Plagiatsaffären von Schavan und Guttenberg: Die Ungleichen

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Annette Schavan soll in ihrer Doktorarbeit getäuscht haben. Noch ist nicht entschieden, ob sie ihren Titel verliert. Klar ist allerdings: So schwer wie bei ihrem Ex-Kollegen Guttenberg wiegen ihre Verstöße nicht. Ein Vergleich.

Guttenberg und Schavan 2009 im Bundeskabinett: Zwei Promotionen, zwei Skandale Zur Großansicht
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Guttenberg und Schavan 2009 im Bundeskabinett: Zwei Promotionen, zwei Skandale

Klar, zuerst fallen die Ähnlichkeiten auf. Es geht in beiden Fällen um Minister im Kabinett von Angela Merkel, beide konservativ, und irgendwas stimmt nicht mit ihren Doktorarbeiten. Plagiatsjäger im Netz recherchieren, die jeweilige Uni prüft die Verstöße, die Kanzlerin spricht den Betroffenen ihr Vertrauen aus.

Doch dann hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Die Fälle von Karl-Theodor zu Guttenberg und Annette Schavan unterscheiden sich fundamental, sowohl was die Persönlichkeiten der beiden als auch was die Schwere der Verstöße in ihren Doktorarbeiten angeht.

Fraglich ist, ob die beiden Fälle auch unterschiedlich ausgehen, also Schavan ihren Titel und ihr Amt behalten wird. Doch so weit ist es noch nicht. SPIEGEL ONLINE zeigt die wichtigsten Aspekte der Plagiatsaffären:

Der Politiker-Typus:

  • Der beliebteste Politiker Deutschlands, schillernder Minister, gar ein möglicher Kanzlerkandidat: Karl-Theodor zu Guttenberg, 40, zunächst Wirtschafts-, später Verteidigungsminister, galt vielen als politischer Hoffnungsträger, gar als möglicher Kanzler. Es gibt sie immer noch, die KT-Fans, doch mittlerweile dominiert das Bild eines Karrieristen, eines Aufsteigers mit wenig Substanz.
  • Zwar ist Annette Schavan, 57, CDU-Mitglied seit 37 Jahren, ein Politprofi. Doch in ihrem Auftreten und ihrer ganze Art unterscheidet sich die ehemalige baden-württembergische Kultusministerin und heutige Bildungsministerin von Guttenberg. Die unauffällige Merkel-Vertraute gilt im Berliner Politikbetrieb als zurückhaltend und sachkundig, sie ist eine geschätzte Ratgeberin der Kanzlerin. Kürzlich kündigte Schavan ihren Rückzug aus der CDU-Führung an - sie steuert das Ende ihrer politischen Laufbahn an. Brenzlig ist für sie vor allem, dass die Vorwürfe sie als Ministerin für Bildung und Forschung besonders treffen.

Der persönliche Hintergrund:

  • Guttenberg stammt aus einer adligen Familie, ist katholisch und in einem Schloss in Bayern aufgewachsen, wo er und sein Bruder von dem Vater allein erzogen wurden. Das guttenbergsche Familienvermögen wird auf über 400 Millionen Euro geschätzt. Guttenberg studierte Jura - ein Studienabschluss war ein Muss.
  • Die gläubige Katholikin Schavan wuchs im nordrhein-westfälischen Neuss auf und begann mit 19 Jahren Theologie, Philosophie und Erziehungswissenschaften zu studieren. Sie war die erste in ihrer Familie, die ein Studium aufnahm - und schloss dieses direkt mit einer Promotion ab, eine Magister- oder Diplomprüfung legte sie nicht ab.

