Von Heike Sonnberger
Hamburg - Dr. Annette Schavan verstehe es, Fragen der Theologie selbst Menschen näherzubringen, die mit dem Christentum nicht viel zu tun haben. Mit solchen Worten lobte die Freie Universität Berlin die Bundesbildungsministerin aus der CDU, als sie Schavan zur Honorarprofessorin im Fach Katholische Theologie bestellte. Es sei der FU gelungen, "eine ausgewiesene Expertin und Persönlichkeit für Forschung und Lehre" für den Titel zu gewinnen, die "geisteswissenschaftliche Exzellenz mit gesellschaftlicher Präsenz" verbinde, hieß es weiter.
Das ist vier Jahre her - und es ist möglich, dass Schavan den Ehrentitel nicht viel länger behalten darf. Denn der Vorsitzende des Promotionsausschusses an der Universität Düsseldorf wirft Schavan vor, in ihrer Promotionsarbeit getäuscht zu haben. Die Hochschule, die der Ministerin vor mehr als 30 Jahren den Doktortitel verlieh, könnte ihr diesen vielleicht demnächst wieder aberkennen. Spätestens dann müsste sich die FU Berlin fragen: Ist die 57-Jährige als Honorarprofessorin noch zu halten? Am Montag wollte die Uni allerdings zu dem Fall noch nichts sagen.
Für Schavan wäre der Verlust der Professur ein weiterer Schlag in einem Prozess, der ihr schwer zusetzt. Zwar wäre es nur ein Kollateralschaden, wenn es auch um ihre Zukunft als Ministerin geht. Aber Schavan ist ihr akademischer Ruf sehr wichtig, auf ihrer Arbeit als Wissenschaftlerin gründet sich ihr Selbstverständnis.
"Es trifft mich. Es trifft mich im Kern", zitierte sie die "Süddeutsche Zeitung" zu den Plagiatsvorwürfen. Sie habe bei ihrer Dissertation mit dem Titel "Person und Gewissen" sorgfältig gearbeitet. Der Professoren-Titel ist ihr zumindest so wichtig, dass sie sich auf der Seite ihres Ministeriums als "Prof. Dr. Annette Schavan" vorstellt, darunter der Zusatz "Bundesministerin für Bildung und Forschung".
Schavan ging schon früh an die Universität: Gleich nach dem Abitur 1974 studierte sie in Bonn und Düsseldorf katholische Theologie, Philosophie und Erziehungswissenschaften. Nach der Promotion sechs Jahre darauf arbeitete sie zunächst als wissenschaftliche Referentin bei der Bischöflichen Studienförderung Cusanuswerk, das staatliche Fördermittel an begabte katholische Studenten vergibt. Später leitete sie das Cusanuswerk vier Jahre lang, bis sie 1995 ihr Amt als baden-württembergische Ministerin für Kultus, Jugend und Sport antrat. Seit 2005 ist sie Bundesministerin für Bildung und Forschung.
Ehrendoktorwürden aus Japan und Israel
Neben der FU Berlin haben auch andere Hochschulen Schavan mit Ehrentiteln ausgezeichnet. 2008 erhielt sie die Ehrendoktorwürde der Philosophischen Fakultät der Universität in Kairo, zwei Jahre später zog die Tongji-Universität in Shanghai nach. Im vergangenen Jahr seien die Ehrendoktorwürde der Meiji-Universität in Japan und der Hebräischen Universität Jerusalem hinzugekommen, heißt es auf der Internetseite des Ministeriums.
Unter den Ehrentiteln ist allerdings nur eine Professur, die der FU Berlin. Laut dem Berliner Hochschulgesetz kann dazu berufen werden, "wer in seinem Fach auf Grund hervorragender wissenschaftlicher oder künstlerischer Leistungen den Anforderungen entspricht, die an Professoren und Professorinnen gestellt werden".
Es gibt immer wieder prominente Honorarprofessoren, die sich nur mit dem Titel schmücken wollen. Doch Schavan nahm auch ihre Lehrverpflichtung ernst. Seit sie die Honorarprofessur verliehen bekam, hat sie an der FU Berlin einige Veranstaltungen angeboten. Dazu gehörten die Blockseminare "Was ist das Gewissen?" im Wintersemester 2010/11 und "Ethik und Unendliches - Zur Ethik von Emmanuel Levinas" im vergangenen Wintersemester, jeweils an vier Terminen.
Auch für das Semester, das an diesem Montag mit den ersten Lehrveranstaltungen begonnen hat, steht die Ministerin wieder im Vorlesungsverzeichnis. Am Donnerstag den 18.10. ist sie als Dozentin für ein Seminar eingetragen mit dem Titel "Religionsfreiheit. Eine neue Sicht des Konzils und die Rezeption in religiös pluralen Gesellschaften". An mindestens drei weiteren Terminen soll sie dazu bis Anfang Februar referieren.
Die FU Berlin steht nun vor der Entscheidung, die die TU Braunschweig und die Universität Potsdam bereits vor einigen Monaten in einer anderen Plagiatsaffäre fällen mussten. Die FDP-Beraterin Margarita Mathiopoulos soll in ihrer Doktorarbeit aus anderen Quellen abgeschrieben haben. Die Uni Bonn will ihr den Doktortitel entziehen. Mathiopoulos kämpft vor Gericht dafür, ihn trotzdem behalten zu dürfen.
Sollte sie verlieren und der Titelentzug rechtskräftig werden, wollen die beiden anderen Hochschulen ihr auch die Honorarprofessuren wegnehmen. Eine Sprecherin der TU Braunschweig sagte dazu im April: Die Hochschule bestelle "nur solche Personen zu Honorarprofessorinnen oder Honorarprofessoren, die nach ihren wissenschaftlichen Leistungen den Anforderungen genügen".
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