Lammerts anonymer Plagiatsjäger: Robert Schmidt, Phantom der Fußnoten

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Anonymer Plagiatsjäger: Wer ist das Phantom der Fußnoten?

Pedantischer Besserwisser oder akademischer Superheld? "Robert Schmidt" nennt sich der anonyme Plagiatsjäger, der Bundestagspräsident Lammert unsaubere Methoden in dessen Doktorarbeit vorwirft. Was treibt ihn an? Wie arbeitet er? Und was genau hat er entdeckt?

Jeder gute Comiczeichner und jeder gute Geschichtenerzähler weiß: Es kommt auf die Details an. Erst die Augenringe einer Figur, die Falten im Hemd, der Wind in den Bäumen lassen ein Bild lebendig erscheinen. Das Detail, das vielleicht am meisten über den Plagiatsjäger mit dem Pseudonym "Robert Schmidt" verrät, ist ein fehlender Bindestrich.

"Schmidt" wirft Norbert Lammert, dem Bundestagspräsidenten, vor, in seiner Doktorarbeit unsauber gearbeitet zu haben. Er hat die vermeintlichen Verstöße im Netz dokumentiert, auf der Seite LammertPlag. Zu den verdächtigen Fundstellen zählt "Schmidt" auch einen Bindestrich, der auf dem Weg von einer Primärquelle über die Sekundärliteratur bis hin zu Lammerts Dissertation offenbar verloren gegangen ist. Ein Rechtschreibfehler wird allerdings, auch das entdeckt "Schmidt", auf demselben Weg korrigiert.

Wem fällt so etwas auf? Wer wühlt sich so tief durch Literaturverweise? Und warum wird jemand zu einem Phantom der Fußnoten?

Politiker aus Union und FDP stellen den anonymen Plagiatsjäger, zumindest implizit, als politisch motivierten Pedanten dar. So wettert ein liberaler Bundestagsabgeordneter: Das Aufkommen des Verdachts gegen Lammert könne kein Zufall sein, so kurz vor einer Bundestagwahl. Andere Plagiatsjäger aus dem Netzwerk VroniPlag hingegen beschreiben ihn als jemanden, der " sauber, akribisch und sehr sachlich" arbeite. "Bei Robert Schmidt kann ich keinen Eifer und keinen Zorn erkennen", sagt ein Aktivist.

Robert Schmidt verschleiert seine IP-Adresse

Seine Identität kennen weder Politiker noch Aktivisten, "Schmidt" schützt sie besonders konsequent. Selbst bei VroniPlag taucht er nur auf, nachdem er seine IP-Adresse über das Tor-Netzwerk hat verschleiern lassen - er surft also mit technischer Tarnkappe.

Fragen von Journalisten beantwortet er, wenn überhaupt, per Fax von anonymen Webdiensten aus. Als er noch die Doktorarbeit von Annette Schavan durchleuchtete, beantwortete er die Frage nach dem Warum einmal so: "Bei mir ist es sowohl das Motiv des Spaßes an der Detektivarbeit als auch das Motiv, dass Leute mit einem akademischen Betrug nach Möglichkeit nicht durchkommen sollten." Der "Welt" schrieb er: "Ich möchte nicht in der Öffentlichkeit stehen." Politische Motive bestreitet er, auch Fehlverhalten von SPD-Mitgliedern würde er veröffentlichen, und die Arbeit von Verkehrsminister Ramsauer (CSU) lobte er sogar. Die VroniPlag-Aktivisten sagen, der Plagiatsjäger durchforsche auch die Arbeiten von Nicht-Politikern gründlich. "Robert Schmidt" - ein akademischer Superheld, der seine wahre Identität schützt wie Batman?

Schon bei der Plagiatsaffäre um Karl-Theodor zu Guttenberg wollten viele GuttenPlagger nicht ihren echten Namen veröffentlicht sehen. Einige fürchteten um ihren Job oder ihre Karriere. Und immer wieder verweisen die Online-Dokumentare darauf, dass es nichts an dem Gehalt eines Vorwurfs ändert, ob er nun anonym geäußert wird oder nicht. Zumal auch wissenschaftliche Peer-Reviews anonym vonstatten gehen.

Vieles stellt "Schmidt" abends oder am Wochenende online

Ausdauernd ist "Schmidt" jedenfalls. Auf LammertPlag wurden Fundstellen aus 43 Seiten zwischen dem 20. Juni und dem 25. Juli hochgeladen, zumeist abends, einige offenbar auch nachts. Mehr als ein Drittel der Fundstellen wurde an Wochenenden eingestellt. Das könnte auf einen Freizeit-Plagiatssucher hindeuten - der hohen Aufwand betreibt. 116 Seiten Text hat der Hauptteil der im Jahr 1976 veröffentlichten Doktorarbeit von Lammert. In allen fünf Kapiteln hat "Schmidt" verdächtige Stellen gefunden.