Die Vorwürfe:

  • Guttenberg hat nachweislich für seine Doktorarbeit dutzende Passagen bei anderen Autoren abgeschrieben. Die Copy-Paste-Stellen hat er oft nicht gekennzeichnet, sondern als seine eigenen ausgegeben. Umfang und Eindeutigkeit der Täuschungen gehen deutlich über das hinaus, was bei Schavan kritisiert wird. Eine große Gruppe Plagiatsjäger trug mehr und mehr Fundstellen zusammen, nachdem ein Jura-Professor erste plagiierte Stellen dokumentiert und öffentlich gemacht hatte. Auch der daraufhin eingesetzte Untersuchungsausschuss der Universität Bayreuth urteilte, Guttenberg habe absichtlich plagiiert.
  • Schavan wurde zunächst von einem anonymen Aktivisten, der sich "Robert Schmidt" nennt, ins Visier genommen. Er wirft der Ministerin vor, auf 92 der 351 Seiten ihrer Promotion Stellen aus "nicht oder nicht ausreichend" kenntlich gemachten Quellen übernommen zu haben. Daraufhin begutachtete Stefan Rohrbacher von der Universität Düsseldorf ihre Arbeit. Er wirft Schavan eine "leitende Täuschungsabsicht" vor und bemängelt 60 Stellen: Sie habe oft nicht deutlich gemacht, wie stark sie sich bei Sekundärliteratur bedient habe. Manch angegebene Originalquellen habe sie offenbar gar nicht gelesen. Wie ein Beispiel aus dem Gutachten, über das der SPIEGEL berichtet, zeigt, handelt es sich bei Schavan meist um so genannte Verschleierungen: "Die Dissertationsschrift behandelt hier die Positionen von Wilhelm H. van der Marck und Josef Fuchs, ist dabei jedoch erkennbar abhängig von Auer, der aber nicht genannt wird", heißt es unter anderem in Rohrbachers Gutachten. Der Vorwurf ist - zumindest meist - eben nicht, dass Schavan ihre Quellen komplett verschweigt, sondern dass sie oft nicht deutlich macht, wie viel sie übernommen hat.

Die Promotionsbedingungen:

  • Guttenberg arbeitete sieben Jahre an seiner Doktorarbeit - eine außergewöhnlich lange Zeit für eine juristische Promotion, sie lief neben seiner politischen Karriere. Wie er später selbst bemerkte, blieb ihm neben Job und Familie zu wenig Zeit, Fußnoten einzufügen. Einer der heftigsten Vorwürfe: Er soll den wissenschaftlichen Dienst des Bundestags für seine Dissertation benutzt haben. Und er schrieb seine Doktorarbeit, als das Internet längst selbstverständlich war und das Umkopieren ganzer Textstellen nur wenige Klicks erforderte.
  • Ende der siebziger Jahre, zu Zeiten von Schavans Dissertation hieß Promovieren: Bibliotheken und Archive durchstöbern, Zettelkästen und Karteikarten in Ordnung halten, die Arbeit auf der Schreibmaschine tippen. An das Internet konnte man noch gar nicht denken. Schavan begann im Alter von 23 Jahren eine anspruchsvolle Arbeit, inhaltlich an den Schnittstellen ihrer Studienfächer Erziehungswissenschaft, theoretische Psychologie und katholische Theologie. Bereits kurze Zeit später, mit Mitte 20, legte sie ihre Doktorprüfung ab.

Das Ergebnis:

  • Guttenberg erhielt im Jahr 2007 für seine 475-Seiten Arbeit mit dem Titel "Verfassung und Verfassungsvertrag" die Bestnote summa cum l aude.
  • Schavans Dissertation "Person und Gewissen", die sie im Jahr 1980 einreichte, wurde nicht als herausragende Arbeit benotet. Sie erhielt ein magna cum laude.

Die Konsequenzen:

  • Anfangs nannte Guttenberg die Vorwürfe "abstrus", räumte später jedoch "gravierende Fehler" ein - der Fall war klar. Im März 2011 trat er schwer beschädigt als Verteidigungsminister zurück. "KT" lebt derzeit mit seiner Familie an der Ostküste der USA.
  • Schavan bekannte damals, sie schäme sich nicht nur heimlich für Guttenberg. Über ihre eigene Doktorarbeit kommen andere Wissenschaftler zu einem milderen Urteil als Rohrbacher und "Schmidt", viele sehen die Dissertation als Grenzfall. Dass sie Schwächen hat, räumt auch Schavan mittlerweile ein. Ob ihr der Titel entzogen wird, müssen nun die Gremien der Universität Düsseldorf entscheiden. In diesem Fall stünde ihr Ministeramt auf dem Spiel.

