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Plagiatsfall Chatzimarkakis: Oxford als Ausrede

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Hat Chatzimarkakis das Schludern in Oxford gelernt? Im Fernsehen verteidigte der FDP-Politiker seinen umstrittenen Zitierstil und verwies auf die britische Kaderschmiede. Zwei deutsche Doktoranden der renommierten Hochschule sind empört - und treten zur Ehrenrettung der Elite-Uni an.

Chatzimarkakis bei Will: Das Oxford-Argument Fotos
dapd

Jan Rosenow traute seinen Ohren nicht. Er schaute gerade auf seinem Rechner die Sendung "Anne Will" zum Thema "Die Blender-Republik - wie weit kommt frech" an. Einer der Gäste: Der Europapolitiker Jorgo Chatzimarkakis, der gerade um seinen Doktortitel bangen muss, weil er in seiner Dissertation zitierte Passagen teilweise nicht ordnungsgemäß kenntlich gemacht, also plagiiert haben soll. Der FDP-Mann saß in der Talkshow, um sich gegen die Kopiervorwürfe zu wehren.

Und er hatte eine erstaunliche Rechtfertigung für seine ungewöhnliche Zitierweise: seinen Auslandsaufenthalt an der Universität Oxford. "Die formulieren irgendwie anders", habe er dort bei einem Forschungsaufenthalt in den neunziger Jahren festgestellt. "Die benutzen das Intertextualisieren, also das lesbar machen von Texten." Wissenschaftliche Texte seien ja gerade durch "dieses Einrücken und dieses Zitieren" manchmal sehr sperrig. Aber er habe sich gesagt: "Gib jeden entlehnten, übernommenen Gedanken mit seiner Quelle an." Und genau so habe er es auch gemacht.

Wie bitte? Ohne Anführungszeichen zu zitieren lernt man in Oxford und Hauptsache irgendwo steht die Quelle? Quasi eine schlampige Oxforder Schule der guten Lesbarkeit? Rosenow sagt, er war entsetzt. "Ich fand das unglaublich, ich fühlte mich fast persönlich beledigt." Rosenow, 31, macht seit zwei Jahren seinen Doktor in Energiepolitik an der weltweit renommierten Uni Oxford. Dass dort lax mit Zitierregeln umgegangen werden soll, war ihm neu. Er - und unabhängig von ihm - ein anderer Doktorand wollten den Namen ihrer Elite-Uni schützen.

Intertextualisieren - What's that again?

Der andere Doktorand heißt Markus Gerstel, 28, er stammt aus München; auch er war "einigermaßen aufgebracht", als er die Sendung sah, auf die er durch eine Twitter-Meldung aufmerksam geworden war. Seit einem Jahr arbeitet er an seiner Dissertation in Systembiologie in Oxford. Und er hält es für ausgeschlossen, dass Chatzimarkakis seine Freistilzitierweise dort gelernt hat. "Das ist kompletter Blödsinn", so Gerstel. Gerade an seiner Uni werde unglaublich viel Wert auf korrektes wissenschaftliches Arbeiten gelegt. Als Student werde man geradezu im Überfluss darauf aufmerksam gemacht, wie man arbeitet, ohne zu plagiieren.

Jeder Student erhalte Bücher, in denen die Regeln stehen, in Rundmails werde ebenfalls regelmäßig auf das korrekte wissenschaftliche Arbeiten hingewiesen - inklusive Infos zum Disziplinarverfahren, das einen erwartet, wenn man es nicht tut. Auch auf der Internetseite der Uni-Verwaltung kann man nachlesen, was in Oxford als Plagiat gilt.

Gerstels Betreuerin, die schon seit Jahrzehnten an der Uni lehrt, sei ebenfalls sprachlos gewesen, als er ihr von Chatzimarkakis Äußerungen erzählte, berichtet der Promotionsstudent. Vom Begriff der Intertextualisierung in Bezug auf wissenschaftliches Arbeiten habe auch sie nichts gehört. "Wahrscheinlich hat er sich gedacht, er beruft sich einfach auf die Eliten in Oxford, und hat gehofft, dass keiner das so richtig mitkriegt", sagt Gerstel.

