Irgendwie von Oliver Trenkamp
Seine Doktorarbeit sei auf 80 Datenträgern verteilt gewesen, und er habe an vier Computern daran gearbeitet. Alles ein großes Durcheinander, er habe den Überblick verloren, alles keine Absicht. 1 So rechtfertigt Ex-Minister, Ex-Doktor und Ex-Polit-Star Karl-Theodor zu Guttenberg (noch CSU), dass in seinem Werk 1218 Plagiatsfragmente aus 135 Quellen auf 371 von 393 Seiten zu finden sind, wie die Seite GuttenPlag dokumentiert. 2
Der Jahresrückblickstext, den Sie gerade lesen, ist hingegen nur an einem Computer entstanden, ohne Disketten und ohne Mehrfachbelastung als Bundestagsabgeordneter und Familienvater. Ansonsten orientiert er sich in Arbeitsweise und Stringenz am prominenten Vorbild. Und an anderen Methoden, etabliert von Koch-Mehrin (2001) 3 , Chatzimarkakis (2000) 4 , Althusmann (2007) 5 et al.
Wenige Tage nach den ersten Vorwürfen im Februar stand es bereits schlimm um Guttenberg: Bei Anne Will bemitleidete ihn Alice Schwarzer, die Talkshow-Redaktion verglich ihn mit Thomas Gottschalk, nur Parteifreundin Monika Hohlmeier verteidigte ihn. 6 Und die Union fürchtete den Abgang ihres Superstars 7 .
Der Baron trat zurück...
Schließlich versuchte er den Befreiungsschlag: Im hessischen Kelkheim gab Guttenberg bekannt, auf seinen Titel verzichten zu wollen, gestand "gravierende Fehler" ein und entschuldigte sich "von Herzen" bei allen, die er mit seiner Dissertation "verletzt" habe. 8 Wissenschaftler protestierten, doch die Kanzlerin hielt lange zu ihm - bis sich schließlich Forschungsministerin Annette Schavan (CDU) öffentlich für ihren Kabinettskollegen schämte. 9 Der Mann, der binnen weniger Jahre vom einfachen Abgeordneten zum Polit-Star der Republik aufgestiegen war, stürzte über die Affäre. Sein Rücktritt schockierte die Koalition und einige begannen schnell an einer Legende zu stricken: an der Legende des zu Unrecht zu Fall gebrachten Lieblings aller Deutschen, hinterrücks gemeuchelt von einer Meute aus linken Journalisten und ehrpusseligen Intellektuellen. 10
Bei Guttenberg war es noch ein einzelner Wissenschaftler, der die Affäre lostrat. Erst danach gingen im Netz Plagiatsjäger daran, die Doktorarbeit zu überprüfen. 11 Bei der FDP-Europaabgeordneten Silvana Koch-Mehrin haben hingegen von vornherein anonyme Plagiatsjäger im Netz die Sache angestoßen. Dieses Mal organisierten sie sich auf der Seite VroniPlag, doch viele waren schon bei GuttenPlag dabei. 12
Die Republik rätselte: Wer steckt hinter den Internetaktivisten - feige Denunzianten, linke Wirrköpfe, Nerds mit zu viel Zeit? Dieses Bild zeichneten zumindest abschreibende Politiker von den Plagiatsjägern, weil diese - bis auf wenige Ausnahmen 13 - ihre Identität nicht preisgeben wollen. 14
...Koch-Mehrin und Chatzimarkakis verloren nur ihre Titel
Der FDP-Politiker Jorgo Chatzimarkakis, dessen Arbeit ebenfalls ins Visier geriet, schoss sich besonders auf die Aktivisten ein und entwickelte zudem eine neue Verteidigungsstrategie: Er habe seine Zitierweise in Oxford gelernt. "Die formulieren irgendwie anders", habe er dort bei einem Forschungsaufenthalt in den neunziger Jahren festgestellt. "Die benutzen das Intertextualisieren, also das lesbar machen von Texten." Das wiederum amüsierte die Wissenschaftler dort nicht besonders. 15
Chatzimarkakis und Koch-Mehrin verloren schließlich ihre Titel - wie Guttenberg. Aber im Unterschied zu ihm behielten sie ihre Mandate.
Noch glimpflicher ging das Verfahren gegen den Präsidenten der Kultusministerkonferenz aus, Bernd Althusmann von der CDU. Es war zwar einst falsch gewesen, ihm überhaupt einen Doktortitel zu verleihen. Der CDU-Politiker aus Niedersachsen hatte sich in seiner Dissertation viel zu viele Schwächen und Fehler geleistet. Dennoch war es richtig, dass die Uni Potsdam ihm den Titel beließ, wie sie Anfang Dezember mitteilte. Es ist nämlich möglich, trotz Schlampereien einen Titel zu verleihen, aber nicht, ihn nur wegen Schlampereien wieder zu entziehen. Erst bei einer Täuschung durch den Doktoranden wäre die Aberkennung angemessen. Das wiederum konnte man Althusmann kaum vorwerfen. 16
Weniger prominente Fälle gab es auch: ein FDP-Bürgermeister, der in seiner ingenieurwissenschaftlichen Doktorarbeit aus der Zeitschrift "Super Illu" zitierte. 17 Ein EU-Kommissar, der nach heutigen Standards durchgefallen wäre. 18 Eine FH-Professorin, die in Verdacht geriet. 19 Eine Juristin, bei der unklar ist, ob ihr Professor bei ihr geklaut hat oder sie bei ihm. 20 Nicht zu vergessen die Stoiber-Tochter Veronica "Vroni" Saß, nach der die Plagiatsjäger ihre Plattform VroniPlag benannten.21
Es läuft noch das Verfahren gegen Margarita Mathiopoulos (auch FDP). Bereits vor gut 20 Jahren waren arge Zweifel an ihrer wissenschaftlichen Arbeitsweise aufgekommen - jetzt überprüft die Uni Bonn die Doktorarbeit erneut. Denn Recherchen der VroniPlag-Leute hatten zahlreiche neue verdächtige Stellen entdeckt. 22 Entschieden wird wohl im Februar 2012.
Eine Anmerkung zum Schluss sei gestattet: Sollten bei über 20 Fußnoten und mehr als zehn Absätzen vereinzelt Fußnoten nicht oder falsch gesetzt sein, würde das bei einer Neuauflage berücksichtigt werden. Im Übrigen ist der Autor des Textes nicht als wissenschaftlicher Mitarbeiter angeheuert worden.
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