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insgesamt 207 Beiträge
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1.
kdshp 16.10.2012
Zitat von sysopIPONAnnette Schavan soll in ihrer Doktorarbeit getäuscht haben. Noch ist nicht entschieden, ob sie ihren Titel verliert. Klar ist allerdings: So schwer wie bei ihrem Ex-Kollegen Guttenberg wiegen ihre Verstöße nicht. Ein Vergleich. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/plagiatsaffaere-um-doktorarbeit-schavan-und-guttenberg-im-vergleich-a-861600.html
Hallo, und was soll uns das sagen? Ob die kassiererin nun 1000 euro oder nen pfandbon für 1,50 euro mitnimmt sie fliegt PUNKT Betrug ist betrug ob nun wie bei herrn G PUNKT fast alles abgeschrieben ist oder wei bei frau S PUNKT nur ein paar sätze DER voorsatz zählt das beide betrogen haben. DIE DA OBEN sollten sich bewußt sein was so ein handeln für auswirkunge auf DIE UNTEN hat.
2.
Palland 16.10.2012
Zitat von kdshpHallo, und was soll uns das sagen? Ob die kassiererin nun 1000 euro oder nen pfandbon für 1,50 euro mitnimmt sie fliegt PUNKT Betrug ist betrug ob nun wie bei herrn G PUNKT fast alles abgeschrieben ist oder wei bei frau S PUNKT nur ein paar sätze DER voorsatz zählt das beide betrogen haben. DIE DA OBEN sollten sich bewußt sein was so ein handeln für auswirkunge auf DIE UNTEN hat.
Na Sie haben ja richtig Ahnung und vergleichen Äpfel mit Birnen.
3. bemerkenswert
amidelis 16.10.2012
Was hat die Person mit der Dissertation zu tun? So löblich ich die kostenlose Qualitätskontrolle durch Roberts finde, ist das nicht ein wenig selektiv? Warum werden nicht meine, oder die anderen 100000 Arbeiten ebenso akribisch kontrolliert? Ich finde die Arbeit dieser Leute gerät ausser Kontrolle und ich kann, je länger das aufkommt, den Gedanken nicht loswerden, dass es sich, wie bei VroniPlag um Rachefeldzüge enttäuschter Geister handelt. Dennoch ist der Wert dieser Mühen hoch, und sei es nur, dass hier und da ein paar Guillotiniert werden, damit das Niveau echter wissenschaftlicher Arbeiten steigt und die Trittbrettfahrer abspringen.
4. Plagiat light
rainer_daeschler 16.10.2012
Zitat von kdshpHallo, und was soll uns das sagen? Ob die kassiererin nun 1000 euro oder nen pfandbon für 1,50 euro mitnimmt sie fliegt PUNKT Betrug ist betrug ob nun wie bei herrn G PUNKT fast alles abgeschrieben ist oder wei bei frau S PUNKT nur ein paar sätze DER voorsatz zählt das beide betrogen haben. DIE DA OBEN sollten sich bewußt sein was so ein handeln für auswirkunge auf DIE UNTEN hat.
Die Plagiatsjäger machen ihre Ergebnisse erst öffentlich, wenn der Plagiatsanteil 10% erreicht. Das ist großzügiger als mein Professor, der mir die Arbeit schon beim ersten Plagiatsfund um die Ohren gehauen.hätte. Als im Verhältnis zu Guttenberg leichter Fall, wäre sie schon weit über der Grenze angelangt, was jeder ernsthafte Wissenschaftler akzeptieren würde. Der bekommt beim Gedanken allein an ein Plagiat schon Ausschlag.
5. Gnade
isdochso 16.10.2012
Lassen Sie Gnade walten und den Herrn von ... im Mülleimer der Geschichte ruhen.
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