Plagiatsverfahren gegen Schavan: Kampf der Angeschlagenen

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Schavan bei Kabinettssitzung: Ministerin im Titelkampf

Verbündete stärken ihr den Rücken, Gegner fordern ihren Rücktritt - Annette Schavan kämpft um ihren Doktorgrad. Sie fordert neue, externe Gutachten und setzt damit die Uni Düsseldorf unter Druck. Wie beschädigt ist die Bildungsministerin jetzt?

Neue, externe Gutachten müssen her - das fordert Annette Schavan. Ein Mehraugen-Prinzip muss gewährleistet sein - das fordern führende Wissenschaftsfunktionäre. Einen fairen Umgang mit der Bildungsministerin - das fordern CDU-Politiker. Eine zweite Meinung - das fordern angesehene Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen. Schavan sei bis zum Ende der Prüfung als unschuldig anzusehen - das fordert die Kanzlerin.

Einen Tag nach der Entscheidung des zuständigen Fakultätsrats in Düsseldorf, das Verfahren zum Titelentzug gegen Annette Schavan einzuleiten, gibt es Rückendeckung für die Bildungsministerin. Zudem erhöhen sie und ihre Unterstützer den Druck auf die Hochschule, zumindest indirekt.

Schavan formuliert zwar zurückhaltend, aber dennoch nachdrücklich: "Ich gehe davon aus, dass mit der Eröffnung eines ergebnisoffenen Verfahrens jetzt auch verbunden ist, externe Fachgutachten einzuholen." Ansonsten bemühte sich die Ministerin darum, den Mittwoch so normal wie möglich zu gestalten. Am Morgen traf Schavan ihre Kabinettskollegen zur Sitzung, am Nachmittag hielt sie als Honorarprofessorin einen Vortrag in katholischer Theologie an der FU Berlin, abgeschirmt in einer kleinen Villa im Stadtteil Dahlem.

Dass die Vorwürfe sie belasten, daraus hatte Schavan nie ein Geheimnis gemacht. "Es trifft mich im Kern", sagte sie einmal. Die Frage ist nun allerdings: Wie angeschlagen ist sie politisch? Kann sie die Kernaufgabe ihres Amtes noch wahrnehmen, die Bildungs- und Wissenschaftspolitik voranzutreiben?

Was kann Schavan noch politisch durchsetzen?

Noch sind die Rücktrittsforderungen eher verklausuliert. Bei SPD und Grünen heißt es in unterschiedlichen Variationen: Wenn sie den Titel verlöre, müsste Schavan zurücktreten. Der Präsident des Deutschen Hochschulverbands, Bernhard Kempen, sagte im WDR bereits, die Ministerin solle sich überlegen, ob sie dem Amt einen Gefallen tue, wenn sie es weiter wahrnehme.

Schon ohne Plagiatsverfahren ist es für Schavan in ihrem Amt schwer, sich politisch durchzusetzen: Weil Bildung vor allem Ländersache ist, muss sie stets einen Kompromiss suchen - was angesichts der neuen rot-grünen Mehrheit im Bundesrat nicht leichter werden dürfte. Bis zum März wollte sie eigentlich eine Grundgesetzänderung durchdrücken, damit der Bund dauerhaft die Hochschulen finanzieren darf. Bislang geht das nur bei bestimmten Projekten. Doch den SPD-Ländern geht die Novelle nicht weit genug, die Unionsländer möchten am liebsten gar nichts ändern. Auch die überfällige Erhöhung des Bafögs steht jetzt schon im zweiten Jahr aus. Bund und Länder geben sich gegenseitig die Schuld dafür.

Bei Politikern unter Plagiatsverdacht ist es immer schwierig, die politische und die wissenschaftliche Diskussion voneinander getrennt zu halten. Im Fall Schavan ist es das besonders: Eine Wissenschaftsministerin, die sich "nicht nur heimlich" für ihren damaligen Kabinettskollegen Guttenberg schämte, muss um ihren eigenen Titel bangen. Da liegt es nahe, dass die Rücktrittsforderungen im anstehenden Bundestagswahlkampf nicht verstummen werden. Gefährlicher noch könnten ihr die Häme in den eigenen Reihen werden: Ein CSU-Landtagsabgeordneter sagt bereits, es "wäre an der Zeit, dass die Dame sich unheimlich schämt" - eine späte Rache für Schavans Guttenberg-Zitat von einst.

Warum eigentlich neue, externe Gutachten?

Dabei würden Schavan selbst ihre Gegner nicht unterstellen, sie sei eine Promotionsbetrügerin. Ihre Dissertation "Person und Gewissen" aus dem Jahr 1980 ist ein Grenzfall. Zweifellos hat sie Schwächen und es finden sich Dutzende Stellen, an denen Zitate nicht deutlich gekennzeichnet wurden. Ob es aber für einen Titelentzug reicht, darüber lässt sich streiten. Längst gibt es Gutachten und Stellungnahmen, die beide Positionen vertreten. Die Uni ließ sich vorsorglich von einem Rechtswissenschaftler bestätigen, dass sie verfahrenstechnisch alles richtig gemacht habe.

