Analyse von Schavans Doktorarbeit: Ministerin mit Sigmund-Freud-Schwäche

Von Christoph Titz

Der anonyme Plagiatsjäger "Robert Schmidt" hat die Doktorarbeit von Annette Schavan durchsucht und jetzt sein privates Urteil gefällt. Die Fundstellen sind zahlreich, aber weniger drastisch als bei den Copy-Paste-Plagiatoren Koch-Mehrin und Co. Bleibt die Frage: Warum prüft die Uni immer noch?

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dapd

Annette Schavan (CDU): Ihre Doktorarbeit steht weiter in der Kritik

Für Annette Schavan (CDU) ist die Lage misslich: Irgendwo, vermutlich in Deutschland, sitzt ein Akademiker in seinem Kämmerlein und schießt gegen sie, die Bundesbildungsministerin, mit einem ungeheuerlichen Vorwurf: Schavan, in der Regierung zuständig für Wissenschaft und Forschung, soll bei ihrer Doktorarbeit nicht nur schluderig, sondern unredlich gearbeitet haben. Sie soll betrogen haben, die Verstöße seien "in etlichen Fällen nicht entschuldbar", sagte der anonyme Plagiatsjäger "Robert Schmidt" der "Welt".

Sie sieht den Kritiker nicht, sie kennt ihn nicht. Und wenn "Schmidt" wieder gegen sie losschlägt, kann Schavan nichts tun, als zu beteuern, dass ihr das nichts ausmacht und dass sie auf das Ende der offiziellen Prüfung der Uni Düsseldorf wartet. Als die Vorwürfe im Mai ruchbar wurden, ließ sie sich noch dazu hinreißen, die Anonymität der Plagiatsjäger zu kritisieren. Sie könne damit nicht umgehen, sagte sie. Aber sie muss es doch.

Plagiate oder lässliche Sünden?

Am Dienstag erschien auf der Seite schavanplag.wordpress.com ein abschließendes Dokument, eine "Dokumentation mutmaßlicher Plagiate" in Schavans Doktorarbeit. Demnach sollen auf 92 der 326 Seiten (abgezogen sind Inhalts- und Literaturverzeichnis) Übernahmen aus "nicht oder nicht ausreichend" kenntlich gemachten Quellen stehen. Der Hauptvorwurf lautet: "Oft" habe Schavan vorgegeben, aus Primärquellen zu zitieren, wo es sich eigentlich um leicht abgewandelte Übernahmen aus Sekundärquellen gehandelt haben soll.

Das Dokument der anonymen Anklage (hier als PDF) ist 82 Seiten stark und erweckt den Eindruck akribischer Quellenarbeit. Seine Glaubwürdigkeit stellen allerdings zwei Dinge in Frage: Die Richtigkeit der Vorwürfe lässt sich ohne Zugang zu einer umfangreichen philosophischen Bibliothek kaum überprüfen. Schavans älteste Quelle zu Immanuel Kant stammt von 1912, ihr Literaturverzeichnis umfasst 16 Seiten. Außerdem legt der anonyme Ankläger die strengstmögliche Plagiatsdefinition als Maßstab an. Er führt beispielsweise auch sogenannte Bauernopfer auf. Das sind Absätze, die sinngemäß wie in einer Originalquelle wiedergegeben werden und in denen ein wörtliches Zitat steckt, das auch eine korrekte Fußnote trägt. Streng wissenschaftlich betrachtet ein Fehler - im Alltag allerdings sehen Dozenten über solche Stellen hinweg, solange sie nur vereinzelt auftauchen.

Schavans Promotionsschrift "Person und Gewissen", eingereicht 1980, ist aufwendig und versucht im deskriptiven Teil durchaus ambitioniert auf jeweils fünf bis zehn Seiten die Gewissensbegriffe von sieben wichtigen Denkern zusammenzufassen. Dort will der Autor des schavanplag-Dossiers beim Unterpunkt zum österreichischen Psychoanalytiker Sigmund Freud die gravierendsten Stellen gefunden haben: Hier stehen einzelne Sätze aus fremden Werken, die Schavan nicht im Literaturverzeichnis aufgeführt hat. Das wären dann Plagiate ohne Nennung der Quelle.

Weitere Stellen auf gut 20 Seiten weisen umformulierte Übernahmen aus Sekundärquellen auf, die Schavan zwar an anderen Stellen der Arbeit korrekt angibt, allerdings an der entsprechenden Fundstelle auf Primärquellen verweist. Weil hier auch vereinzelt Schreibweisen in Klammern und Rechtschreibfehler übernommen wurden, sieht der Autor des Papiers darin Nachweise für Plagiate.

Erst der Uni-Bericht wird Klarheit bringen

Was wiederum an "Schmidts" Analyse und seinem harten Urteil zweifeln lässt: Schon im Mai, als die ersten Vorwürfe online gingen, waren sich die naturgemäß kritischen Plagiatssucher des Vroniplag-Wiki nicht einig, ob der Anfangsverdacht gegen die Bundesministerin für eine Veröffentlichung der Vorwürfe genügt. "Robert Schmidt", mutmaßlich Mitglied des losen Kollektivs Vroniplag, entschied sich dann zum Alleingang und schwärzte die Ministerin an.

