Plagiatsaffäre Koch-Mehrin: Gericht vertagt Entscheidung

Hängepartie im Plagiatsfall Silvana Koch-Mehrin: Das Verwaltungsgericht Karlsruhe vertagt die Entscheidung, ob die FDP-Politikerin ihren Doktortitel zu Recht abgeben musste. Die Universität Heidelberg konnte in der Verhandlung nicht alle Fragen des Anwalts beantworten, bleibt aber selbstbewusst.

Silvana Koch-Mehrin auf einem FDP-Bundesparteitag: Kampf gegen den Titelentzug Zur Großansicht
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Silvana Koch-Mehrin auf einem FDP-Bundesparteitag: Kampf gegen den Titelentzug

Die Richter hätten gern ein Urteil gefällt, ob die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin ihren Doktorgrad zurückbekommen soll oder nicht. Es sei das Ziel, in dieser Frage heute zu entscheiden, hatte ein Sprecher des Verwaltungsgerichts Karlsruhe am Mittwochmorgen gesagt. Doch dann grätschte Koch-Mehrins Anwalt dazwischen - "überraschend", wie der Sprecher sagte - und die Entscheidung wurde vertagt.

Die Juristen, die die Universität in der mündlichen Verhandlung vertraten, hätten unter anderem nicht beantworten können, ob der Promotionsausschuss der Philosophischen Fakultät rechtmäßig gewählt worden war, sagte Christian Birnbaum, der Anwalt der FDP-Politikerin. Das Gremium hatte Koch-Mehrins Dissertation geprüft und war zu dem Schluss gekommen, dass sie "in substantiellen Teilen" aus Plagiaten bestehe. Im Juni 2011 erkannte die Universität Koch-Mehrin den Doktortitel ab.

Die Hochschule habe den Prozess "sehr sorgsam" durchgeführt, sagte die Sprecherin der Universität, Marietta Fuhrmann-Koch. "Wir haben transparente Regeln." Die Idee, dass der Promotionsausschuss nicht ordnungsgemäß zusammengekommen sei, halte sie für "absurd".

Anwalt Birnbaum warf auch die Frage auf, ob diese Entscheidung verhältnismäßig gewesen sei - oder ob die Hochschule zum Beispiel auch die Note, die seine Mandantin für ihre Arbeit bekommen hatte, lediglich hätte absenken können. Die Universitätssprecherin sagte dazu: "Die Zahlen sprechen für sich." Der Promotionsausschuss habe auf rund 80 Textseiten mehr als 120 Stellen als Plagiate identifiziert. Zwei Drittel der Publikationen, aus denen diese stammten, seien nicht im Literaturverzeichnis aufgeführt gewesen.

Koch-Mehrin hatte stets versichert, dass die wissenschaftlichen Ergebnisse der Arbeit auf ihrer eigenen Leistung beruhten. Die Mängel der Dissertation mit dem Titel "Historische Währungsunion zwischen Wirtschaft und Politik. Die Lateinische Münzunion zwischen 1865 und 1927" aus dem Jahr 2001 seien der Universität bekannt gewesen und in die Benotung eingeflossen.

Europaparlament: Koch-Mehrin will nicht mehr kandidieren

Die FDP-Politikerin kämpft seit Monaten dagegen, als Plagiatorin zu gelten. Sie hatte Widerspruch gegen die Entscheidung der Hochschule eingelegt, ihr den Titel abzuerkennen. Als die Uni diesen zurückwies, reichte Koch-Mehrin Klage ein.

Wann das Karlsruher Gericht sein Urteil fällen wird, ist offen. Beide Seiten hätten bis zum 28. November Zeit, Stellung zu nehmen, sagte der Sprecher. Die Uni müsse die erforderlichen Unterlagen nachreichen, die Klägerseite dürfe dann innerhalb der Frist darauf antworten. Man habe sich darauf geeinigt, auf eine weitere öffentliche Verhandlung zu verzichten. Das Gericht werde nun aufgrund der Aktenlage entscheiden.

Koch-Mehrin galt einst als Hoffnungsträgerin der Liberalen, bis im vergangenen Jahr der Verdacht aufkam, dass sie in ihrer Doktorarbeit abgeschrieben habe. Anonyme Plagiatsjäger hatten die Vorwürfe im April im Internet veröffentlicht. Koch-Mehrin war daraufhin von ihren Ämtern als Vizepräsidentin des Europaparlaments, als Vorsitzende der FDP im Europäischen Parlament und als FDP-Präsidiumsmitglied zurückgetreten. Sie wolle verhindern, dass die öffentliche Diskussion über ihre Dissertation ihre gesamte Familie weiter belaste, hatte Koch-Mehrin damals gesagt. Außerdem wollte sie ihrer Partei "einen Neuanfang mit einem neuen Führungsteam" erleichtern. Ihr Mandat als Abgeordnete behielt sie.

