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10. Januar 2013, 16:16 Uhr

Akademisches Recycling

Darf ich bei mir selbst abschreiben?

Ein nordrhein-westfälischer SPD-Mann steht unter Plagiatsverdacht, weil er seine Magisterarbeit zur Doktorarbeit aufgemöbelt haben soll. Aber sind akademisches Recycling und Mehrfachveröffentlichung nicht durchaus üblich?

"Lange nichts mehr gehört von Karl-Theodor zu Guttenberg. Oder den anderen Politikern, denen (...) im Zuge einer von Plagiatsjägern im Internet organisierten Kampagne wissenschaftliche Unredlichkeit nachgewiesen oder auch nur nachgesagt worden ist." So beginnt ein Text aus dem "Freitag", der dort im vergangenen Jahr erschienen ist. Klare Sache, ohne diese Quellenangabe und ohne die Anführungszeichen wäre das hier schon ein Plagiat. Die Übernahme eines fremden Textfragments, ohne es kenntlich zu machen.

Der Text im "Freitag" beschäftigt sich mit dem Thema "Eigenplagiat" und der in der Wissenschaft durchaus üblichen Praxis, eigene Texte nur leicht abgewandelt neu zu veröffentlichen. Es ist eigentlich ein Thema für die akademische Welt, das aber immer wieder aufpoppt, weil bei all den Plagiatsaffären der vergangenen Jahre auch immer wieder eben jener Vorwurf erhoben wird: Ein Politiker habe bei sich selbst abgeschrieben, um sich einen Doktortitel zu erschleichen.

Zuletzt sah sich der Sozialdemokrat Marc Jan Eumann, NRW-Staatssekretär für Medien, dem Vorwurf ausgesetzt: Er soll seine Magisterarbeit, die immerhin 20 Jahre alt ist, zu einer Doktorarbeit aufgemöbelt haben - und zwar ohne eindeutig zu kennzeichnen, welche Passagen aus der alten Arbeit stammen. Die TU Dortmund überprüft die Vorwürfe gerade.

Aber was hat es mit dem Eigen- oder Selbstplagiat auf sich? Warum soll es verwerflich sein, eigene Gedanken und Texte zu recyceln? So argumentiert zum Beispiel ein "Welt"-Autor, der vor wenigen Monaten schrieb: "In der Kunst (...) würde die Ächtung von Autoplagiaten zu einem kulturellen Kahlschlag führen." Igor Strawinsky habe gesagt, er habe nicht nicht Hunderte von Konzerten geschrieben, sondern nur ein einziges, dieses aber hundert mal.

Das mag sein, aber in der Wissenschaft gelten eben andere Regeln, auch wenn über den Begriff des "Eigenplagiats" immer wieder diskutiert wird: Dem Leser muss stets klar sein, woher ein Gedanke, eine These, eine Textpassage stammt. Und deshalb gilt auch für die Mehrfachverwertung eigener wissenschaftlicher Texte: Wer sich selbst zitiert, muss es kenntlich machen.

Ja, es ist üblich, dass Wissenschaftler ihre Texte mehrfach veröffentlichen, oft unter verschiedenen Titeln. So lässt sich einerseits die eigene Publikationsliste verlängern, zum anderen erreicht ein Gedanke ja vielleicht mehr Leser, wenn er auf vielen Kanälen gestreut wird. Aber auch hier gilt grundsätzlich das akademische Reinheitsgebot: Mache deutlich, woher etwas stammt - auch wenn es von dir selbst ist.

Ein Verstoß dagegen kann auch hochangesehenen Vertretern eines Fachs Ärger einbringen. So ist ein bekannter Zürcher Ökonom in Verruf geraten, weil er bei sich selbst abschrieb, wie das "Handelsblatt" berichtete: Demnach veröffentlichte er Forschungsergebnisse mehr oder weniger gleichzeitig in verschiedenen Publikationen, ohne das deutlich zu machen.

Bei der VG Wort, die an Autoren Geld für veröffentlichte Texte ausschüttet, reicht es zwar schon, wenn ein Zehntel des neuen Textes sich vom alten unterscheiden: "Nachdrucke und Neuauflagen können gemeldet werden, wenn sie inhaltlich um mindestens 10% verändert sind", heißt es auf der Webseite. Doch für die wissenschaftliche Redlichkeit ist das keine maßgebliche Größe.

otr

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