Plagiatsaffäre in Sachsen: Doktorvater nennt Kultusminister Wöller "Scharlatan"

Er war der Student "mit Sprengsätzen in den Ellenbogen": Sachsens Kultusminister Roland Wöller (CDU) meisterte sein Diplom bei seinem späteren Doktorvater Ulrich Kluge mit Bravour. Den Doktortitel aber trage der Minister zu Unrecht, sagt Historiker Kluge jetzt in der "Zeit".

Doktorvater über Minister Roland Wöller (CDU): "Glänzend", aber auch ein "Scharlatan"? Zur Großansicht
dapd

Doktorvater über Minister Roland Wöller (CDU): "Glänzend", aber auch ein "Scharlatan"?

Hätte Sachsens Kultusminister Roland Wöller (CDU) seinen Doktortitel doch verlieren müssen, weil er sich in seiner Dissertation aus einer unveröffentlichten Magisterarbeit eines Studenten bedient hatte? Ja, sagt sein Doktorvater, der emeritierte Wirtschaftshistoriker Ulrich Kluge, 76, und teilt in einem Gespräch mit der Wochenzeitung "Die Zeit" heftig gegen Wöller aus.

Anfangs sei er von dem Studenten Wöller, den er aus der Diplomprüfung gekannt habe, sehr überzeugt gewesen. Wöller sei brillant gewesen, aber auch sehr selbstbewusst, ein Student "mit Sprengsätzen in den Ellenbogen".

Auch die Doktorarbeit Wöllers mit dem Titel "Der Forschungsbeirat für Fragen der Wiedervereinigung Deutschlands (1952 bis 1975)" aus dem Jahr 2002 sei sehr gut und schnell geschrieben und mit "magna cum laude" richtig bewertet worden.

Als jedoch der Verdacht aufkam, Wöller habe bei einem Studenten abgeschrieben, und die Technischen Universität (TU) Dresden ihre erste Überprüfung startete, sah sich auch Wirtschaftshistoriker Kluge die Arbeit Wöllers erneut an und verglich sie mit der des Studenten. So kam er 2007 zu dem Ergebnis, Wöller habe gegen die wissenschaftliche Redlichkeit verstoßen, sagte Kluge der "Zeit". Die Uni rügte Wöller zwar, befand jedoch: "Weder ein Plagiat, noch eine Urheberrechtsverletzung, noch Täuschungsabsicht" liege vor.

Kluge an Wöller: "Ich schäme mich für Sie"

Für den Doktorvater liegt der Fall ganz anders: Wöller sei ein "Scharlatan", der "den Boden unter den Füßen verloren" habe, sagte Kluge der Wochenzeitung. Er "gräme" sich und habe Wöller, damals erst Abgeordneter im sächsischen Landtag, dann ab September Sachsens Umweltminister, bereits 2007 in einer E-Mail mitgeteilt: "Ich schäme mich für Sie." Auf diese E-Mail habe Wöller "frech" geantwortet.

Im Zuge der Plagiatsskandale um den Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) und die FDP-Europaparlamentarierin Silvana Koch-Mehrin sah sich auch die TU Dresden 2011 gezwungen, sich erneut mit Wöllers umstrittener Promotionsschrift zu befassen. Im Dezember entschied die Universität, dass Minister Wöller seinen Doktortitel weiterhin tragen darf. Eine Kommission der TU Dresden hatte beschlossen, das Untersuchungsverfahren einzustellen, weil der Vorwurf wissenschaftlichen Fehlverhaltens "im Ergebnis nicht begründet" gewesen sei.

Textähnlichkeiten oder -übereinstimmungen lägen nur mit der besagten unveröffentlichten Magisterarbeit für den von beiden Arbeiten gemeinsam abgedeckten historischen Zeitraum vor, diese müssten sehr differenziert bewertet werden, teilte die Uni im Dezember mit. "Nicht hinsichtlich aller Übereinstimmungen und Ähnlichkeiten lässt sich eine Vereinbarkeit mit wissenschaftlichen Standards bejahen." Mit anderen Worten: Die Ähnlichkeiten zwischen beiden Arbeiten verstoßen in Teilen gegen wissenschaftliche Standards.

