In der Form erscheinen mir aber fast alle Stellen, die angemaekelt werden.
4. Copy, Shake and Rewrite
wibo2 05.05.2012
Zitat von sysopDPAWill er im Alleingang eine Ministerin stürzen? In seinem ersten Interview erklärt der anonyme Ankläger hinter der Seite "schavanplag" was ihn antreibt, warum er an den Titelentzug glaubt - und wieso er sich über die Mehrheitsentscheidung der VroniPlag-Rechercheure hinwegsetzte. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,831459,00.html
Inhalts- und Übersetzungsplagiate können nicht so leicht erkannt werden. Die Anwendung von google-books reicht dafür nicht aus. Was ist da noch alles nicht sauber in diesem Macherk? Engagierte Fachwissenschaftler könnten feststellen, was überhaupt nur als originelle Ideen, Gedanken und Ausführungen noch gelten könnte nach Abzug von all dem definitiv Übernommenen. Es besteht nun der begründete Verdacht, dass das Originelle mitnichten viel sein kann. Da Frau Schavan ihre wissenschaftliche Unfähigkeit leugnet, wird sehr viel mühsame Arbeit notwendig sein, um ihr den ungenügenden Neuigkeitswert ggf. zu beweisen.
5.
Fenrax 05.05.2012
Hört sich wirklich sehr dünn an. "Unsauberes Zitieren" klingt schlimmer als es eigentlich ist, denn eine komplett saubere Doktorarbeit wird sich wahrscheinlich kaum finden lassen, wenn dutzende Leute alles akribisch durchkämmen. Man muss echte Plagiate (Gutti, vroni) vom normalen gestressten und hart erarbeiteten "ich muss meine Doktorarbeit bis zur Deadline abgeben" unterscheiden. Denn dabei passieren nunmal automatisch Fehler, v.a. bei der hochaufwändigen Zitiererei, da diese kaum durch Freunde korrektur zu lesen ist. vroniplag scheint da wirklich gute Arbeit zu leisten. Ich glaube hier nicht an ein Plagiat und vertraue eher dem Urteil der Mehrheit als einem selbsternannten Einzelkämpfer.
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