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Plagiatsjäger im Netz: Wer steckt hinter VroniPlag?

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VroniPlag Wiki: Plagiatsjagd ohne Plan Fotos
VroniPlag

Sie jagen wissenschaftlichen Plagiaten hinterher und haben erreicht, dass mehreren Prominenten und Politikern der Doktortitel entzogen wurde. Doch wer sind die Plagiatsjäger von VroniPlag Wiki und was treibt sie an?

Sie heißen Agrippina1 und Hansi0109, Bummelchen und Ünkül Düktür aus Xberg. Es geht hier nicht um eine Dating-Plattform oder um die Kommentarspalte einer Witzesammlung. Die Pseudonyme gehören zu Plagiatsjägern der Seite VroniPlag Wiki, die sich deutsche Dissertationen vorknöpft - und oft als abgeschriebene Schummelwerke entlarvt.

Gerade haben die Plagiatsjäger die Doktorarbeit von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen untersucht und für mangelhaft befunden: Mehr als 40 Prozent aller Seiten der Arbeit enthielten Plagiate. Die Medizinische Hochschule Hannover prüft die Vorwürfe nun, die Ministerin steht unter Druck.

Einige prominente Kollegen sind schon über ähnliche Anschuldigungen gestürzt: Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, EU-Politikerin Silvana Koch-Mehrin und die frühere Bildungsministerin Annette Schavan mussten ihren Doktortitel und ihre Posten abgeben, nachdem Mitglieder von VroniPlag Wiki ihre Dissertationen analysiert hatten.

Viele Mitglieder wollen anonym bleiben, manche um jeden Preis

Doch wer sind die Plagiatsjäger, die sich durch fremde Arbeiten wühlen, die stunden-, wochen-, monatelang in vergilbter Fachliteratur fahnden, um Politikern wissenschaftliche Unsauberkeit nachzuweisen, die meist Jahrzehnte zurückliegt? Und wer ist es, der diesmal die Jagd auf etwaige Plagiate in Frau von der Leyens Doktorarbeit eröffnet hat?

Viele Mitglieder von VroniPlag Wiki wollen anonym bleiben - manche um jeden Preis, wie der Plagiatsjäger, der sich das Pseudonym Robert Schmidt gab und damals die Vorwürfe gegen Annette Schavan auf eigene Faust veröffentlichte, weil sich die Benutzer von VroniPlag Wiki mehrheitlich dagegen entschieden hatten. Später befand er auch die Doktorarbeit von Bundestagspräsident Norbert Lammert für problematisch.

Bisher ist öffentlich nicht bekannt, wer Robert Schmidt wirklich ist. Sogar bekannte Mitglieder von VroniPlag Wiki verneinen, seine Identität zu kennen. Im März 2014 gab Schmidt SPIEGEL ONLINE ein Interview, natürlich anonym. Der Kontakt kam über Vermittlung und per Fax zustande.

Im Netz versteckt sich Robert Schmidt hinter verschiedenen Decknamen. Früher war es Hotznplotz, jetzt verbirgt sich Robert Schmidt nach SPIEGEL-Informationen hinter dem Pseudonym Stratumlucidum. Unter diesem Namen wurden Plagiatsfundstellen aus von der Leyens Arbeit ins Netz gestellt.

Nur wenige Plagiatsjäger kennen sich persönlich

Nur vier Mitglieder treten öffentlich auf. Einer ist Roland Schimmel, Professor für Wirtschaftsrecht an der Frankfurt University of Applied Sciences, er agiert auf VroniPlag Wiki unter dem Namen SleepyHollow02. Eine andere bekannte Aktivistin ist Debora Weber-Wulff, Professorin für Informatik an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft und bei VroniPlag Wiki unter dem Tarnnamen WiseWoman aktiv. Gerhard Dannemann, oder auch PlagProf:-), ist Juraprofessor an der Humboldt-Universität Berlin. Denis Basak alias Strafjurist ist ebenfalls Rechtswissenschaftler, an der Goethe-Universität in Frankfurt.

Diese vier Plagiatsjäger sind verdiente Wissenschaftler. Doch wie sieht es mit den anderen aus? 345 Nutzer haben seit der Gründung von VroniPlag Wiki 2011 schon einmal eine Fundstelle aus einer wissenschaftlichen Arbeit eingestellt. Doch nur rund 15 Leute waren in den vergangenen drei Monaten aktiv.

Davon kennen sich nur wenige persönlich. Die Plagiatsjäger sind übers ganze Bundesgebiet verstreut, einige sitzen auch im Ausland, mindestens einer wohl in den USA. Es gibt keine regelmäßigen Treffen, keinen Stammtisch oder dergleichen. Diskussionen finden meist per Mail oder im Chat statt, anonym. "Die meisten haben irgendeine Verbindungen zu einer Hochschule", sagt Dannemann. Er wisse aber auch von einem Geschäftsmann und von zwei oder drei Mitgliedern, die selbst nicht promoviert haben.

