Von Oliver Trenkamp
Seine Anonymität will er noch immer nicht aufgeben, er nennt sich nach wie vor nur "Robert Schmidt", und er sagt jetzt: "Ich habe keinerlei Bedürfnis danach, in der Öffentlichkeit zu stehen." Nein, er sagt es nicht, er faxt es, damit auch Journalisten seine wahre Identität nicht recherchieren können. "Schmidts" Recherchen haben das Verfahren gegen Annette Schavan in Gang gebracht - er ist der Plagiatsjäger, der die Bundesministerin für Bildung und Forschung ins Visier genommen und in Bedrängnis gebracht hat.
"Schmidt" hatte vor Monaten die ersten Plagiatsvorwürfe gegen Schavan veröffentlicht und in der vergangenen Woche dann eine Art Abschlussbericht vorgelegt (hier als pdf). Fünf Monate lang hat er die Doktorarbeit der Ministerin durchgearbeitet, Fußnoten verglichen, Quellen studiert. Sein Ergebnis: Schavan soll auf 92 der 326 Seiten (abgezogen sind Inhalts- und Literaturverzeichnis) ihrer Promotion Stellen aus "nicht oder nicht ausreichend" kenntlich gemachten Quellen übernommen haben. "In etlichen Fällen nicht entschuldbar", so "Schmidt".
Jetzt berichtet der SPIEGEL über ein Gutachten der Uni Düsseldorf zur selben Doktorarbeit. Verfasst hat es Stefan Rohrbacher, Professor für Jüdische Studien und Vorsitzender des zuständigen Prüfungsausschusses in Düsseldorf. Er beanstandet lediglich 60 Fundstellen, kommt aber zu einem ebenso verheerenden Urteil: Er erkennt "das charakteristische Bild einer plagiierenden Vorgehensweise".
Der Vergleich beider Analysen und die Differenziertheit der Diskussion - auch im Netz - lassen sich als Triumph der größtenteils anonymen Plagiatsjäger interpretieren, die ja immer wieder kritisiert werden als Pedanten und Denunzianten. Es zeigt sich, dass sie das zum großen Teil nicht sind, auch wenn ihre Hartnäckigkeit vielen Hochschulen auf die Nerven geht. Ihre Recherchen aber können sich oft durchaus mit universitären Gutachten messen lassen.
Wie schwer sind Schavans Verstöße tatsächlich?
Sicher, der Text von "Schmidt" ist im Ton plakativer, anklagender und weniger abwägend als das Uni-Gutachten. "Schmidt" listet mehr verdächtige Stellen auf als Rohrbacher, was sich der Plagiatsjäger damit erklärt, dass Rohrbacher wahrscheinlich strengere Maßstäbe angelegt habe, damit seine Analyse auch vor Gericht Bestand haben könne.
Rohrbacher formuliert weitaus akademischer, mit einem Hang ins Umständliche. Er schreibt eher komplizierte Sätze wie: "Eine leitende Täuschungsabsicht ist nicht nur angesichts der allgemeinen Muster des Gesamtbilds, sondern auch aufgrund der spezifischen Merkmale einer signifikanten Mehrzahl von Befundstellen zu konstatieren." Er arbeitet gründlicher, ist in seinen Schlussfolgerungen aber ebenso streng.
Das Urteil beider lautet: Annette Schavan habe getäuscht. Damit ist nicht gesagt, dass die zuständigen Uni-Gremien dieser Einschätzung folgen und der Ministerin ihren Doktortitel entziehen. Erst muss auch die Betroffene noch gehört werden: Schavan will dabei in die Offensive gehen, sie will die Uni überzeugen, dass es vielleicht einige unsaubere Stellen gebe, dass sie aber nie betrogen habe in ihrer Arbeit "Person und Gewissen". Sie bestreitet die Vorwürfe, Angela Merkel stärkte ihr jetzt den Rücken.
Es lässt sich trefflich streiten, wie schwer Schavans Verstöße tatsächlich wiegen. In jedem Fall sind sie von einer ganz anderen Qualität als die ihres damaligen Kabinettskollegen Karl-Theodor zu Guttenberg. Und ähnlich differenziert wird auch die Debatte im Netz geführt. Denn längst nicht alle Plagiatsjäger - oder Dokumentaristen, wie sie sich selbst gern nennen - sehen die Sache so eindeutig wie "Schmidt".
Diskussionen im Netz
"Schmidt" faxt, Schavan sei "durch das Gutachten unwiderruflich beschädigt". Sie sei als Ministerin nicht zu halten, "selbst wenn der Rat der Philosophischen Fakultät Gnade walten lassen und ihr den Doktorgrad nicht entziehen sollte - was ich nicht hoffe". Andere Aktivisten der Seite VroniPlag, auf der mehrere Plagiatoren enttarnt wurden, sehen es nicht so rigoros. Debora Weber-Wulff, Plagiatsexpertin und Professorin an der Hochschule für Wirtschaft und Technik in Berlin, steht auch mit ihrem echten Namen für ihre Mitarbeit an der Seite ein. Sie beschreibt die Haltung ihrer Mitstreiter gegenüber Schavan so: "Es gibt klarere Fälle, die nicht aberkannt worden sind." Bei den Verstößen in Schavans Arbeit gegen wissenschaftliche Standards handele es sich eher um Unsauberkeiten.
Die Plagiatsjäger haben den Ruf, mit ihrer Arbeit unbedingt Titelaberkennungen und Rücktritte erreichen zu wollen. Das mag für einige auch stimmen, sie betreiben zum Teil offensive Pressearbeit. Aber wenige schlagen blind auf vermeintliche Plagiatoren ein. Sie diskutieren ihre Ergebnisse im Netz, wenn auch der Ton manchmal rau ist. So war es auch zu Beginn des Schavan-Falls: Die "VroniPlagger" hatten einige Stellen gefunden und stimmten darüber ab, ob man die Sache samt Klarnamen der Ministerin öffentlich machen sollte. Eine knappe Mehrheit entschied sich dagegen.
"Schmidt" startete dann allerdings einen Alleingang und machte die Recherchen auf der Seite Schavanplag publik. Durch das Uni-Gutachten fühlt er sich bestätigt: "Die Fakten sprechen eine sehr klare Sprache. Da helfen auch alle verschwiemelten schavanschen Erklärungen nichts mehr", faxt er. Eine neue Doktorarbeit will er sich zunächst nicht vornehmen: "Ich entspanne jetzt erst mal."
Bei VroniPlag hingegen durchforsten die Aktivisten weitere Arbeiten und warten in mehreren Fällen auf die Entscheidungen der jeweiligen Unis. Die akademische Welt muss sich darauf einstellen, dass Dissertationen immer häufiger im Netz durchleuchtet werden.
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