Die Wissenschaftlerin Schavan, der die anonymen Nachforscher nun seit einem knappen halben Jahr am Zeug flicken, schweigt. Ihr Berliner Büro verweist auf die Universität Düsseldorf, die nach wie vor die Arbeit prüft. Wann sie damit fertig ist, will die Uni weiterhin nicht kommentieren. Es gibt jedoch erste Anzeichen dafür, dass die Uni kurz vor dem Ende ihrer Untersuchungen steht.

Dass ein zorniger Einzelkämpfer mit Spaß an der Detektivarbeit schneller leisten konnte, woran das Prüfgremium mit sieben Mitgliedern unter dem Prodekan der Philosophischen Fakultät seit fünf Monaten sitzt, erklärt die Uni so: Die Wissenschaftler im Promotionsausschuss stünden mit ihrem Namen für die Ergebnisse und wegen der Prominenz der Angeschuldigten wolle man in Düsseldorf auf keinen Fall Fehler machen.

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Schavan im Prüfungsstress: "Mit Anonymität kann ich nicht umgehen"
Erst wenn der Bericht der Uni bekannt ist, wird das wahre Ausmaß der Unstimmigkeiten in der 32 Jahre alten Promotionsschrift Schavans genauer erkennbar. Dann ist auch gesichert, dass sich Fachleute für Schavans Forschungsgebiet mit der Arbeit auseinandergesetzt haben.

"Robert Schmidt" schreibt auf schavanplag, für ihn sei die Arbeit an der Doktorarbeit der Ministerin nun abgeschlossen. Er glaube aber, dass es noch weitere nicht genannte Literatur in Schavans Arbeit gibt, die er nicht gefunden hat. Hinweise auf weitere Fehler und Verfehlungen nehme er gerne entgegen.

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1. Seltsame Argumentation
wdiwdi 10.10.2012
"Seine Glaubwürdigkeit stellen allerdings zwei Dinge in Frage: Die Richtigkeit der Vorwürfe lässt sich ohne Zugang zu einer umfangreichen philosophischen Bibliothek kaum überprüfen" Wieso hat das einen Einfluss auf die Glaubwürdigkeit der Vorwürfe? Sind Plagiate aus online-zugänglichen Spiegel-Artikeln anders zu bewerten als solche aus Buchtexten von 1910? Der Plagiatrechercheur hat die Fundstellen genau angegeben - dass man zur Verifikation eine hinreichend sortierte Bibliothek besuchen muss, oder zumindest einen Fernleihezettel ausfüllen muss, sollte den engagierten Spiegel-Redakteur doch nicht schrecken...
2. optional
parresia 10.10.2012
"Streng wissenschaftlich betrachtet ein Fehler - im Alltag allerdings sehen Dozenten über solche Stellen hinweg, solange sie nur vereinzelt auftauchen." schreibt der Verfasser. Bitte, wenn nicht eine Doktorarbeit nach "streng wissenschaftlichen" Kriterien zu verfassen und zu beurteilen ist, was dann? Was hier verharmlosend "Fehler" genannt wird, ist nichts anderes als ein aktiver Versuch, seine Quellen zu verschleiern. Wie soll man sich denn den Vorgang vorstellen: Da sitzt also jemand, fasst das Gelesene zusammen, und dann, ganz aus Versehen, ups, ein Fehler, vergisst man, den Beleg anzuführen? Was bei Guttenberg lächerlich war, ist es bei Schavan nicht weniger.
3.
sprücheklopferklopfer 10.10.2012
Wie verbittert und einsam muss jemand sein, egal ob dieser Schmidt oder die anderen Brüder und Schwestern, um soviel Energie zu investieren, in mühsamen KleinKlein andere zu denunzieren?
4.
bmk-berlin 10.10.2012
Frau Schavan hat wissenschaftliche Standards offesichtlich deutlich unterlaufen und der Titel sollte aberkannt werden. Ich sehe nicht, dass sie als Wissenschaftsministerin noch tragbar ist, denn denn sie verhandelt und repraesentiert Werte und Anliegen, denen sie selbst nicht gewachsen ist. Ihr Titel und das damit verbundene Ansehen sind zu einem nicht kleinen Teil unredlich erworben worden.
5. Das Narrenschiff
Ontologix II 10.10.2012
Was ist das nur für eine Regierung! Ein Finanzminister, der mal in einem Koffer 100.000 DM Schwarzgeld transportiert hat, eine Kanzlerin, die alle drei Monate ihre Meinung in grundsätzlichen Fragen ändert, eine Verbraucherministerin, welche die Agrarlobby vertritt, ein Innenminister, der dieses Amt eigentlich gar nicht haben wollte, ein Entwicklungshilfeminister, der dieses Ministerium abschaffen wollte, ein Verkehrsminister, der dauernd alles Mögliche ankündigt, ein Wirtschaftsminister, der so diskret arbeitet, dass man gar nichts von seinem Wirken hört, und nun eine sittenstrenge und katholisch-fundamentalistische Wissenschaftministerin, die bei ihrer Doktorarbeit geschludert hat. Da wird einem ja der Außenminister richtig sympathisch, der eigentlich als Experte für Innenpolitik bekannt ist.
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