Plagiatsfall: Uni Bonn entzieht Mathiopoulos den Doktortitel

Die wohl langwierigste Plagiatsaffäre Deutschlands geht in die nächste Runde: Die Uni Bonn erkennt Margarita Mathiopoulos ihren Doktorgrad ab - und revidiert eine Entscheidung, die zwei Jahrzehnte zurückliegt. Die FDP-Beraterin will gegen den Entzug klagen.

Plagiatsfall in der FDP: Frau Mathiopoulos soll Dr. abgeben Fotos
DPA

Hamburg - Die FDP-Beraterin Margarita Mathiopoulos soll ihren Doktortitel verlieren. Das hat der Fakultätsrat an der Universität Bonn beschlossen. Die Prüfer hätten in der Doktorarbeit mehr als 320 Stellen gefunden, in denen die Originalquelle nicht ordnungsgemäß zitiert wurde, teilte die Hochschule am Mittwoch mit.

Längere Passagen seien aus anderen Quellen fast wörtlich abgeschrieben und fremde Texte durch eine irreführende Zitierweise verschleiert worden. "Auf Grund der systematischen und breit angelegten Vorgehensweise steht aus der Sicht der entscheidenden Gremien fest, dass es sich nicht um bloße Versehen, sondern um vorsätzliche Täuschungen über die wissenschaftliche Urheberschaft handelt", heißt es in der Stellungnahme.

Mathiopoulos muss nun auch damit rechnen, zwei Honorarprofessuren zu verlieren: Die TU Braunschweig erklärte, sie werde die Honorarprofessur widerrufen, wenn der Doktortitel rechtskräftig aberkannt werde. Die Universität Potsdam kündigte an, sie werde sich am 9. Mai mit dem Fall befassen.

Die Politikberaterin will gegen den Entzug ihres Doktortitels klagen. "Die Entscheidung des Fakultätsrats ist unbegründet und rechtswidrig", teilten ihre Anwälte mit. Sie sei das Ergebnis eines "unfairen und von blindem Eifer geprägten Verfahrens". Die Anwälte schlossen nicht aus, eine persönliche Haftung der Uni-Ermittler prüfen zu lassen - "wegen massiver Schädigung" des wissenschaftlichen Rufs ihrer Mandantin.

Mitgliedern des Fakultätsrats seien Unterlagen vom Dekan der Fakultät nicht vollständig übermittelt worden. Außerdem habe der Promotionsausschuss zuvor bereits fehlerhafte und unvollständige Feststellungen getroffen, schreiben die Anwälte Wolfgang Kuhla und Jan Hegemann.

Der Promotionsausschuss der Hochschule hatte im Sommer 2011 beschlossen, die Dissertation von Mathiopoulos erneut zu überprüfen. Nach mehrmonatigen Beratungen kamen die Mitglieder zu dem Schluss: Die Doktorwürde müsse entzogen werden. Der Fakultätsrat habe diesen Beschluss nun einstimmig bestätigt, sagte der Dekan der Philosophischen Fakultät, Paul Geyer. Mathiopoulos darf ihren Titel aber trotzdem vorerst weiter führen - bis ihre Klage vor dem Verwaltungsgericht rechtskräftig abgewiesen ist.

Erste Überprüfung in den neunziger Jahren

Die Plagiatsaffäre reicht mehr als 20 Jahre zurück: Mathiopoulos hatte 1986 in Bonn promoviert, mit der Arbeit "Amerika: Das Experiment des Fortschritts. Ein Vergleich des politischen Denkens in den USA und Europa". Einige Jahre später tauchten erstmals Plagiatsgerüchte auf. Anfang der neunziger Jahre hatte eine stichprobenartige Überprüfung dann gravierende handwerkliche Mängel in der Dissertation ergeben. Weil aber kein Täuschungsvorsatz festgestellt wurde, sei der Doktorgrad damals nicht aberkannt worden, teilte die Uni mit.

Im Nachklang der Guttenberg-Affäre gruben Plagiatsjäger im Netz dann zahlreiche Fundstellen aus und dokumentierten sie auf der Seite VroniPlag. Die Universität überprüfte die Dissertation daraufhin erneut und revidierte ihr Urteil von damals. Die Entscheidung von 1991 sei aus heutiger Sicht objektiv rechtswidrig und konnte daher aufgehoben werden, heißt es in der aktuellen Stellungnahme der Uni.