Vorsatz oder grobe Fahrlässigkeit konnte die Hochschule nicht erkennen und habe "deshalb den Vorwurf wissenschaftlichen Fehlverhaltens verneint". Ähnlich auffällige Stellen habe es in anderen Teilen der Arbeit nicht gegeben. "Die Kommission hat keinen Zweifel daran, dass W. die Arbeit eigenständig und in eigenständiger Quellenauswertung erstellt hat."

Dieses erneut milde Urteil der Universität für den sächsischen Kultusminister nennt Kluge "ein Armutszeugnis". Er fühle sich von Wöller getäuscht und werde Deutschland nun erst einmal verlassen. "Aus Kummer" fliehe er "vor dieser Wissenschaftsszene", so Kluge in der "Zeit".

Fragen nach Kluges wütender E-Mail an Wöller aus dem Jahr 2007 ließ das Ministerium auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE unbeantwortet. Die Sprecherin teilte lediglich mit: "Die Doktorarbeit von Herrn Wöller wurde zweimal - mit einem eindeutigen Ergebnis - geprüft. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen."

cht

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insgesamt 50 Beiträge
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1. Wundern wird man sich wohl dürfen
cassandros 11.01.2012
Zitat von sysopEr war der Student "mit Sprengsätzen in den Ellenbogen": Sachsens Kultusminister Roland Wöller (CDU) meisterte sein Diplom bei seinem späteren Doktorvater Ulrich Kluge mit Bravour. Den Doktortitel aber trage der Minister zu Unrecht,*sagt Historiker Kluge jetzt....]
Schon wieder einer. Und wieder einer von der C...U. Und wieder ein Geisteswissenschaftler. Eine Häufung, die stutzig macht.
2.
munkelt 11.01.2012
Zitat von cassandrosSchon wieder einer. Und wieder einer von der C...U. Und wieder ein Geisteswissenschaftler. Eine Häufung, die stutzig macht.
Mich macht eher dieser Ton stutzig: Zitat aus dem Artikel: ..."Für den Doktorvater liegt der Fall ganz anders: Wöller sei ein "Scharlatan", der "den Boden unter den Füßen verloren" habe, sagte Kluge der Wochenzeitung. Er "gräme" sich und habe Wöller, damals erst Abgeordneter im sächsischen Landtag, dann ab September Sachsens Umweltminister, bereits 2007 in einer Mail mitgeteilt: "Ich schäme mich für Sie." Auf diese E-Mail habe Wöller "frech" geantwortet." Und wer behauptet, jemand sei "frech" geworden, setzt sich selbst auf ein ziemlich hohes Ross.
3. Die Christlich-Konservativen Betrüger...
evi_drin 11.01.2012
Zitat von cassandrosSchon wieder einer. Und wieder einer von der C...U. Und wieder ein Geisteswissenschaftler. Eine Häufung, die stutzig macht.
... machen einem langsam wirklich Angst!
4. Abschreiben kommt ganz groß in Mode
NoMaHu 11.01.2012
Zitat von cassandrosSchon wieder einer. Und wieder einer von der C...U. Und wieder ein Geisteswissenschaftler. Eine Häufung, die stutzig macht.
Meine Reaktion: Und wieder ein Politiker! Das sollte "stutziger" machen
5. Ja, was erwarten SIE denn?
Trendgenerator 11.01.2012
Zitat von cassandrosSchon wieder einer. Und wieder einer von der C...U. Und wieder ein Geisteswissenschaftler. Eine Häufung, die stutzig macht.
Doctores findet man i.d.R. bei der "C...U", und dortselbst ist eigentlich nur ein intelligenter Naturwissenschaftler in promovierter Form bekannt: die Kanzlerin. Ansonsten: nur geisteswissenschaftliche Dumpfbacken.
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