Beide Doktoranden wollten ihrem Ärger Luft machen und die Aussagen Chatzimarkakis nicht auf sich beruhen lassen. Schließlich ging es um den guten Ruf ihrer Alma Mater.

Gerstel kommentierte die Argumentation des FDP-Manns süffisant auf seinem Blog und verfasste einen offiziellen Brief an seine Universität, um sie darauf aufmerksam zu machen, dass diese gerade in Deutschland in Verruf gebracht werde.

"Methodische Schwächen"

Rosenow wandte sich fast zur selben Zeit in einem offenen Brief an Chatzimarkakis' Parteichef Philipp Rösler, den er auf der Petitionsplattform openPetition einstellte. Chatzimarkakis' Äußerungen seien "ein Affront für alle Wissenschaftler", Wirtschaftsminister Rösler müsse Stellung beziehen und die "unhaltbaren Rechtfertigungen" seines Parteikollegen richtigstellen. Bis zum Montagnachmittag hatten schon gut 530 Unterstützer die Petition mitgezeichnet.

Laut Chatzimarkakis' Website hatte sich der Politiker 1995 für drei Monate zu Forschungszwecken am St. Anthony's College in Oxford aufgehalten, betreut von Lord Dahrendorf, dem liberalen Urgestein. Drei Monate, die offenbar ausgereicht haben, seine Einstellung zum wissenschaftlichen Arbeiten aus sechs Jahren Studium an der Universität Bonn über den Haufen zu werfen.

Seinen Doktortitel erwarb er im Jahr 2000 an der Philosophischen Fakultät der Uni Bonn. Sechs Jahre habe er gebraucht, die Diss sei "die Krönung seiner wissenschaftlichen Laufbahn" gewesen, sagte Chatzimarkakis bei "Anne Will". Vor Reportern des RTL-Magazin "Extra" sagte er, wegen seines Jobs im Planungsstab des Auswärtigen Amts habe er fast nur im Urlaub an seiner Doktorarbeit schreiben können. Trotz "methodischer Schwächen", die auch seinem Doktorvater aufgefallen waren, entschied er sich, die Arbeit einzureichen und erhielt die Note 3.

Zu den "methodischen Schwächen" gehört auch seine eigenwillige Zitierweise. Unter anderem verwendete er zwei Zeitungsartikel nahezu komplett, nannte zwar Autoren und Quelle, machte die übernommenen Textteile aber nicht durch Anführungszeichen als Zitat kenntlich. So ist nicht ersichtlich, welche Teile kopiert und welche von ihm verfasst wurden - ein Vorgehen, das nicht vereinbar ist mit den gängigen wissenschaftlichen Normen. Die Uni Bonn will am 13. Juli entscheiden, ob sie dem Europaabgeordneten den Doktortitel entzieht. Einiges deutet darauf hin, dass der Fakultätsrat Chatzimarkakis seinen Grad aberkennt wird - doch der zeigt bislang kein Einsehen.

Mail von Chatzimarkakis

Die Empörung der Doktoranden drang in der vergangenen Woche auch bis zu Chatzimarkakis durch. Der Politiker schrieb dem Promotionstudenten Rosenow am 6. Juli eine E-Mail, in der er sich bei ihm entschuldigte. An seiner Position aber, Oxford habe ihn auf die Idee gebracht, ungenügend zu zitieren, hielt er weiter fest.

"Selbstverständlich wollte ich nicht behaupten, die Zitierweise, die ich gewählt habe, werde in Oxford allgemein empfohlen", schreibt Chatzimarkakis. Er sei in Oxford lediglich "inspiriert" worden, eine besondere Arbeitsweise zu verwenden, mit der er seine Texte lesbarer habe machen wollen. Mit SPIEGEL ONLINE wollte der Politiker unter Plagiatsverdacht nicht persönlich sprechen. Sein Sprecher verwies stattdessen auf die Mail an Rosenow.

