Berliner Plagiatsaffäre: Uni nimmt CDU-Fraktionschef Doktortitel 

Er hat bekommen, was er wollte: Die Universität Potsdam hat dem Berliner CDU-Fraktionschef Florian Graf den Doktortitel aberkannt. Der hatte zuvor eingeräumt, die Hochschule getäuscht zu haben. Nun hofft Graf, dass er bald zur Tagesordnung übergehen kann.

Der Chef der Berliner CDU-Fraktion, Florian Graf, darf sich nicht länger Doktor nennen Zur Großansicht
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Der Chef der Berliner CDU-Fraktion, Florian Graf, darf sich nicht länger Doktor nennen

Ihm habe der Mut gefehlt, um schon früher um die Aberkennung seines Doktortitels zu bitten, schrieb der Berliner CDU-Fraktionsvorsitzende Florian Graf an die Universität Potsdam. Nun ist die Hochschule seinem Wunsch nachgekommen: Am Mittwoch entzog sie dem 38-Jährigen den Titel. Der Promotionsausschuss der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Potsdam habe festgestellt, dass bei der Erstellung der Dissertation "der Tatbestand der Täuschung erfüllt wurde", teilte die Hochschule mit.

"Ich werde gegen diese Entscheidung kein Rechtsmittel einlegen. Sie wird damit bestandskräftig", sagte Graf. Der CDU-Politiker hatte die Aberkennung des Titels selbst vorangetrieben. Er hatte am Montag einen Brief an die Vorsitzende des Promotionsausschusses der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät, Theresa Wobbe, geschickt, in dem er zugab, sich "fremdes Wissen zu eigen gemacht" zu haben. "Ich habe es mir zu leicht gemacht", schreibt Graf. Er habe "eine Täuschungshandlung" begangen und deshalb Ende April den Antrag gestellt, dass ihm der Doktortitel entzogen werde.

Ob er trotzdem im Amt bleiben soll, will die Berliner CDU-Fraktion am Donnerstag in einer Vertrauensabstimmung entscheiden. In der Fraktion gebe es "breite Solidarität", alle Funktionsträger, die sich bislang erklärt hätten, "haben sich für Graf ausgesprochen", hatte Fraktionssprecher Michael Thiedemann zuvor verkündet.

Nach Verfahrensfehler neu begutachtet

Andere Politiker haben im Zuge einer Plagiatsaffäre ihre Ämter abgegeben. Silvana Koch-Mehrin (FDP), die weiterhin juristisch gegen ihren Titelentzug vorgeht, legte alle Parteiämter nieder, blieb allerdings als Abgeordnete im Europaparlament. Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) versuchte zunächst mit einem freiwilligen Rücktritt vom Doktorgrad Schlimmeres zu verhindern. Schließlich war er aber als Minister nicht mehr tragbar.

Graf hatte im Dezember 2010 den Doktorgrad erhalten. In seiner Dissertation behandelte er den Wechsel der Berliner CDU in die Opposition nach langjähriger Regierungszeit. Wegen eines Sperrvermerks ist die Arbeit erst seit kurzem für die Überprüfung zugänglich. Das habe er so mit seinem Erstgutachter beantragt, weil er die Ergebnisse der Arbeit zuvor in einer Fachzeitschrift veröffentlichen wollte, schrieb Graf in seinem Brief an die Dekanin.

Der Sperrvermerkt galt zunächst bis September 2011. Er habe es jedoch nicht geschafft, den Fachartikel bis dahin zu verfassen - wegen seiner "enormen Arbeitsbelastung" als Politiker und weil er gerade Vater geworden war, sagte Graf. Erst im Februar dieses Jahres habe er sich wieder intensiv mit seiner Arbeit beschäftigt, nachdem sich die Universität nach dem Verbleib des Fachartikels erkundigt habe. "Dabei musste ich leider feststellen, dass ich wissenschaftlich an einigen Stellen nicht fehlerfrei gearbeitet habe", schreibt Graf an die Hochschule.

Laut Universität war der Plagiatsverdacht aufgekommen, als Graf den Sperrvermerk für seine Arbeit um ein weiteres Jahr verlängern wollte. Dabei sei ein Verfahrensfehler passiert, im Zuge dessen die Arbeit noch einmal neu begutachtet wurde. Graf sagte, er habe nicht gewusst, dass er die Verlängerung beim Promotionsausschuss und nicht bei der Bibliothek hätte beantragen müssen.