Keine Hierarchie, keine Satzung, kein Sprecher

VroniPlag Wiki ist so dezentral und unstrukturiert, dass die Mitglieder nicht einmal Spenden einsammeln könnten, wenn sie es wollten. "Dafür wäre ein Kassenwart nötig. Und wer sollte das Spendenkonto eröffnen?", sagt Dannemann. Es gibt keine Hierarchie, keine Satzung, keinen Sprecher. Jeder prüft und sichtet, was er möchte - rein ehrenamtlich.

Deswegen ist es auch schwer zu sagen, was die Plagiatsjäger antreibt. Trotzdem sind sich Dannemann und Schimmel sicher: Die Mehrzahl der Mitglieder habe es nicht mehr darauf abgesehen, Politiker bloßzustellen. Das sei in der Anfangsphase so gewesen. "Jetzt geht es den meisten um wissenschaftliche Redlichkeit", sagt Dannemann. Dafür spricht, dass auf VroniPlag Wiki mehr als 150 Dissertationen unter die Lupe genommen wurden und dass in jüngster Zeit auffallend wenige Politiker darunter waren.

Es kann aber trotzdem sein, dass sich Stratumlucidum die Doktorarbeit der Verteidigungsministerin aus politischen Gründen vorgenommen hat. Womöglich wollte er auch nur die Debatte über die Qualität von (medizinischen) Doktorarbeiten neu anstoßen - und das funktioniert bekanntlich am besten über einen prominenten Fall.

Seit vergangenem Dezember beschäftigt sich Stratumlucidum intensiv mit dem Werk der Verteidigungsministerin. Zwischendrin widmete er sich allerdings auch immer wieder einer anderen Dissertation: der von Sarah Sophie Koch, die bei RTL als Pädagogin und Therapeutin auftritt. Die Heinrich-Heine-Universität erkannte ihr den Titel im März ab.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 101 Beiträge
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1. Prinzipiell sinnvoll
ruhepuls 02.10.2015
Ich kann nicht in jedem Einzelfall beurteilen, ob die Plagiatejäger mit ihrem Urteil immer richtig liegen, aber grundsätzlich ist es schon sinnvoll, einmal nachzuschauen, ob die Dissertationen das Papier wert sind, auf dem sie geschrieben wurden. Es ist leider so, dass ein "Dr." den sozialen Status eines Menschen erhöht, obwohl er eigentlich nur innerhalb der akademischen Welt eine Bedeutung hat. Kein Wunder, dass viele versuchen, mit möglichst geringem Aufwand den begehrten Grad zu bekommen, ohne wirklich daran interessiert zu sein, einen wissenschaftlichen Beitrag zu leisten. Vielleicht führt die Arbeit von VroniPlag dazu, dass Universitäten ihre Aufgabe ernster nehmen und nicht Titel verschenken, weil sie eben zu manchen Berufsbild dazu gehören. Dann gibt es vielleicht in Zukunft ein paar Doktoren weniger, aber dafür einige gute Dissertationen mehr. Generell ist die Frage zu stellen, ob es zeitgemäß ist, akademische Grade oder Titel in der allgemeinen Öffentlichkeit zu führen.
2. Gut und richtig so
Anton Waldheimer 02.10.2015
Ich finde es gut und richtig dass Doktorarbeiten angesehen werden, und auf Plagiate überprüft werden, oder auf Zitierungen ob sie zutreffend sind, weil derartige Arbeiten auch zu Fehlentwicklungen in der Wissenschaft führen können.
3. einfach die Wahrheit..
t-alex 02.10.2015
warum nennt man die Dinge nicht einfach beim Namen? Wer Andere denunziert, also anonym beschuldigt, ist ganz einfach ein Denunziant übelster Sorte. Und ein Journalismus, der derartiges reisserisch verbreitet, ist ein Kloakenjornalismus in der Tradition von Stürmer bis BILD. Tut mir leid,ich kann's beim besten Willen nicht anders sehen.
4. Überprüfung ja, aber zeitnah
gehel 02.10.2015
Die Überprüfung muss doch vor der Verleihung des Doktortitels erfolgen. Für mich hat dieses Nachkarten immer den Beigeschmack, dass hier Neider am Werk sind. Professoren, die Doktoranden betreuen, müssen m.E. im Rahmen ihrer Prüfungspflicht auch diese Formalien prüfen und dürfen sich nicht auf eine Erklärung des Doktoranden verlassen. Wenn dann eine Nachprüfung nach 3-5 Jahren kommt, ok, aber danach sollte die Entscheidung stehen. Die Anonymität, mit der sich Plagiatsjäger umgeben, ist in meinen Augen feige. Wenn die Arbeit so ehrenvoll für die Wissenschaft ist, dann kann man auch mit seinem Namen offen dafür einstehen und seine Feststellungen auch proaktiv verantworten.
5. Denunzianten
tradepro 02.10.2015
Haben diese Leute keine anderen Sorgen als anderen Menschen Probleme zu bereiten?! Verfluchte Denunzianten!! Die Doktorarbeiten wurden vor vielen Jahren als in Ordnung befunen. What the Fuck!!
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