"Dass Herr Chatzimarkakis überhaupt geantwortet hat, fand ich sehr positiv", sagt Rosenow. Anschließend hätten er und der FDP-Politiker auch noch telefoniert. Letztlich habe der aber nach wie vor nicht eingesehen, etwas falsch gemacht zu haben. Er habe schließlich alle Quellen ausgewiesen, wie er auch in seiner E-Mail an den Doktoranden schrieb.

Rosenow hofft nun auf eine Reaktion von Wirtschaftsminister Rösler - und auf eine öffentliche Klarstellung durch Chatzimarkakis. Einen positiven Aspekt hat die ganze Sache für die beiden Doktoranden aus Oxford bereits. Sie haben sich endlich mal kennengelernt. Gerstel fand den offenen Brief im Netz und setzte sich mit Rosenow in Verbindung. Beim gemeinsamen Bier stellten sie fest, dass sie beide am selben College sind und sich bereits vom Sehen kannten. Nun verbindet sie ihr Protest gegen die Verunglimpfung ihrer Uni.

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insgesamt 185 Beiträge
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1. Arno Dübel
Inuk 13.07.2011
Zitat von sysopHat Chatzimarkakis das Schludern in Oxford gelernt? Im Fernsehen verteidigte der FDP-Politiker seinen*umstrittenen Zitierstil und verwies auf die britische Kaderschmiede. Zwei deutsche Doktoranden der renommierten Hochschule sind empört - und treten zur Ehrenrettung der Elite-Uni an. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,773276,00.html
Deutschlands Plagiaträuber, Herr zu Guttenberg, Frau Saß, Frau Koch-Mehrin, Herr Althusmann, Herr Chatzimarkakis und Frau Mathiopoulos müssen genau so gesellschaftlich geächtet werden, wie der faulste deutsche Hartz IV-Empfänger Arno Dübel. Pfui, schämt euch. Es ist schade, "Elite"-Persönlichkeiten mit Arno Dübel in einem Satz nennen zu müssen. Diese Herrschaften sind jetzt alle auf gleicher Augenhöhe. Wir wollen von solchen Politikern nicht vertreten werden. Ich habe Angst, wenn ich sehe, wie solche Betrüger unser Schicksal bestimmen. Aber was will man von Politikern, deren Karriere nur aus Kreißsaal, Schulsaal, Hörsaal und Plenarsaal besteht, schon erwarten?
2. ach ja, klar....
derlabbecker 13.07.2011
..... wenn der Herr in seiner Doktorarbeit das mit den Zitaten nicht hinbekommt sind andere Schuld. Ist klar.... Oder ist das etwa ein Verweis auf seinen blöden Ghostwriter? :-)
3. Tja die FDP
rodelaax 13.07.2011
Das ist also keine spätrömische, sondern eine oxfordianische Dekadenz, die sich Herrn Chatzimarkakis breit gemacht hat. Die spinnen, die FDPler!
4. und wieder
bunterepublik 13.07.2011
und wieder stelle ich mir die Frage, wie viele Doktorarbeiten wohl tatsächlich den Anforderungen gerecht werden. Ich gehe nicht davon aus, dass die Plagiatshäufigkeit nur bei Politikern gegeben ist, sondern auch bei Rechtsanwälten, Ärzten, Vorständen, Lehrern usw. usf. Ich gehe davon aus, dass die Schludrigkeit (die von vielen als Betrug bezeichnet wird) im ganzen akademischen Betrieb vorherrscht. Es muss einfach schon rein statistisch betrachtet so sein.
5. Das habe ich in Oxford so gelernt!
epinephrin 13.07.2011
Nach Herr Guttenberg und Frau Koch-Mehrin ist nun ‘Doktor’ Chatzimarkakis an der Reihe. Sehr schön. Markus Gerstel ist Mitglied der Piratenpartei.
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