son/cht/dpa

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1. Vater ist er auch noch geworden
Litajao 02.05.2012
Zitat von sysopEr hat bekommen, was er wollte: Die Universität Potsdam hat dem Berliner CDU-Fraktionschef Florian Graf den Doktortitel aberkannt. Der hatte zuvor eingeräumt, die Hochschule getäuscht zu haben. Nun hofft Graf, dass er bald zur Tagesordnung übergehen kann. Plagiatsfall: Uni Potsdam entzieht CDU-Fraktionschef Graf Doktortitel - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,830973,00.html)
Kein Wunder, dass er "seine"Doktorarbeit erst im Februar 2012 nochmals lesen konnte und dann auch gleich feststellte, dass da nicht alles in Ordnung war. M.E. hat Graf wohl "seine"Doktorarbeit zum ersten Mal im Februar 2012 gelesen, wußte vorher wohl nicht, was in "seiner" Doktorarbeit stand. Normalerweise schreibt ein Doktorrand mehr als ein Jahr an seiner Doktorarbeit, hat diese Arbeit zich-mal gelesen und überarbeitet, kennt jeden Satz auswendig. Aber Herr Graf war halt überlastet!! Der Arme!!!
2. Gibt es überhaupt promovierte Politiker ...
gs-hybrid 02.05.2012
... von CDU, CSU und FDP, die ihren Doktortitel ohne Schmu erworben haben? Es ist schon auffällig, das bisher nur Politiker aus dieser Ecke mit Plagiaten auf die Nase gefallen sind. Guttenberg, Vroni Saß (Stoiber-Tochter), Koch-Mehrin, Chatzimarkakis, jetzt auch noch Schavan: Langsam hat man den Eindruck, dass sich in diesen Parteien die Betrüger häufen ...
3. wie wahr ...
collapsar 02.05.2012
Zitat von LitajaoM.E. hat Graf wohl "seine"Doktorarbeit zum ersten Mal im Februar 2012 gelesen, wußte vorher wohl nicht, was in "seiner" Doktorarbeit stand. Normalerweise schreibt ein Doktorrand mehr als ein Jahr an seiner Doktorarbeit, hat diese Arbeit zich-mal gelesen und überarbeitet, kennt jeden Satz auswendig.
ein aspekt, der m.e. viel zu wenig beachtung findet. zur zeit des verfassens der arbeit, zu der - wie Sie richtig bemerken - der (seriöse) autor sein werk en detail und in teilen bis in die ausformulierung kennen sollte, fallen die wissenschaftlichen mängel nicht auf, beim kursorischen lesen jahre nach titelerwerb hingegen schon ? an diese form der betriebsblindheit zu glauben, fällt mir einigermaßen schwer. eine promotion ist schließlich keine seminararbeit und sollte auch über die anforderungen einer abschlußarbeit deutlich hinausgehen. mfg, carsten
4. Titel abschaffen
4qfghei3pers 02.05.2012
Will man den Titelbetrug abschaffen, muß man die Titel abschaffen. Diese dienen ohnehin mehr der eigenen Eitelkeit denn als Nachweis eigener Meriten. Die Dunkelziffer unehrlich erworbener Titel scheint enorm hoch zu sein, wie beim Eisberg, wo der untere Teil auch nicht sofort sichtbar wird. Warum macht man nicht einfach einen Schlußstrich unter dieses unselige Geschacher und schafft alle Titel einfach ab? Wer was kann, ist auf Titel nicht angewiesen.
5.
rainer_daeschler 02.05.2012
Zitat von gs-hybridGibt es überhaupt promovierte Politiker ... ... von CDU, CSU und FDP, die ihren Doktortitel ohne Schmu erworben haben? Es ist schon auffällig, das bisher nur Politiker aus dieser Ecke mit Plagiaten auf die Nase gefallen sind.
Das bedeutet nur, dass in diesen Parteien ein besonders hoher Druck herrscht sich dieses Kompetenz-Mimikrys zu bedienen. Dieser Druck kommt aber auch, weil es in diesen Parteien echte Akademikerkarrieren gibt. Kurt Biedenkopf, Rita Süßmuth, Georg Milbradt und Rupert Scholz sind Persönlichkeiten, die eine Karriere als Professor jenseits ihrer politischen hatten. Da versucht natürlich so mancher in der Partei sich mit unlauteren Mitteln auf Augenhöhe zu hieven. In einer Arbeiterpartei, wie die SPD, oder einer ökologischen Partei, wie die Grünen, ist der Druck wesentlichen geringer sich mit akademischen Attributen zu profilieren. Fazit: Die vielen falschen Doktoren in der Union und der FDP sind nicht durch eine andere Grundhaltung der Mitglieder verursacht, sondern durch den hohen Anteil "echter Akademiker". Das setzt Karrieristen in diesen Parteien besonders unter Druck, derartige Abschlüsse vorzuweisen, auch wenn ihnen das Potential fehlt, sie sich auf regulärem Weg zuzulegen.
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