Fraglich ist, ob es geschickt war von den Schavan-Unterstützern, die Uni überhaupt ins Visier zu nehmen. Druck erzeugt meist Gegendruck. Anhänger oder Gegner könnten jetzt argumentieren, das Votum resultiere entweder aus Trotz oder aus Angst - unabhängig davon, ob das Uni-Gremium für oder gegen Schavan entscheidet. Auch die Forderung nach weiteren, externen Gutachten wirkt zwar einerseits nachvollziehbar, andererseits ist ja bereits Expertise externer Wissenschaftler in das Verfahren eingeflossen: Schavan selbst hatte sie ihrer Stellungnahme gegenüber der Uni beigefügt. Zudem gab es bereits Plagiatsverfahren an anderen Unis, die nur auf die Kompetenz ihrer eigenen Leute setzten.

Wie einige Schavan-Unterstützer die Uni angehen, befremdet sowohl renommierte Professoren als auch junge Doktoranden. "Irritierend", nannte es akademisch-vorsichtig der Vorsitzende des Philosophischen Fakultätentages, Tassilo Schmitt, "wenn nicht nur aus der Politik, sondern auch von Vertretern aus Wissenschaft durch unangemessene Vorwürfe und Unterstellungen öffentlich Druck ausgeübt wird".

Hochschulverbandspräsident Kempen, sagte über Schavans Unterstützer: Sie "erweisen der Wissenschaft einen Bärendienst, wenn sie den fatalen Eindruck entstehen lassen, politisch wünschenswerte Ergebnisse könnten öffentlich herbeigeredet werden". Und nicht nur Verschwörungstheoretiker finden es merkwürdig, wenn ausgerechnet jene Wissenschaftsorganisationen der Ministerin beispringen, die finanziell besonders abhängig sind von ihr. Deren Forderungen seien parteiisch, sagte etwa der Berliner Juraprofessor Gerhard Dannemann im Deutschlandfunk.

Schavan selbst beteuerte am Mittwoch, sie habe mit "zahlreichen Fachwissenschaftlern eingehend über die Plagiatsvorwürfe" gesprochen. Nach wie vor sei sie überzeugt, dass ihre "Dissertation kein Plagiat ist". Sie ließ das Statement von der Pressestelle ihres Ministeriums verbreiten. Was wiederum die Trennung zwischen Politikerin und promovierter Wissenschaftlerin nicht einfacher macht.

Mit Material von dpa

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insgesamt 94 Beiträge
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1. Ein Machtkampf
adam68161 23.01.2013
zwischen angeblich "reiner" Wissenschaft und Politik, sonst nichts. Erwin Teufel muss es schütteln. Andere freuen sich wie die Schneekönige. Was hat der Rest der Welt von solchem Gezänk?
2. Wer- nun ?
nun-ja 23.01.2013
wer hat jetzt eigentlich betrogen? Die Uni mit ihrem Gutachtwen, deshalb neue Gutachten - oder Schavan mit ihrer Diss.
3. Am 22.09.2013, 18.00 Uhr ...
Heimatloserlinker 23.01.2013
Zitat von sysopVerbündete stärken ihr den Rücken, Gegner fordern ihren Rücktritt - Annette Schavan kämpft um ihren Doktorgrad. Sie fordert neue, externe Gutachten und setzt damit die Uni Düsseldorf unter Druck. Wie beschädigt ist die Bildungsministerin jetzt? Plagiatsverfahren: Schavan wehrt sich gegen Uni Düsseldorf - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/plagiatsverfahren-schavan-werht-sich-gegen-uni-duesseldorf-a-879237.html)
... erledigt sich das Problem der Bildungsministerin Schavan doch von alleine.
4. Wäre ja noch
eisbaerchen 23.01.2013
Zitat von sysopVerbündete stärken ihr den Rücken, Gegner fordern ihren Rücktritt - Annette Schavan kämpft um ihren Doktorgrad. Sie fordert neue, externe Gutachten und setzt damit die Uni Düsseldorf unter Druck. Wie beschädigt ist die Bildungsministerin jetzt? Plagiatsverfahren: Schavan wehrt sich gegen Uni Düsseldorf - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/plagiatsverfahren-schavan-werht-sich-gegen-uni-duesseldorf-a-879237.html)
schöner, wenn Promovierte anschliessend selber darüber urteilen ob ihre Arbeit ein Plagiat oder Teil-Plagiat ist oder nicht. Dann kann ich auch dem Hund das hüten der Wurstvorräte anvertrauen...Frau Schavan sollte endlich mal aufhören sich selber als reine weisse Unschuld hinzustellen, das Gremium an der Uni Düsseldorf wird schon einen gewissenhaften Job machen!
5. Was hat das denn
eisbaerchen 23.01.2013
Zitat von sysopWas mich bei dieser Dame viel mehr interessieren würde als ihre fragliche Doktorwürde, ist ihr Familienstand. Bei der Vorentscheidung zu Landtagswahl in BW wurde gemutmaßt, dass diese Dame evtl. "lesbisch" sei... wenn man Sie heute so anschaut, ohne jeglichste Famlienbande, könne sich dieser Eindruck durchaus bestätigen.... einfach unfassbar, dass man als DEUTSCHE Politikerin sich derartig nicht OUTEN muss oder sollte. Mit 50 Jahren ohne Ehemann und Kinder darf einem doch wohl äußerst suspekt erscheinen und auf entsprechene Auflärung hoffen.
jetzt mit der Promotion zu tun? Oder was wollen Sie damit sagen?? Ich mag diese dame zwar auch nicht, aber das ist doch nun wirklich Privatsache und völlig uninteressant....
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DPA
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