Mathiopoulos' Anwälte widersprachen dieser Einschätzung. Der Bescheid von damals sei weiterhin gültig, Mathiopoulos habe nicht getäuscht. 1991 habe der Fakultätsrat festgestellt, die Doktorarbeit vertrete trotz ihrer handwerklichen Mängel eine originelle These, die Anerkennung unter namhaften Wissenschaftlern gefunden habe. Im aktuellen Verfahren habe die Uni Mathiopoulos eine persönliche Anhörung verweigert. Die Hochschule schreibt hingegen, sie habe umfassend Gelegenheit bekommen, sich zu dem Fall zu äußern und das auch getan.

Vertraute des Bundesaußenministers

Mathiopoulos studierte Geschichte, Politikwissenschaften und Jura in Bonn, an der Sorbonne, in Harvard und Stanford. Sie stand in den achtziger Jahren der SPD nahe und wurde bundesweit bekannt, als sie der damalige SPD-Vorsitzende Willy Brandt 1987 zur Parteisprecherin machen wollte.

Die Nominierung führte zu heftiger innerparteilicher Kritik an Brandt. Gegen Mathiopoulos sprach aus Sicht mancher Parteimitglieder, dass sie kein SPD-Mitglied und mit Friedbert Pflüger aus der CDU verlobt war. Der war Pressesprecher des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Nach einer Woche entschied sich Mathiopoulos gegen den Posten. Brandt legte danach alle Parteiämter nieder.

2002 trat Mathiopoulos in die FDP ein und wurde Beraterin des damaligen Parteichefs Guido Westerwelle. Sie gilt als Vertraute des Bundesaußenministers. So hatte sie ihn im Januar 2010 als Mitglied einer Wirtschaftsdelegation auf einer Reise nach Saudi-Arabien begleitet.

Die Philosophische Fakultät, die Mathiopoulos den Doktortitel nun entzieht, will bei Promotionen künftig noch genauer hinschauen. Bereits 2004 seien die Regeln für die Kontrolle und Betreuung von Promotionen verschärft worden.

otr/son/fln/dpa

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1. Bravo!
diddldaddl 18.04.2012
War überfällig. Jetzt sind ehrlich erworbene Titel wieder ein Stück wertvoller.
2.
degraa 18.04.2012
- 2 FDP Politiker - beide mit griechischen Eltern - und beiden wird der Doktortitel aberkannt signifikant nennen ... BTW: hat einer der Mitforisten einen Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/Margarita_Mathiopoulos#Ausbildung) Account? Die sind nicht ganz up-to-date ;-)
3. Gibt es überhaupt...
feb1958 18.04.2012
Zitat von sysopDie wohl langwierigste Plagiatsaffäre Deutschlands neigt sich dem Ende zu: Die Uni Bonn erkennt Margarita Mathiopoulos ihren Doktorgrad ab - und revidiert eine Entscheidung, die zwei Jahrzehnte zurückliegt. Die FDP-Beraterin muss nun auch mit dem Entzug von zwei Honorarprofessuren rechnen. Plagiatsfall: Uni Bonn entzieht Mathiopoulos den Doktortitel - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,828132,00.html)
...noch einen in dieser Plagiatorenbande namens FDP, der seine Promotion aus eigener Kraft bewältigt hat? Für mich ist es nicht mehr mit Zufall erklärbar, dass sich in dieser Splitterpartei die Blender, Betrüger, Steuerhinterzieher und Inhaber käuflicher Mandate in besonders hoher Zahl summieren.
4. Ganz widerlich dieser Vorgang...
Hupert 18.04.2012
Zitat von sysopDie FDP-Beraterin muss nun auch mit dem Entzug von zwei Honorarprofessuren rechnen.
...am Ende muss die arme Frau noch richtig arbeiten gehen. Das sollte einem jeden FDP Mitglied doch bitte erspart bleiben.
5. Kein Zufall
leerzeichen 18.04.2012
Zitat von feb1958...noch einen in dieser Plagiatorenbande namens FDP, der seine Promotion aus eigener Kraft bewältigt hat? Für mich ist es nicht mehr mit Zufall erklärbar, ...
Nein, das ist kein Zufall. Das liegt daran, welche Arbeiten z.B. bei VroniPlag zur Prüfung vorgeschlagen und besonders engagiert bearbeitet wurden. Das ergaben ja auch die Interviews mit einem aufgedeckten Hauptakteur dieses PlagWiki vor etwa einem Jahr.
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