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05. Februar 2013, 20:26 Uhr

Plagiatsvorwürfe

Uni erkennt Schavan Doktortitel ab - Ministerin kündigt Klage an

Die Uni-Prüfer haben entschieden: Bundesbildungsministerin Annette Schavan muss auf ihren Doktorgrad verzichten. Zwölf Mitglieder des zuständigen Fakultätsrates stimmten dafür, zwei dagegen, es gab eine Enthaltung. Die CDU-Frau kündigte umgehend eine Klage gegen die Entscheidung an.

Berlin/Düsseldorf - Die Universität Düsseldorf entzieht Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) den Doktortitel. Der zuständige Fakultätsrat habe im Plagiatsverfahren für die Aberkennung gestimmt, teilte Dekan Bruno Bleckmann mit. Zwölf Mitglieder des Gremiums stimmten demnach für den Titelentzug, zwei dagegen, es gab eine Enthaltung. Schavan will gegen den Entzug ihres Doktortitels durch die Uni Düsseldorf klagen. Das teilten ihre Anwälte umgehend am Dienstagabend mit.

Schavan habe als Doktorandin "systematisch und vorsätzlich gedankliche Leistungen vorgetäuscht, die sie nicht selbst erbracht" habe, so Bleckmann. Es seien in "bedeutendem Umfang" Texte übernommen worden, die nicht gekennzeichnet wurden. Qualität und Umfang der Plagiatsstellen sowie das "öffentliche Interesse am Schutz der Redlichkeit wissenschaftlichen Qualifikationserwerbes" haben die Entscheidung herbeigeführt. Schavan kann gegen den Titelentzug aber noch innerhalb eines Monats klagen.

Am Nachmittag war der Rat der Philosophischen Fakultät der Uni Düsseldorf zusammengekommen, nach gut sechs Stunden trat der Dekan der Fakultät vor die Presse und verkündete die Entscheidung. Stimmberechtigte sind in dem Uni-Gremium acht Professoren, zwei wissenschaftliche und zwei nichtwissenschaftliche Mitarbeiter sowie drei Studentenvertreter. Sie mussten darüber beraten, ob Teile von Schavans Doktorarbeit als Plagiat anzusehen sind und ob die Ministerin ihren Titel deshalb verliert. Erst vor zwei Wochen hatten sie mit 14 Ja-Stimmen und einer Enthaltung das Verfahren zum Titelentzug offiziell eröffnet. Der Dekan kündigte damals eine "ergebnisoffene" Prüfung an, "ohne Ansehen der Person und ihrer Position".

Für Schavan ging es nicht nur um ihren Titel, sondern auch um ihren akademischen Ruf. Ihre politische Zukunft ist jetzt höchst ungewiss. Bislang hielt die CDU-Spitze zu ihr, doch eine Bildungsministerin ohne akademischen Abschluss - Schavan promovierte seinerzeit ohne weitere Prüfung direkt - dürfte im Wahljahr 2013 kaum tragbar sein.

Sie schäme sich nicht nur heimlich, hatte Schavan 2011 gesagt, als ihr Kabinettskollege Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) wegen Plagiatsvorwürfen unter Druck geriet. Jetzt muss sie sich an den eigenen hohen Moralansprüchen messen lassen. Sie hatte die Vorwürfe immer bestritten und zuletzt lediglich Flüchtigkeitsfehler eingeräumt.

Seit Frühjahr 2012 zieht sich die Affäre bereits hin. Es begann damit, dass im Internet anonyme Plagiatsvorwürfe gegen die Ministerin auftauchten. Seitdem läuft die Debatte um ihre 1980 in Düsseldorf eingereichte Dissertationsschrift mit dem Titel "Person und Gewissen". Schavan selbst bat ihre frühere Uni um Prüfung.

An fast hundert Stellen der Arbeit wollen Plagiatsjäger nicht sauber ausgewiesene Quellen entdeckt oder Verstöße gegen wissenschaftliche Standards ausgemacht haben. In einem internen Uni-Gutachten, über das der SPIEGEL berichtete, war von 60 Stellen und einer "leitenden Täuschungsabsicht" die Rede.

"Von Anfang an ein unfaires Verfahren"

Bereits kurz nach der Entscheidung der Universität Düsseldorf gab es auch erste Reaktionen aus der Politik. Michael Kretschmer (CDU), Unionsfraktionsvize im Bundestag, bezeichnete das Vorgehen der Uni als "Farce". "Es war von Anfang an ein unfaires Verfahren", sagte er. Kretschmer kritisierte: "Das Procedere ist keine wissenschaftliche Überprüfung, sondern eine politisch motivierte Kampagne gegen eine sehr erfolgreiche Bundesforschungsministerin." "Die letzten neun Monate waren von Mutmaßungen und mangelnder Fairness, von frühzeitigen Veröffentlichungen und einem Vorgehen geprägt, das mehr Fragen aufgeworfen als Antworten gegeben hat", kritisierte auch der bildungspolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Patrick Meinhardt.

Der bildungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Ernst Dieter Rossmann, sagte dagegen der "Berliner Zeitung", mit dem Verlust des Doktortitels habe Schavan nicht mehr die Überzeugungskraft, um als Vorbild zu dienen. Seine Linke-Kollegin Petra Sitte forderte Schavan auf, die Konsequenzen zu ziehen und ihr Amt aufzugeben. Johannes Ponader, politischer Geschäftsführer der Piratenpartei. sagte: "Der Rücktritt von Frau Schavan ist überfällig. Die Grundlage von aufrichtiger Politik ist Glaubwürdigkeit. Diese Glaubwürdigkeit kann Frau Schavan nicht länger verkörpern."

jdl/otr/AFP/dpa

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