2014 wolle sie jedoch nicht wieder für das Europaparlament kandidieren, in dem sie seit 2004 sitzt, sagte sie vor kurzem dem SPIEGEL. 2009 fuhr die FDP mit ihr als Spitzenkandidatin das bisher beste Ergebnis bei einer Europawahl ein: elf Prozent. In der Abstimmung über die neuen Vizepräsidenten des Parlaments bekam sie allerdings nur knapp genug Stimmen, um einen der 14 Vize-Posten zu übernehmen.

Seitdem der frühere Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) sein Amt niederlegte und seinen Doktortitel verlor, weil er sich in seiner Dissertation bei anderen Autoren bedient hatte, machten mehrere prominente Plagiatsfälle Schlagzeilen. Auch Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) steht unter dem Verdacht, in ihrer Doktorarbeit nicht korrekt zitiert zu haben.

son

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insgesamt 28 Beiträge
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1. Die FDP-Dame...
derpublizist 14.11.2012
...hat nicht nur betrogen und gelogen, sie ist auch noch extrem dreist. Letztlich sind viele Politiker unbestreitbar mit Hilfe ihres Dr.-Titels in höchste politische Positionen gekommen: Schawan, Guttenberg, Koch-Mehrin und einige Dissertationstrixer mehr. Eindeutig überführt, aber anbgebrüht genug, kassiert Koch-Mehrin weiter. Und der Steuerzahler trägt wieder einmal die Rechnung für diese Mogelpackung.
2. Frau Koch-Mehrin....
fatherted98 14.11.2012
...zeichnet sich wirklich schon seit Jahren mit einer nicht mehr zu messenden Arroganz und Boniertheit aus. Abgesehen von dem Skandal um Ihren Doktortitel...der genug Grund gäbe den politischen Rückzug anzutreten, hat Frau Koch-Mehrin bislang keine messbare politische Arbeit vollbracht...sogar in der eigenen Partei wird sie stark kritisiert...doch ohne Erfolg...sie sitzt ihre Wahlperiode aus....ob sie danach einen Lobbyjob in der freien Wirtschaft finden wird ist sicher noch wackelig...denn ohne Doktor-Titel ist sie dort wahrscheinlich auch nicht gern gesehen.
3. ...
mk84 14.11.2012
Wie gerne erinnere ich mich an die Plakate mit dieser selbsternannten "Leistungsträgerin": "Leistung muss sich wieder lohnen!" Was für eine Farce - zudem, der bestbezahlte Job als Beraterin und Co. ist ihr dennoch sicher, schließlich zählen in der "Elite" vor allem Netzwerke, und über die dürfte Fr. Koch-Mehrin verfügen.
4. winkeladvokat
autocrator 14.11.2012
Koch-Mehrins anwalt sollte sich was schämen: soweit ich orientiert bin, vertritt bzw. vertzeidigt ein anwalt nicht nur seinen mandanten, sondern dient auch noch der rechtspflege. Was soll der stuss, zu bezweifeln, dass der prüfungsausschuss ordentlich besetzt wurde? ändert das irgend was am befund? Da wird versucht, über verfahrensfragen zeit zu schindenfür eine inhaltlich längst verlorene sache, - und das auf kosten der arbeitszeit des gerichts.
5. Eine bescheidene Frage
sampleman 14.11.2012
Welcher der Kommentatoren, der sich jetzt über die unglaubliche Dreistigkeit erregt, mit der Frau Koch-Mehrin derzeit juristisch gegen die Aberkennung ihres Doktortitels kämpft, hätte ihr seine Wählerstimme gegeben, bevor die Kritik an ihrer Dissertation öffentlich wurde? Ich finde es mittlerweile ermüdend, wie von exponierten Vertretern des jeweils von einem selbst nicht favorisierten politischen Lagers empört die allerhärtesten Konsequenzen für im Grunde recht unwichtige Fehltritte verlangt werden. Ich bin kein FDP-Wähler, aber Frau Koch-Mehrin hat sicherlich eine politische Agenda, die sie als Politikerin umsetzen wollte, und das kann sie jetzt nicht mehr wegen einer Doktorarbeit zu einem völlig unwichtigen Thema. Ehrlich gesagt: Wenn sie einfach kampflos ihren Schwanz einziehen und sich unter einen großen Stein verkriechen würde - wäre das da Beharrungs- und Durchsetzungsvermögen, das wir von einem Politiker erwarten? Als Reformvorschlag hätte ich zweierlei: Erstens sollte man sich überlegen, ob ein Doktortitel tatsächlich Namensbestandteil sein muss. Schließlich sind die Erkenntnisse für die Wissenschaft, die bei einer durchschnittlichen Promotion im Schnitt so rumkommen, doch meist recht übersichtlich. Und zweitens könnte man Politiker dazu verpflichten, beim Führen ihres Doktortitels dazuzuschreiben, wann und wo sie promoviert haben - und zu welchem Thema. Oder glaubt jemand ernsthaft, es sei für einen Politiker entscheidend, ein profunder Kenner der lateinischen Münzunion von 1860 bis 1927 zu sein?
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