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Doktorarbeit des Bundestagspräsidenten: Das wird Lammert vorgeworfen
Um diese Stellen zu identifizieren, muss "Schmidt" sowohl die angegebenen Primär- als auch die Sekundärquellen genau begutachtet und mit Lammerts Arbeit verglichen haben. Nachdem er auf einem Drittel der Seiten Fehler bei Literaturangaben gefunden hat, meint "Schmidt", ausreichend Belege für seinen Vorwurf zu haben: Lammert gebe in der Arbeit vor, "eine Literaturrezeption geleistet zu haben, die er in diesem Umfang nicht selbst erbracht hat".

Tippfehler weisen auf falsche Quellenangaben hin

Wer die Fundstellen durchsieht, erkennt in der Tat ein Muster: Lammert zitiert in diversen Fußnoten die Originalquellen, hat seine Informationen aber, so der Vorwurf, nur aus Sekundärquellen - aus denen er die Fußnoten übernommen haben soll, ohne sie selbst nachgelesen zu haben. Verschleierung nennen Experten diese Plagiatsform. Belege dafür sind aus Sicht von "Schmidt" unter anderem identische Tippfehler.

So zitiert Lammert zum Beispiel eine Studie des amerikanischen Politologen Samuel S. Barnes über die italienische Partei "Partita Sozialista Italiana". Das Problem: Die Studie stammt von Samuel H. Barnes und handelt von der "Partito Socialista Italiano". Merkwürdig: Ein anderer deutscher Politologe hatte genau dieselben Schreibweisen verwendet - Lammert führt diesen zwar im Literaturverzeichnis auf, suggeriert aber, er hätte die Originalquelle verwendet.

Auch sogenannte Bauernopfer glaubt "Schmidt" auf vielen Seiten von Lammerts Dissertation entdeckt zu haben. So bezeichnen Experten die Übernahme längerer Gedanken von anderen Autoren, die jedoch nur teilweise als Zitate ausgewiesen werden. Vielleicht tröstend: Nur ein Satz in Lammerts Arbeit kommt demnach einem einwandfreien Plagiat ziemlich nahe.

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insgesamt 189 Beiträge
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1. Denunziant
Prä Misse 31.07.2013
Wer auch immer dieser Robert Schmidt sein sollte. Es ist ein fieser Denunziant, der Feige aus der Deckung heraus schießt. Solche Menschen sollten einfach nicht beachtet werden. Hat er uns, berechtigt oder nicht berechtigt, etwas zu erzählen, dann offen und Ehrlich!
2. Bedauernswerte Plagiatsjäger
eule_neu 31.07.2013
Solche Leute sollten mal zum Psychiater gehen. Anstatt die zeit zu verplempern sollte dieser Mann ordentlich Arbeiten gehen. irgendetwas kann an ihm nicht stimmen! Übersteigerter Gerechtigkeitswahn, selbsternannter Richter über wissenschaftliches Arbeiten? Solche Leute können einem nur suspekt sein. Wer in der Gesellschaft steht, der hat für solchen Unsinn nicht viel übrig. Und die presse spielt mit, anstatt die Untersuchungen abzuwarten. Früher galten anonyme Hinweise dieser Art als Krankhaft. Die Gesellschaft sollte solche ächten, solange sie sich nicht zu ihrem Tun mit vollen Namen bekennen. Angst vor einem Staatsanwalt wegen unzulänglicher Anschuldigen? Der schlimmste Mann im ganzen Land ist der Herr Denunziant, daran hat sich bis heute nichts geändert ...
3. Vermeintlicher Qualitätsjournalismus?
manni66 31.07.2013
Vermeintlich bedeutet: irrtümlich, zu Unrecht angenommen. Das ist aber hier nicht gemeint, denn ein Irrtum wird Herrn Schmidt nicht nachgewiesen.
4. optional
thomas.b 31.07.2013
Man muss wissen, dass die Promotion auch mit einer Bewertung einhergeht. Eventuell haben diese unsauberen Passagen damals bereits zu einer schlechteren Bewertung geführt? Ansonsten halte ich die Lammert-Schelte für einen Sturm im Reagenzglas...
5. Dr.No
peterkamm-mueller 31.07.2013
Irgendwie beschleicht mich die Vermutung, dass wir noch öfters von "Robert Schmidt" hören werden. Fleiß, Überzeugung und akribisches Arbeiten sind seine Leitmotive. Also meine lieben Politiker "an der Spitze", sofern Ihr im akademischen Bereich beschissen habt, sind für Euch schwere Zeiten angebrochen. Nun heisst es: Ehrlich sein, gute Arbeit leisten. Und richtig zitieren lernen ;) Glück Auf!
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Die Thesen anderer werden sinngemäß zusammengefasst. Dabei darf aber der Wortlaut nicht identisch sein. Und hier gilt ebenfalls: Auch eine Paraphrase braucht eine genaue Quellenangabe.
Bauernopfer
Man weist einen kleinen Teil des fremden Gedankens mit einer Fußnote aus, schreibt aber dahinter munter weiter ab. Wie immer gilt: Jeder Gedanke, jeder Satz, der nicht von einem selbst stammt, braucht eine Quellenangabe.

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